Lindy Hop in Wien: Zwischen Retro-Chic und moderner Subkultur

Von Alexander Lehner
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Die Lindy Hop-Szene in Wien wächst mehr und mehr.
Die Lindy Hop-Szene in Wien wächst mehr und mehr. - © Flickr/Gregor Hofbauer/CC BY-NC 2.0
Swing-Events und Lindy Hop-Tanzkurse boomen derzeit in Wien. 6 Gründe, warum sich junge Menschen wie ihre Urgroßeltern anziehen und feiern.

Paare wirbeln in hohem Tempo über die Tanzfläche. Frauen mit eleganten, eng taillierten Kleidern, die bei jeder Drehung durch die Luft wirbeln. Männer mit Gilet und Schiebermütze oder Hosenträgern und schickem Hut. Dazu spielt Swing. Was wie eine Szene aus einem Hollywood-Film der 1930er-Jahre klingt, beschreibt in Wirklichkeit ein typisches Swing-Event in Wien: Der „Swing Sunday“ im Café Leopold, „The Eightcount“ im Elysium und „Swing The Boat“ am Badeschiff zählen zu den regelmäßigen Tanzveranstaltungen, die derzeit in Österreichs Hauptstadt boomen. Wien ist im Swing-Fieber und ich tanze mit!

Lindy Hop: Der Tanz mit viel Swing

Vor etwa einem Jahr habe ich beim Konzert einer Big Band zum ersten Mal Swing-Tänzer in Aktion gesehen. Begeistert von den schnellen, lässigen Tanzbewegungen habe ich mich prompt für einen Lindy Hop-Kurs angemeldet. Lindy was? Lindy Hop ist ein Paartanz aus der Familie der Swing-Tänze, der in den 1920er- und 30er-Jahren in den Tanzclubs von Harlem, New York, entstand. Daneben gibt es noch weitere Swing-Tänze wie Balboa, Shag und Charleston. Lindy Hop ist aber der mit Abstand populärste dieser Tänze, auch in Wien.

lindi1Bild: Flickr | Gregor Hofbauer | CC BY-NC 2.0

Immer mehr Vereine und selbst traditionelle Tanzschulen bieten inzwischen Lindy Hop-Kurse an – und der Andrang ist groß: „Wir sind voll!“, erzählt Sandra Krulis, Trainerin bei Österreichs größtem Swing-Verein „Some Like It Hot“, mit einem zufriedenen Lächeln. „Für die neuen Beginner-Kurse, die im Februar starten, haben sich bereits über 100 Leute angemeldet.“ Um die hohe Nachfrage besser abdecken zu können, erweiterte der Wiener Verein im Jänner spontan sein Angebot um zwei zusätzliche Beginner-Kurse. Im neuen Semester nehmen insgesamt knapp 600 Mitglieder an den Lindy Hop-Kursen und Swing Specials (Balboa und Shag) teil.

Andrang in Wien reißt nicht ab

„Der Andrang auf unsere Kurse wächst nach wie vor“, bestätigt auch Tobias Roschger, Trainer und künstlerischer Leiter bei der „IG HOP“, den aktuellen Lindy Hop-Boom. „Allerdings wächst die Szene eher langsam, da nur ein kleiner Prozentsatz dieser Leute dann tatsächlich tanzen geht.“ Die Ende 2011 gegründete Interessengemeinschaft hat sich zum Ziel gesetzt, einen zeitgemäßen Rahmen für die Entwicklung der Wiener Szene zu schaffen – mit moderner Ästhetik statt Retro-Design, kleinen Kursgruppen und „ohne stereotype Geschlechterrollen“. „Wir sind keine Nostalgiker und möchten ein kritisches Bewusstsein in Bezug auf die Swing-Ära schaffen“, so Tobias.

Das steigende Interesse an Lindy Hop schafft auch Raum für neue Angebote: Die erst letztes Jahr gegründete Organisation „SwingAUT“ bietet ebenfalls zahlreiche Kurse in Wien an. Auch die Bundesländer ziehen mit: In Salzburg veranstaltet der Verein „Swing and the City“ bereits seit längerem Swing-Tanzkurse, Workshops und Partys. Seit April 2014 belebt mit „All That Swing“ ein zweiter Verein die lokale Szene. Auch in Graz, Linz und Innsbruck wachsen langsam eigene Swing-Communitys heran.

„Ich glaube, so eine Community aufzubauen braucht einfach seine Zeit“, merkt Sandra vorsichtig an. Ihr Interesse an Lindy Hop begann Ende der 80er-Jahre, als sie alte Filme mit Lindy Hop-Einlagen im Kino sah. In der Zeit vor YouTube und Breitband-Internet war es aber schwierig, an das Filmmaterial für Übungszwecke ranzukommen: „Wir mussten damals eine Postkarte nach New York schicken und sechs bis acht Wochen später kam dann die Kassette. Nur hatten sie in Amerika ein anderes Format, das wir auf unseren VHS-Rekordern nicht abspielen konnten. Also mussten wir einen Rekorder kaufen, der mit dem amerikanischen System kompatibel war!“

Im Jahr 2000 trat Sandra „Some Like It Hot“ bei, zwei Jahre nach Gründung des Wiener Vereins. „Ein bis zwei Jahre lang waren wir, glaube ich, nur acht Tänzer!“, erinnert sie sich an die schwierige Anfangsphase. Da es noch keine regelmäßigen Swing-Events gab, stürzte sich die Gruppe auf jede Live-Band, zu der man halbwegs gut Lindy Hop tanzen konnte. Heute fällt der Einstieg leichter: Videos mit Lindy Hop-Moves sind online abrufbar und in Wien kann man mittlerweile fast jeden Abend Swing-Tanzen gehen.

Der Lindy Hop-Boom scheint unaufhaltsam und treibt mitunter auch ungewöhnliche Blüten. Oder ist das Ganze doch nur ein flüchtiger Hype mit Ablaufdatum?

6 Gründe, warum Lindy Hop mehr ist als ein bloßer Mode-Trend

1) Lindy Hop ist eine seit vielen Jahren etablierte Subkultur

Die Swing-Szene stellt eine fest etablierte Subkultur dar, die für Außenstehende oft schwer zugänglich ist! Das beginnt schon bei der Sprache: Wir verabreden uns nicht zum Tanzen sondern gehen auf einen „Social“ (kurz für: „Social Dance“). Lindy Hop-Tänzer bezeichnen sich als „Hepcats and Kittens“ und zum Geburtstag gibt es einen „Birthday Jam“ – was mich direkt zum nächsten Punkt bringt: Rituale! Kaum ein Social kommt ohne „Shim Sham“ aus: Beim Einsetzen eines bestimmten Liedes stellen sich plötzlich alle wie von unsichtbarer Hand geleitet in Reihen auf und tanzen eine fix einstudierte Choreographie. Gut möglich, dass euch der „Shim Sham“ bereits in Form eines Flashmobs begegnet ist.

In der Lindy Hop-Community gelten eigene Regeln, angefangen vom erwünschten Verhalten auf der Tanzfläche bis hin zum Rotationsprinzip: Das häufige Wechseln des Tanzpartners gehört zum guten Ton. Bereits im Beginner-Kurs drillen dich die Trainer mit einem alle paar Minuten erschallenden „Rotate!“. Wenn du dann das erste Mal einer wildfremden Person den Arm um die Hüfte legst und ihre Hand nimmst, fühlt sich das noch komisch an, wird aber schnell zur Normalität. Merke: Wenn dich ein Lindy Hopper zum Tanz auffordert, will er in der Regel auch wirklich nur tanzen!

2) Geschichte des Lindy Hop: Voller Mythen und Ikonen

Das beginnt schon beim Namen selbst, der laut allgemein akzeptiertem Kanon auf Charles Lindbergh, den ersten Nonstop-Atlantik-Überflieger, zurückgeht: An dem Abend, als New Yorker Zeitungen „Lucky Lindy Hops the Atlantic“ titelten, fragten Journalisten einen der Tänzer im Savoy Ballroom, was er denn hier mache. Darauf soll er geantwortet haben: „I’m doin’ the Hop… the Lindy Hop!“

Apropos Savoy: Der 1926 eröffnete Nachtclub in Harlem war einer der ersten Clubs in den USA, in denen Schwarze und Weiße willkommen waren, während Afroamerikaner im Rest des Landes noch einer strengen Rassentrennung unterworfen waren und im Bus hinten sitzen mussten. Auch Frankie Manning, „Ambassador of Lindy Hop“ und einer der Begründer des Tanzes, lernte im Savoy seine ersten Schritte. Der Erfinder der „Air steps“ war maßgeblich am Swing-Revival in den 80er-Jahren beteiligt und reiste bis zu seinem Tod im Alter von 94 Jahren um die Welt, um Lindy Hop zu unterrichten. Das nenne ich Commitment!

Der Hang der Swing-Community zur Idealisierung ihrer „Oldtimer“ hat aber auch Schattenseiten, wie der Fall von Sarah Sullivan zeigt: In einem vor kurzem publizierten Blog-Artikel berichtet sie von sexuellen Übergriffen des deutlich älteren, angesehenen Lindy Hop-Trainers Steven Mitchell als sie 17 Jahre alt war. Mitchell habe seine Autorität ausgenutzt, ihr Alkohol gegeben und versucht, mit ihr zu schlafen. Der Artikel hat eine breite Diskussion über „ungesunde Heldenverehrung“ und „sichere Tanzflächen“ in der Community ausgelöst. Auch Tobias sieht es kritisch, wenn Lindy Hop-Tänzer „zu großen Stars hochstilisiert werden, die das von ihrer Persönlichkeit her gar nicht tragen können und damit überfordert sind.“ Er spricht sich dafür aus, mehr Selbstbewusstsein unter den Frauen zu schaffen, etwa indem man sie dazu animiert, als Leader zu tanzen.

3) Männer führen, Frauen folgen – nicht unbedingt!

Im Lindy Hop tanzt man entweder als Leader oder Follower, wobei diese Rollen nicht an das Geschlecht geknüpft sind. Frauen als Leader, Männer in der Follower-Rolle und auch gleichgeschlechtliche Tanzpaare sind in der Swing-Szene nichts ungewöhnliches. Einige Lindy Hopper wie die US-Amerikanerin Rebecca Brightly prangern jedoch einen gewissen Sexismus in der Community an: Von Frauen werde erwartet, sich in die Follower-Rolle zu fügen, da diese als feminin angesehen werde, während die Leader-Rolle als maskulin gelte.

Tatsächlich sind auch in Wien die Mehrheit der Leader männlich und Follower meist weiblich. „Aber das entscheidet ja jeder selbst“, hält Sandra dagegen. „Es wird auch immer aktueller, dass Frauen sagen, sie wollen Leader werden, und männliche Leader sagen: Ich will auch die andere Seite kennenlernen.“ Auch wenn der Leader quasi den Tanz entscheidet, hat man als Follower immer noch Freiheiten in der Ausführung. „Der Leader spannt einen Rahmen, eine Leinwand, in der der Follower als Hauptakteur das Bild ausmalt“, erklärt Tobias. „Ab einem gewissen Level verschwimmen auch die Grenzen zwischen Leading und Following. Da entsteht ein gewisses: sich gegenseitig inspirieren.“

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Bild: Flickr | Gregor Hofbauer | CC BY-NC 2.0

4) Lindy Hopper erwecken Mode der Swing-Ära zum Leben

Hosenträger, Gilet, Fliege und Schiebermütze für den Mann. Taillierte Kleider mit ausgestellten, weit schwingenden Röcken für die Frau. In der Swing-Community erlebt die Mode der 30er bis 50er-Jahre ein Revival. Das Ganze sieht nicht nur ziemlich stylisch aus, sondern dient auch als Erkennungszeichen: „Schau, die gehen sicher auch auf den Social!“

Lindy Hop ist ein Lifestyle, den man gerne nach außen trägt: „Wenn ich Kleider kaufe, dann kaufe ich Vintage“, bekennt auch Sandra, die als Swing DJane „The Beam“ immer stilgerecht gekleidet auflegt. „Ich meine damit aber nicht das 80er-Jahre-Vintage, das es jetzt überall zu kaufen gibt, und auch nicht die H&M-Shirts vor sieben Jahren. Ich meine: Vintage-Vintage, also Vorkriegs-Kleidung.“ Fündig wird sie dabei meist auf Flohmärkten.

Auch Tobias findet es interessant, sich von der Mode inspirieren zu lassen, mit der ursprünglich Lindy Hop getanzt wurde: „Ich denke, dass Kleidung die Körperhaltung verändert und die Bewegungen anders ausschauen lässt. Tanzen ist auf jeden Fall kein Sport und daher sollte sich die Mode auch nicht dem Paradigma der Funktionalität unterwerfen.“ Für Sandra stellen Lindy Hop und Vintage-Kleidung eine Einheit dar: „Wenn du die Mode der Swing-Zeit trägst, hast du ein Movement in der Kleidung. Tanzt du hingegen Lindy Hop in einer Jogginghose oder engen Jeans, dann wirbelt da nichts. Das macht keinen Wind!“ Der Vintage-Look ist aber keine Pflicht. Auch mit T-Shirt und Jeans ist man beim Social willkommen. Für Swing-Partys im festlichen Rahmen sollte man sich aber rausputzen.

5) Internationales Netzwerk von Swing-Enthusiasten

Die Wiener Lindy Hop-Community ist keine isolierte Gruppe, sondern Teil eines globalen Netzwerks von Swing-Enthusiasten. Die Vereine laden regelmäßig Tänzer aus aller Welt ein und organisieren mit ihnen Workshops und Partys. „Das ist besonders wichtig für die Community. Du kannst ja nicht 600 Leute quer durch Europa schicken!“, betont Sandra.Darüber hinaus messen sich die besten Lindy Hop-Tänzer bei internationalen Turnieren wie den International Lindy Hop Championships.

Die Mutter aller Lindy Hop-Events ist das fünfwöchige „Herräng Dance Camp“ in Schweden, wo jeden Sommer Swing-Begeisterte aus aller Welt zusammenkommen und praktisch rund um die Uhr Workshops und Partys veranstalten. „Herräng hat mir extrem gut gefallen, das ist ganz anders als die üblichen Workshops“, erinnert sich Sandra an ihre Teilnahme am Dance Camp. „Ich war mit Zelt und Schlafsack dort, aber eigentlich schläfst du nicht, weil die Sonne nicht untergeht. Es gibt die berühmte Herräng-Krankheit: Du denkst die ganze Zeit es ist 21 Uhr, in Wirklichkeit ist es schon 4 Uhr in der früh! Und um 10 Uhr fängt schon der nächste Kurs an.“

Ein weiterer essentieller Bestandteil der internationalen Lindy Hop-Kultur ist der sogenannte „Lindy Exchange“, bei dem aus dem Ausland angereiste Tänzer privat bei lokalen Lindy Hoppern untergebracht werden, ähnlich wie Couchsurfing. „Some Like It Hot“ veranstaltete etwa letzten November den ersten „Vienna Swing Exchange“ mit Partys, Performances und Stadtführungen.

Die Förderung von Lindy Hop als artistischer Kunstform steht hingegen beim „Dancers in Residence“-Programm der „IG HOP“ im Vordergrund: Internationalen Lindy Hop-Tänzern werden Wohnung und Trainingsraum in Wien zur Verfügung gestellt, so dass sie sich in Europa vernetzen und zur Weiterentwicklung des Lindy Hop beitragen können. „Wir wollen eher Underdogs mit einem originären Stil fördern“, erklärt Tobias und betont: „Wir binden sie möglichst stark in die Wiener Szene ein, damit sie hier auch Spuren hinterlassen.“

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Bild: Lindy Hop-Workshop mit Frankie, 2007 (Flickr | B.L. Ochman | CC BY-NC-ND 2.0)

6) Es macht einfach unglaublich viel Spaß!

Ob alt oder jung, Single oder Pärchen, homo oder hetero – die Swing-Community ist ein bunt gemischter Haufen an Leuten, die die Liebe zum Tanz und zur Musik verbindet. „Lindy Hop bedeutet für mich, ein weiteres Instrument zu sein, das mit der Musik spielt. Die Musik mit dem Körper und gemeinsam mit dem Partner ausdrücken zu können“, beschreibt Tobias seine Faszination für den Tanz.

Im Gegensatz zu vielen Standardtänzen sitzt beim Lindy Hop das Korsett nicht so eng. Der Tanz lässt Raum für Inspiration und lebt vom Improvisieren. „Lindy Hop ist wahnsinnig individuell, jeder tanzt ja anders“, findet auch Sandra. Man bleibt locker, geht in die Knie und spielt mit der Musik. „Aber es ist kein einfacher Tanz“, gibt Tobias zu Bedenken. „Nur wenn die Leute den nötigen Ehrgeiz entwickeln, bleiben sie am Tanz dran und lassen die Szene wachsen.“ Auch in der österreichischen Lindy Hop-Szene gilt: „It don’t mean a thing if it ain’t got that swing!

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