Getrennte Sprachkurse für Flüchtlinge: Wiener AMS verteidigt sich

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Flüchtlinge - AMS Wien verteidigt getrennte Sprachkurse
Flüchtlinge - AMS Wien verteidigt getrennte Sprachkurse - © DPA
Petra Draxl, die Chefin vom AMS Wien, verteidigt nach Geschlechtern getrennte Sprachkurse beim “Kompetenzcheck” für Flüchtlinge. Dies sei im Sinne der Frauen, deren spezifischen Bedürfnissen man so am besten gerecht werden könne, sagte sie im Ö1-“Morgenjournal”.

Dass die Weigerung von Teilnehmern, in eine gemischte Gruppe zu kommen, der Hintergrund sei, bestritt sie: “Das ist Unsinn.” Es gebe auch viele funktionierende gemischte Kurse, etwa im Computerbereich. “Wir kennen keine einzige Beschwerde, dass eine Frau, die jetzt aus Syrien kommt, sagt, sie geht in keine gemischte Gruppe.”

Im Kompetenzcheck aber gehe es vor allem um die vorhandene Qualifikation, und hier hätten Frauen eben andere “berufliche Erfahrungen”: “Sie arbeiten nicht gut in einer Gruppe gemeinsam, wo der Mechaniker und der Elektroniker mit der Lehrerin und der Krankenschwester ist.” Überdies würden auch Männergruppen von Frauen unterrichtet, betonte die AMS-Chefin.

“Frauen müssen spezifisch gefördert werden”

AMS-Chef Johannes Kopf hat die von Minister Sebastian Kurz (ÖVP) kritisierte Geschlechtertrennung von Flüchtlingen in “Kompetenzcheck”-Kursen verteidigt. Frauen müssten spezifisch gefördert werden, sagte er im Ö1-“Mittagsjournal”. Scharfe Kritik an dem Vorgehen kam von FPÖ und ÖVP. SPÖ und Grüne wiederum kritisierten Kurz für dessen Aussagen.

Dass die Geschlechtertrennung ein Entgegenkommen an kulturelle Bedürfnisse von Flüchtlingen sei, bestritt Kopf deutlich: “Es gab keinen einzigen Fall, wo sich ein Kunde beschwert hätte, er ginge nicht in einen Kurs, weil dort eine Frau drinnen sitzt”, sagte er.

Damit konfrontiert, dass beim AMS Oberösterreich künftig auch Kurse auf Farsi und Arabisch gemischtgeschlechtlich abgehalten werden, sagte Kopf, dies dürfte damit zu tun haben, “dass es viel, viel weniger Flüchtlinge sind” – und es deswegen anders organisierbar sei. “Jeder hat das halt am Anfang anders organisiert. Wir dürfen nicht vergessen, Arbeitsmarktpolitik ist föderal organisiert in Österreich, das heißt, die Landesorganisationen können die Dinge ausprobieren. Wenn es da nur eine Lösung gäbe, dann wäre das Problem ja leicht. Das ist eine große Herausforderung, vor der Österreich steht. Wie man das möglichst optimal macht, ist teilweise wahrscheinlich auch eine Frage von Versuch und Irrtum”, so der AMS-Chef.

Kritik von ÖVP und FPÖ am AMS

Scharfe Kritik an den getrennten AMS-Kursen übten ÖVP und FPÖ. ÖVP-Generalsekretär Peter McDonald sagte in einer Aussendung, es müsse Ziel sein, “unsere österreichischen Werte ab der ersten Minute zu vermitteln und auch einzufordern. Die Gleichstellung von Frau und Mann gehört zu diesen Grundwerten. Die Kritik von Integrationsminister Sebastian Kurz an den geschlechtergetrennten Kursen des AMS Wien für Araber ist daher völlig berechtigt”, sagte er. Und ÖVP-Wien-Chef Gernot Blümel sprach von einem “Verrat unserer Grundwerte”.

Auch die FPÖ stellte sich strikt gegen getrennte Kurse: Die SPÖ stelle “zutiefst antiquierte Werte” vor die aktuellen europäischen Werte und gebe dadurch “wehrlos die Gleichbehandlung zwischen Mann und Frau auf”, meinte FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl. Er ortete in dieser “SPÖ-Vorgangsweise” eine “geschlechtsspezifische Apartheid – da fehlen nur noch getrennte Bereiche in den öffentlichen Verkehrsmitteln”, so Kickl.

Für Integrationsexperten “sinnvoll”

Für SPÖ-Integrationssprecherin Nurten Yilmaz hingegen geht die Kritik der ÖVP an den “Kompetenzchecks” “völlig an der Sache vorbei”. “Anstatt gegen diese Kurse zu polemisieren, die auf die spezifische Situation von Frauen am Arbeitsmarkt eingehen, hätte Kurz nur bei seinem Integrationsfonds nachschauen müssen – auch dort werden manche Kurse nur für Frauen angeboten, weil Integrationsexperten dies offensichtlich für sinnvoll halten”, so Yilmaz.

Ähnlich argumentierte die Integrationssprecherin der Grünen, Alev Korun: Auch sie verwies darauf, dass seitens des Integrationsfonds auch “Schulungen für muslimische Frauen” anbiete. “Es erstaunt daher ziemlich, wenn eben dieser Minister nun gegen Kompetenzchecks extra für Frauen auftritt. Eine Rückfrage bei ‘seinem’ Integrationsfonds hätte ergeben, dass die allermeisten Kurse natürlich für beide Geschlechter sind, und manchmal Extra-Kurse für Frauen Sinn machen”.

Scharfe Kritik an Kurz übte auch NEOS-Menschenrechtssprecher Niki Scherak: Dass der Integrationsminister die Kompetenzchecks des AMS mit der Vermittlung von Grundwerten verwechsle, zeuge davon, “dass er entweder schlecht informiert ist oder sich bewusst mit Unwahrheiten profilieren möchte”. Als “vollkommen sinnentleert” bezeichnete hingegen Team Stronach-Gleichbehandlungssprecherin Martina Schenk die Geschlechter-Trennung. Gleichstellung von Mann und Frau sei einer der “zentralen Werte unserer Gesellschaft, das kann den Flüchtlingen nicht früh genug vermittelt werden”.

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(APA)

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