“Fernweh” im Kunsthistorischen Museum: Schau zu Joseph Cornell

Joseph-Cornell-Schau im KHM Wien.
Joseph-Cornell-Schau im KHM Wien. - © The Joseph and Robert Cornell Memorial Foundation
Der sehr zurückgezogen lebende Joseph Cornell war einer der eigenwilligsten Künstler des Zwanzigsten Jahrhunderts und schuf eine außergewöhnliche Welt aus Objekten bzw. „Boxes“. Das “Fernweh” Cornells kann man nun im Kunsthistorischen Museum bewundern.

Cornell muss ein seltsamer Kauz gewesen sein: Künstlerisch ein Autodidakt, im Umgang mit Menschen scheu, sich vorwiegend von Donuts und Schokokuchen ernährend, doch als strenger Anhänger der Christian Science gegen Medikamente, lebte er mit seiner Mutter in einem Haus am Utopia Parkway in New York.

Am Küchentisch und im Keller setzte er in nächtelanger Arbeit seine eigene Welt zusammen. “In Europa ist er noch ein großer Unbekannter”, sagte Sabine Haag, die Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums (KHM), bei der Pressekonferenz zu der Ausstellung “Joseph Cornell: Fernweh” über den US-Künstler, dessen Werk erstmals in einer Personale in Österreich präsentieren wird.

Joseph Cornell und die Kisten-Sammlung

Cornell (1903-1972) hat eine unglaubliche Sammlung aus Artefakten, Kunst- und Naturobjekten zusammengetragen und in kleinen Schachteln und Kisten zu neuen Wunderwelten zusammengefügt. “Cornell war nie in Europa, daher auch niemals in Wien und im Kunsthistorischen Museum, aber wenn er hier gewesen wäre, hätte er die Kunstkammer sicher geliebt”, zeigte sich Haag überzeugt.

Die Ausstellung, für die sich laut Kurator Jasper Sharp Bezugspunkte in allen Sammlungen des Hauses gefunden hätten, findet daher nicht nur in dem zur dunklen, faszinierenden Wunderkammer gewordenen Sonderausstellungssaal statt, sondern findet ihr Ende mit einer eigenen Vitrine inmitten der Kunstkammer, im Nachbarraum von Cellinis Saliera. In Cornells Bibliothek habe sich eine Cellini-Biografie mit der Widmung eines Freundes gefunden, erzählte Sharp: “Dem Benvenuto Cellini des Strandgutes.”

“Komplizierteste Ausstellung meines Lebens”

Dass er in Europa so wenig bekannt sei, liege an drei Dingen: Die Objekte seien “wahnsinnig fragil”, ihr Transport sei daher “sehr teuer und hoch kompliziert”, die allermeisten Werke befänden sich in den USA, und schließlich habe nahezu jeder private Besitzer eine enge, intime Beziehung zu den Objekten. “Viele stehen in den Schlafzimmern, ja sogar auf den Nachtkästen.” Bei fast allen der 79 Leihgaben hätten erst persönliche Besuche die Leihgeber überzeugen können, sich temporär von ihren Schätzen zu trennen. Doch auch diese Überredungskunst habe ihre Grenzen gehabt: Nach der Londoner Royal Academy, wo die Schau mit glänzendem Presseecho im Sommer gezeigt wurde, habe sich auch das New Yorker MoMA für eine Übernahme der Ausstellung interessiert, berichtete Sharp. Die Leihgeber-Reaktion unisono: “No way!”

“Es war die komplizierteste Ausstellung meines Lebens”, stöhnte Sharp. Umso glücklicher kann man sich nun in Wien schätzen, einige der frühen, an Max Ernst orientierten Collagen und viele der Zauberkästchen bewundern zu können, in denen auf vielfältige Weise neue Bezüge zwischen Literatur – auch Hölderlin oder den “Leiden des jungen Werther” sind eigene “boxes” gewidmet – und Kunst, Natur und Geschichte, Wissenschaft und Weltgeschehen hergestellt werden. Jede Menge Fläschchen, Tiegel, Dosen und Schubladen enthüllen (oder behalten) ihre Geheimnisse. Dass die Objekte nicht selten an Spielzeug erinnern ist beabsichtigt, bei nicht wenigen gibt es bewegliche oder veränderbare Teile – wie man auf kleinen Screens vorgeführt bekommt.

“Joseph Cornell: Fernweh”, Ausstellung im Kunsthistorischen Museum, 20.10. bis 10.1.2016, Di-So 10-18 Uhr, Do bis 21 Uhr.

(APA)

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