Jazz Fest Wien: Jamie Cullum heizte der Staatsoper ein

Jamie Cullum gibt auf der Bühne Gas.
Jamie Cullum gibt auf der Bühne Gas. - © APA/Georg Hochmuth
Der britische Musiker Jamie Cullum verwandelte im Rahmen des Jazz Fest Wien die Staatsoper in eine Tanz-Location.

Jamie Cullum gehört zu den größten Entertainern seiner Zunft. Dass ihn keine noch so altehrwürdige Location daran hindert, sein Publikum in Rekordzeit zum Mitklatschen, -tanzen und -singen zu bringen, stellte der 36-jährige Brite Mittwochabend in der Wiener Staatsoper unter Beweis: Das Jazz-Fest-Publikum wickelte das Springinkerl mit Liza-Minnelli-Frisur locker um den Finger.

Man könne gerne Unterwäsche nach ihm werfen, auch wenn man in der Staatsoper sei, verbat sich der Jazzer zu Beginn allzu steife Etikette – eine Aufforderung, die ungeachtet so mancher Liebesbezeugungen aus dem Publikum bis zum Ende unerfüllt blieb. Ansonsten fraßen die Fans Cullum jedoch aus der Hand, mit der er die hinteren Reihen heranwinkte (“Die Wahrheit ist: Sie können euch nicht alle stoppen”). Die Oper wandelte sich so zur Tanzlocation, in der auch die stark vertretenen Hemd- und Sakkoträger im Auditorium nicht mehr an sich hielten.

Jamie Cullum: Eine Stimme, wie ein Instrument

Angereist war Cullum mit seiner vierköpfigen Band – allesamt ebenso Multiinstrumentalisten wie ihr Boss, die mühelos zwischen Percussion und Saxofon, zwischen Trompete und Gitarre wechseln. Letztlich setzt Cullum selbst seine Stimme wie ein Instrument ein, das mit den anderen Klängen verschmilzt, nicht herausragt, während ihr Träger auf seinem Bösendorfer-Flügel herumspringt und die Boxen erklimmt, um mit den Proszeniumslogen zu flirten.

Über weite Strecken des gut zweistündigen Abends gönnte der Sänger dabei weder sich noch seinen Fans eine Atempause und wechselte von einer Nummer zur nächsten mit fliegenden Übergängen, die Stile dabei wild durcheinanderschüttelnd. Jazz mit den obligatorischen Soli der einzelnen Instrumente wird da gepaart mit ein bisschen Crooner, 50er-Jahre-Rock im Stile von Jerry Lee Lewis mit härteren Coverversionen. Stephen Sondheims Musical “Sweeney Todd” steht in trauter Eintracht mit Bruno Mars’ “Uptown Funk” oder “Blackbird” der Beatles – allesamt im Cullen’schen Improvisationsfuror durch die Mangel gedreht. Wenn dem Briten dabei bisweilen eine Strophe entfällt, wird einfach mit einem “Something, Something” frei weitergedichtet.

Dass in diesem respektlosen Umgang des Sängers mit dem interpretierten Material seine eigentliche Stärke liegt, zeigte sich nicht zuletzt am Abschiedssolo, bei dem er ein Liebeslied an Wien (und dessen Schnitzel) improvisierte. Mit all dieser ausgedampften, ehrlichen Liebe zu den Noten gelingt Cullum zeitlos sympathische Musik im Grenzbereich zwischen Jazz, Pop und Pianobar, die er mit kleinen politischen Einsprengseln wie einem “I Love You Europe” als Brexit-Statement oder einem Mittelfinger für Donald Trump garniert. Der Großteil des Publikums verließ die Opernweihestätte jedenfalls mit einem Lächeln.

(APA, Red.)

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