Jack – Kritik und Trailer zum Film

Jack – Kritik und Trailer zum Film
Regisseurin Elisabeth Scharang hat sich mit Jack Unterweger eine der schillernden Figuren der österreichischen Nachkriegsgeschichte als Sujet genommen, lässt der einst gefeierte “Häfenliterat” und in erster Instanz verurteilte Serienmörder doch auch 21 Jahre nach seinem Tod nur wenige kalt.


Wir lernen den Steirer Jack Unterweger (Johannes Krisch) als Mittzwanziger im Jahr 1974 kennen. Mit seiner Jugendliebe Charlotte (Sarah Viktoria Frick) bildet er ein berüchtigtes, räuberisches Liebespaar, das schon bald getrennt wird: Der gemeinsame Einbruch in einem Haus endet im grausamen Mord an der 18-jährigen Bewohnerin, für den Jack 1976 zu lebenslanger Haft verurteilt wird. In der Justizanstalt Stein beginnt Jack zu schreiben, gewinnt mit Gedichten und autobiografischen Romanen Verehrerinnen ebenso wie Fürsprecher in der Intellektuellenszene für sich.

Kurzinhalt und Trailer zum Film “Jack”

1990 dank prominenter Unterstützung vorzeitig als “Paradefall eines resozialisierten Verbrechers” bedingt entlassen, steigt Jack in der Wiener Schickeria schnell auf, inszeniert sich in TV-Sendungen und Magazin-Fotostrecken, ergattert Aufträge als Reporter im Rotlichtmilieu, dem er selbst einst angehört hat. Die Kontakte besorgt ihm Gesellschaftsjournalistin Marlies Haum (Birgit Minichmayr), die finanzielle Sicherheit liefert die verheiratete Architektin Susanne Sönnmann (Corinna Harfouch), die mit Jack eine Affäre eingeht. Doch als bald scheinbar von ein- und demselben Täter ermordete Prostituierte aufgefunden und die Tatorte mit Unterwegers Lese- und Recherchereisen in Verbindung gebracht werden, kippt die öffentliche Meinung. Und Jack flüchtet.

Eine detaillierte Aufarbeitung des Falls, wie sie etwa der Amerikaner John Leake für sein 2007 erschienenes 450-Seiten-Werk “Der Mann aus dem Fegefeuer” angefertigt hat, ist “Jack” nicht geworden. Scharang streift lediglich einzelne biografische Eckpfeiler, heftet sich an ihre Version des Jack Unterweger, spart dabei die Umwelt größtenteils aus, dichtet manches dazu und lässt vieles im Ungewissen – auch, ob Unterweger die ihm zwischen 1990 und 1991 angelasteten elf Morde an Prostituierten in Wien, Graz, Lustenau, Prag und Los Angeles tatsächlich begangen hat.

Lediglich die zwischen Szenen gestreuten, atemberaubenden Bilder von Kameramann Jörg Widmer führen in den mit Nebelschwaden durchzogenen Wienerwald, wo die ersten Leichen gefunden wurden. Oder auch an den potenziellen Tatort, einen verlassen Parkplatz, über den Hasen hoppeln. Widmer taucht Unterwegers Universum in ein aus der Zeit gefallenes Setting, und der pulsierende Soundtrack von Naked Lunch tut sein Übriges, um “Jack” zu einem dichten, anmutigen, aber in seiner Künstlichkeit nur schwer einen Sog entwickelnden Psychogramm zu machen.

“Fakt ist: Ich weiß nicht, ob er die Morde begangen hat oder nicht”, meinte Scharang im APA-Interview. Zu viele Fragen seien bei dem Indizienprozess, der 1994 nach dem nicht rechtskräftigen Schuldspruch in neun Fällen mit dem Selbstmord Unterwegers in seiner Zelle vorzeitig endete, offen geblieben. Eine Texttafel erinnert zum Filmende daran, entlässt den Zuseher mit dem Zweifel für den Angeklagten. Eher von Zweifeln und Misstrauen denn von Beweisen getrieben sind zuvor auch der fiktive Gefängnispsychologe (Paulus Manker) und zwei Kommissare (Birgit Linauer, Michael Fuith), die in Scharangs Annäherung eine untergeordnete Rolle einnehmen.

Eine zentrale Rolle spielen hingegen die Frauen in Unterwegers Leben. An ihnen, nicht an seinen Verbrechen, zieht Scharang ihr Psychogramm auf. Und führt anhand eines fantastischen Casts von Minichmayr, Frick und Harfouch sowie Inge Maux als Unterwegers Mutter die Anziehungskraft, aber auch die Gefahr vor Augen, die von Unterweger ausging. Wut und Wahn blitzen immer nur kurz auf: Wenn Jack, gerade realisierend, dass er sich wieder in Freiheit befindet, hysterisch lacht, rot anläuft, das Gesicht fast clownesk verzerrt. Oder wenn er Susanne in der Badewanne unters Wasser drückt, lacht, als wäre alles nur ein Spiel, und dann mit ernster Miene sagt: “Ich will dich. Jetzt.”

Kritik zu “Jack”

Über jeden Zweifel erhaben ist Burgtheater-Mime Johannes Krisch. Er macht sich die Figur Unterweger abseits jeder Schuldfrage zu eigen, gibt Jack verwegen und mit seiner kriminellen Vergangenheit kokettierend, von der mütterlichen Kränkung beschämt und beleidigt, gegenüber Frauen zärtlich ebenso wie gereizt, verunsichert und eitel stets in den Spiegel blickend, mit Hygiene-Tick und Liebe für Outfits und Autos der 70er-Jahre, der Zeit seiner Jugend in Freiheit. Scheinbar mühelos wechselt Krisch zwischen dem narzisstischen Dandy im schneeweißen Anzug, dem tätowierten Exhäftling, dem raffinierten Geliebten und dem gebrandmarkten Kind; legt in kleine und große Gesten, was Unterweger wohl beschäftigt, getrieben, verfolgt hat.

In die Gesten kann und wird jeder etwas anderes hineinlesen. Das ist es, was den Film stark, aber – zumindest in Österreich – auch angreifbar macht: Der Mythos des undurchschaubaren, faszinierenden Jack Unterweger wird durch die mehr atmosphärische denn sozialrealistische Darstellung nicht zuletzt unterstützt. Unterweger hätte wohl seine helle Freude an “Jack” gehabt. Auch, weil er in der Gestalt von Johannes Krisch einnehmender ist als je zuvor.

(APA/Red)

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