Geheimnisvolle Unterwelt Wiens: Auf Ent- deckungsreise unter der Donaumetropole

Von Verena Kaufmann
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Die Unterwelt Wiens gibt so manches Rätsel auf. Das Buch nimmt die Leser mit auf eine Entdeckungsreise in der Stadt unter der Stadt.
Die Unterwelt Wiens gibt so manches Rätsel auf. Das Buch nimmt die Leser mit auf eine Entdeckungsreise in der Stadt unter der Stadt. - © Robert Bouchal
Vergessene Keller, rätselhafte Gänge und verborgene Tunnel – Das Buch “Geheimnisvolle Unterwelt von Wien” gewährt einen Einblick in den Untergrund Wiens und erzählt die Geschichte über die Stadt unter der Stadt. Die Autoren Robert Bouchal und Gabriele Lukacs laden darin mit eindrucksvollen Aufnahmen und Informationen dazu ein, in “eine Welt ohne Sonne” hinabzusteigen und zahlreiche Gänge aus alten Zeiten zu erkunden.

Der Untergrund Wiens ist eine eigene Welt voller Geheimnisse. Zahlreiche Geheim- und Minengänge, Fluchttunnel, Weinkeller oder auch Luftschutzstollen bilden ein faszinierendes, wenn auch teilweise rätselhaftes Labyrinth unter der Donaumetropole.

Der Höhlenforscher und Kameramann Robert Bouchal und die Fremdenführerin Gabriele Lukacs nehmen den Leser in ihrem Buch “Geheimnisvolle Unterwelt von Wien” mit auf eine spannende Entdeckungsreise in der Stadt unter der Stadt. Verschlossene Türen werden dabei im wahrsten Sinne des Wortes geöffnet und verschüttete Geschichten freigelegt.

Porta Dextra: Vergessene Mauern der Römerzeit

Der Straßenverlauf der Ertlgasse in der Wiener City folgt der römischen Lagermauer. Im Jahr 2010 konnte das rechte Lagertor unter einem Eckhaus – das Haus wird seit Jahrzehnten als Geschäftslokal genutzt – lokalisiert werden. In einem der tiefsten Keller Wiens, vier Stockwerke tief unter der Erde (was zum Teil tiefer ist, als die Häuser darüber hoch sind), kamen Römersteine bei einer Renovierung zum Vorschein.

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Bei den Arbeiten fand man römische Torreste im vierten Kellergeschoß wie Friesplatten, Simsstücke und Zinnen, Teile der Wände bestehen aus den mächtigen Steinquadern des Lagertors. Während des Zweiten Weltkrieges hatten die Untergeschoße als Luftschutzkeller gedient, somit konnte das Stadtzentrum unterirdisch schneller durchquert werden als oberirdisch.

Im ersten Untergeschoß fand man wiederum eine weitere Sensation: eine “Josephinische Säule”. Dabei handelt es sich um eine Steinsäule, die als Verstärkung des Kellergewölbes dient. Sie wurde nach Kaiser Joseph I. (1678 – 1711) benannt, da er die Anweisung gab, die Keller entlang der damaligen Rotenturmstraße zu verstärken. Der Grund: Die erste “Pummerin” – angefertigt aus den zurückgelassenen Kanonen der Türken – musste durch das Rotenturmtor entlang der Rotenturmstraße transportiert werden. Es gibt nur mehr eine einzige weitere Josephinische Säule, da andere höchstwahrscheinlich Abbruch- und Umbauarbeiten zum Opfer gefallen sind.

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Kutschen im Untergrund

Gerüchte über unterirdische Tunnel und Fluchtwege für Mitglieder der kaiserlichen Familie halten sich hartnäckig – eines davon handelt vom Frischlufttunnel der Staatsoper. Die Erkundung dieser Lufttunnel führte die Autoren tiefer in den Untergrund als zunächst geplant war und lieferte Beweise für das Bestehen von Geheimgängen unter der Staatsoper und dem Burgtheater. Bei Katastrophen oder bei Anschlägen hätte die kaiserliche Familie flüchten können. Umgekehrt konnten auch Erzherzöge oder Kaiser Franz Joseph selbst aus der Hofburg unterirdisch und ungesehen in die Theater gelangen. Es heißt, der geheime Tunnel sei so hoch und breit gewesen, dass darin Kutschen hätten fahren können.

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Die Erkundungstour zeigte: Der tieferliegende Tunnel der Staatsoper wird als Verbindungsgang verwendet, durch den Kostümwagen von der Goethegasse in die Oper gebracht werden. Dieser Tunnel ist circa drei Meter hoch und ebenso breit. Hier gibt es also die “Kutschen im Untergrund” – auch der Kaiser höchstpersönlich könnte theoretisch hier mit einer gefahren sein.

Schönbrunn: Ein unterirdisches Labyrinth

Auch die unterirdischen Verbindungsgänge und ausgedehnten Tunnelanlagen vom Schloss Schönbrunn und seinem Barockgarten geben größtenteils Rätsel auf. Bei den meisten davon handelt es sich um sogenannte “Kollektorgänge”, also Versorgungsgänge, denn wo immer sich der Kaiser aufhielt, mussten Diener zur Stelle sein können.

Gerüchte über Fluchttunnel wollen auch hier nicht verstummen. Diese sollen zwischen Schönbrunn und Hietzing entlang der Hietzinger Hauptstraße bis nach Ober St. Veit geführt, und noch bis zum Bau der Pferdetramway im Jahr 1887 bestanden haben. Angeblich ließ Maria Theresia die Verbindung anlegen, um sich und ihre Kinder bei Gefahr in Sicherheit bringen zu können. Einstiege in diese unterirdische Ganganlage gibt es heute noch unter einigen Villen des “Hietzinger Cottage”.

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Alten Berichten zufolge bestehen Verbindungsgänge auch vom Schloss Schönbrunn zum Tierpark und unter sämtlichen Gebäuden innerhalb des Areals. Die Autoren verweisen unter anderem auf das ungewöhnliche und für den Tiergarten-Pavillon zu groß geratene Fundament. Es wird von einer Alchemistenküche oder Freimaurerlogen bis zum Hochwasserschutz gemunkelt. Helmut Pechlaner, ehemaliger Tiergartendirektor, fand in den unterirdischen Küchengewölben des Pavillons die Reste von vier Öfen, die früher für alchemistische Experimente verwendet wurden – die Schornsteine sind noch heute hinter den Vasen auf dem Dach des Pavillons zu sehen.

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Geheimnisvolle Unterwelt von Wien

Fazit: Mit eindrucksvollen Bildaufnahmen und tiefergehenden Recherchen zu den jeweiligen Orten wollen die Autoren ein möglichst authentisches Bild der verborgenen Welt Wiens vermitteln, was ihnen auch gelungen ist. Bilder von Orten, die seit Jahrzehnten nicht mehr betreten wurden- wie beispielsweise das Beatrixbad (unteres Foto) oder der Eiserne Gang im Bezirk Wien-Landstraße – nehmen den Leser auf eine außergewöhnliche Spurensuche mit.

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Doch es wurde nicht nur an vergessenen Orten in Wien gegraben, auch Stadtarchive und Museen wurden durchforstet, um nötige Hintergrundinformationen über verschiedene Gewölbe und Labyrinthe zu finden. Diese wurden von den Autoren abwechselnd mit Bildern und Anekdoten im Buch in Szene gesetzt.

Alles in allem ist das Buch “Geheimnisvolle Unterwelt von Wien” nicht nur für Touristen eine interessante Lektüre, auch Wien-Kenner werden Freude daran haben, Neues über Bekanntes entdecken zu können.

Fotos: Robert Bouchal

Buchtipp:

Geheimnisvolle Unterwelt von Wien. Keller, Labyrinthe, Fremde Welten.

Verlag: Pichler Verlag

Autoren: Robert Bouchal und Gabriele Lukacs

ISBN: 978-3-85431-666-4

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