Jüdische Opfer in Wien: Neues Online-Tool zeigt Geschichte der NS-Zeit

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Neue App für Geschichtsinteressierte.
Neue App für Geschichtsinteressierte. - © APA/DÖW
Allein in der Wiener Innenstadt sind mehr als 5.000 Juden dem Terror der Nazis zum Opfer gefallen. Das Schicksal dieser Menschen kann nun mittels eines neuen, vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) entwickelten Online-Tools nachvollzogen werden.

Das Motto des Projekts lautet “Digital Memory – Taking the DÖW Archive to the streets”. Das Tool trägt den Namen “Memento Wien”.

Ab Freitagnachmittag gehen vier Internetadressen in Deutsch und Englisch online: http://mementowien.at; http://mementowien.org; http://mementovienna.at und http://mementovienna.org ans Netz. Der Zeitpunkt ist nicht zufällig vor dem Gedenken an den Novemberpogrom am 9./10. November gewählt.

Geschichte der Opfer der NS-Zeit

Mit Verwendung von Georeferenzierung und GPS-Standortbestimmung können Interessierte mehr über die Opfer an bestimmten Plätzen der Innenstadt erfahren. Verknüpft sind damit unter anderem Infos aus den DÖW-Opferdatenbanken, Dokumente und Fotos aus dem Dokumentationsarchiv. Kurze Texte liefern dazu kompakte Information.

Ziel des DÖW war es, die Vertreibung und Ermordung österreichischer Jüdinnen und Juden virtuell sichtbar zu machen, ohne in das Stadtbild einzugreifen. Auch geht es darum, die Schicksale der Menschen, die sich hinter nackten quantitativen Erfassungen verbergen, darzustellen. Ein Beispiel: An der Adresse Stoß im Himmel 3 stand ein Haus mit “Sammelwohnungen”. Das Wiener Wohnungsamt zwang Juden vor ihrer Deportation in solche meist schlechteren und kleineren Quartiere. Neben dem Stoß im Himmel 3 fanden sich solche “Judenhäuser” im ersten Bezirk in der Marc-Aurel-Straße 5 oder in der Sterngasse 11.

Wiener Orte mit bewegender Historie

In das Haus am Stoß im Himmel 3 wurde unter anderem die Familie des Textilkaufmanns Arthur Chat gezwungen. Seine beiden älteren Töchter Martha und Elisabeth konnten nach Großbritannien flüchten, die jüngste Edith blieb bei ihrer Familie in Wien. Sie wurde am 14. Juni 1942 aus der Wohnung Stoß im Himmel 3/8 nach Sobibor deportiert und dort ermordet.

Ihre Eltern wurden nicht einmal ein Monat später in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Arthur Chat starb dort, die Ärzte gaben eine Lungenentzündung als Todesursache an. Seine Frau Gertrude wurde am 23. Jänner 1943 nach Auschwitz überstellt und dort ermordet. Sie war eine von mehr als 90 Ermordeten, die vor ihrer Deportation den Stoß am Himmel 3 als letzte Wohnadresse hatten. Alle diese Informationen werden über “Memento Wien” abrufbar sein.

Mobile Website

Die mobile Website berücksichtigt auch Opfer der politischen Verfolgung. So führt die Adresse Riemergasse 9 zu Informationen über vier Bewohner, unter ihnen der Rechtsanwalt Karl Wanner. Er wurde am 8. Februar 1943 von der Gestapo Wien festgenommen. Wanner wurde wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt und blieb bis zur Befreiung Wiens in Haft.

Das Projekt wurde von Wolfgang Schellenbacher betreut und in Zusammenarbeit mit der Firma Braintrust GmbH entwickelt. Finanziert wurde die Website vom Wissenschaftsministerium, vom Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus sowie vom Zukunftsfonds der Republik Österreich.

(APA)

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