“Katzentisch”: Autor Michael Ondaatje über das Wiener Gratis-Buch

Schriftsteller Michael Ondaatje bei der Eröffnung der Gratis-Buchaktion "Eine STADT. Ein BUCH." in Wien
Schriftsteller Michael Ondaatje bei der Eröffnung der Gratis-Buchaktion "Eine STADT. Ein BUCH." in Wien - © APA/HERBERT PFARRHOFER
“Katzentisch” am Büchertisch: In Wien ist am Dienstag die Verteilung des Gratisbuchs 2016 offiziell gestartet. Der Roman von Michael Ondaatje erzählt die Geschichte eines kleinen Buben, der alleine per Schiff von Sri Lanka nach England reist.

Der 1943 in Colombo geborene und in Kanada lebende Autor war bei der Auftakt-Aktion in Wien persönlich mit dabei. 100.000 Exemplare des 2011 erschienenen Romans werden ab sofort kostenlos verteilt.

Michael Ondaatje: “Es ist verrückt”

Dass tausende Wiener in den nächsten Wochen sein Werk lesen, findet der Autor durchaus amüsant, wie er im APA-Gespräch gestand.

“Es ist verrückt. Bisher hab ich lediglich erlebt, dass 400 Menschen bei einem Theaterstück, das nach einem meiner Bücher entstanden ist, beim gleichen Scherz zur gleichen Zeit lachen. Aber Romane werden üblicherweise privat gelesen, zwar auch simultan, aber an unterschiedlichen Orten, also etwa in Alberta oder in Stockholm,” so Ondaatje.

Wiener Gratis-Buch: Keine Autobiografie, aber doch fast

Das Buch behandelt Themen wie Migration und Herkunft – und fußt auf einer wahren “Begebenheit”: Michael Ondaatje hat im Alter von elf Jahren selbst die Schiffspassage aus seinem Geburtsland Ceylon (heute: Sri Lanka) ins ferne Europa unternommen. Er reiste nach London zu seiner Mutter, um dort die Schule zu besuchen.

Allerdings hat er kaum mehr Bilder der Überfahrt im Kopf, wie er gesteht: “Ich weiß noch, dass ich der Einzige war, der nicht seekrank wurde und dass ich die ganze Zeit Tischtennis gespielt habe. Aber an die anderen Kinder dort erinnere ich mich kaum mehr, das musste ich erfinden.”

“Katzentisch”: So entstand der Titel

Für den Titel “Katzentisch” ist indirekt seine deutsche Lektorin verantwortlich, berichtete Ondaatje. Diese habe ihm erzählt, dass im Deutschen der schlechte Tisch im Restaurant so genannt wird. Er habe gefunden, dass diese im Englischen nicht gebräuchliche Bezeichnung auch gut für den Platz der Lausbuben auf dem Schiff passe.

Der Neubeginn in der Hauptstadt des britischen Empires war keinesfalls einfach: “Ich war dort ein völliger Fremder, es war wie ein anderer Planet.” Und es waren vor allem die alltäglichen Dinge, die sich für ihn änderten. Etwa: “Ich hatte immer nur Sandalen an und musste nun Socken anziehen.” Dass Migration inzwischen vor allem für Ängste sorgt, sei traurig – auch wenn er “keine Ahnung” habe, wie diese reduziert werden könnten.

Ondaatje über Zuwanderung als Chance

Wichtig sei jedenfalls: “Man braucht Politiker, die Zuwanderung als Chance verstehen und nicht als etwas, vor dem man Angst haben muss.” Auch wenn Michael Ondaatje nicht den Eindruck hat, dass diesbezüglich momentan Erfreuliches passiert: “Es ist furchtbar. Wir wählen die schlimmste Leute.”

Die vom Echo-Medienhaus organisierte Verteilaktion “Eine Stadt. Ein Buch” findet heuer zum 15. Mal statt. Aus Anlass des Jubiläums gibt es im ORF-Funkhaus eine kleine Ausstellung mit Porträts der bisherigen Autoren, die der Künstler Oskar Stocker geschaffen hat. Mit dabei waren seit 2002: Frederic Morton, Imre Kertesz, Johannes Mario Simmel, John Irving, Toni Morrison, Nick Hornby, Ruth Klüger, Irvin D. Yalom, Dai Sijie, Mario Vargas Llosa, Rafik Schami, T. C. Boyle, Anna Gavalda und im Vorjahr Jostein Gaarder.

(apa/red)

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