“Evita”-Regisseur Paterson: “Habe Promis nicht den Hintern geküsst”

"Evita" wird wieder in Wien aufgeführt.
"Evita" wird wieder in Wien aufgeführt. - © APA/Georg Hochmuth
35 Jahre nach der deutschsprachigen Erstaufführung kehrt das Musical “Evita” wieder nach Wien zurück.

Am 9. März feiert mit “Evita” ein Welthit von Musical-Altmeister Andrew Lloyd Webber Premiere im Wiener Ronacher. Die Mitte der 1970er veröffentlichte Geschichte um die argentinische Diktatorengattin Eva Perón kehrt 35 Jahre nach der deutschsprachigen Erstaufführung wieder nach Wien zurück – unter der prominenten Regie von Vincent Paterson, der auch gleich die Choreografie übernimmt.

Erfahrung hat der 56-jährige US-Amerikaner fraglos, schließlich verließ sich bereits Weltstar Madonna 1996 bei der Verfilmung von “Evita” auf sein choreografisches Talent. Daneben zählten im Laufe der Jahre auch andere Topstars wie Michael Jackson oder Paul McCartney auf Patersons Fähigkeiten. Aus Anlass eines Probenbesuchs sprach die APA nun in Wien mit Paterson über Sozialismus auf der Bühne, seine Freude an Hausaufgaben und was das Beruhigende daran ist, dass alle Menschen popeln, wenn keiner hinschaut.

Frage: Sie haben nun bei “Evita” die Doppelrolle als Regisseur und Choreograf inne – wie lässt sich das managen?

Vincent Paterson: Ich habe das zwar schon oft gemacht, aber gerade in diesem Stück ist es besonders schwierig – einerseits wird sehr viel getanzt, andererseits ist es für mich auch ein Theaterstück, das die Tiefe und die Kämpfe des Lebens auslotet. Aber ich bin ein großer Anhänger von Hausaufgaben. Ich habe mich auf die Inszenierung sechs Monate lang vorbereitet und kam hierher, genau wissend, was ich wollte. Deshalb sind nun alle überrascht, wie schnell ich arbeite. Wenn wir kommende Woche auf die große Bühne wechseln, möchte ich, dass jeder schon ziemlich genau weiß, was er zu tun hat.

Das kreative Gegenüber fehlt Ihnen nicht?

Ich hatte als Choreograf das Privileg mit Regisseuren wie Mike Nichols, Lars von Trier oder Sydney Pollack zu arbeiten. Ich sehe mich dabei immer ebenso als Lernender – so sehr wie ich auch Lehrender bin. Ich halte die Augen und Ohren immer offen, um zu schauen, wie es die Meister gemacht haben. Ich selbst bin Sozialist, wenn es um die Bühne geht – ich bin kein Diktator. Ich reise zwar mit einem detaillierten Plan, den auch die Schauspieler und Sänger bekommen. Ich bin dann aber flexibel, wenn sie mit Ideen kommen.

Hat dabei Improvisation einen Platz?

Naja, vielleicht ein bisschen. Aber ich komme nicht aus dieser Tradition. So arbeite ich nicht. Aber ich möchte zum Beispiel, dass auch die Ensemblemitglieder sich eine Biografie zu ihrer Figur überlegen. Das hat den Effekt für die Zuschauer, dass die gesamte Bühne belebt wird. Jetzt sind hier schon viele auf mich zugekommen und haben sich verwundert gezeigt, weil man sonst nie so mit ihnen an Charakteren arbeitet, sondern nur an den Schritten und den Liedzeilen.

Wie groß ist der Unterschied zwischen dem Wiener Ronacher und den größeren US-Häusern?

Der Unterschied ist nicht so riesig. Aber ich habe das Gefühl, hier ist vielleicht etwas mehr möglich. Mir sitzt nicht dauernd jemand im Nacken. Man lässt mich machen, was ich machen möchte. Ich hoffe dementsprechend, es wird ein Erfolg.

Sie haben mit Stars wie Madonna oder Michael Jackson gearbeitet. Ist da der Umstieg auf “normale Menschen” für ein Projekt schwierig?

Einer der Gründe, weshalb ich so viel mit Popidolen gearbeitet habe, ist, dass die meisten Menschen sie als Ikonen behandeln – ich nicht. Ich komme aus einer armen Familie, die mein Vater sehr früh verlassen hat. Auch war der Altersunterschied zu meiner Mutter nicht sehr groß. Das Konzept von Erwachsener und Kind war also nicht vorhanden. Ich habe deshalb immer schon jeden als normalen Menschen behandelt. Ich habe auch den Promis nicht den Hintern geküsst und gesagt “fantastisch”, wenn es das nicht war. “Wenn ihr nicht wollt, dass ich ehrlich mit euch bin, gehe ich”, war immer meine Devise. Und deshalb haben sie mich respektiert, weil sie niemand mehr auf Augenhöhe behandelt. Das Schlimmste, was dir passieren kann, ist, dass jeder dich so behandelt, als wärest du jemand anderes. Jeder hat Angst vor ihnen – ich nicht. Es macht für mich keinen Unterschied, ob ich mit Michael Jackson, Madonna und Catherine Deneuve oder wie hier mit Katharine Mehrling und Thomas Borchert arbeite. Wir müssen alle auf die Toilette, und wir alle popeln, wenn keiner hinschaut. Wir sind alle Menschen.

Das ist Regisseur Vincent Paterson

Geboren wurde Vincent Paterson am 4. Mai 1959. Als Choreograf zeichnete er unter anderem für Madonnas “Blond Ambition Tour” oder ihr “Vogue”-Video verantwortlich. Für Michael Jackson entwickelte er die “Bad Tour” oder seinen Halbzeitauftritt beim Super Bowl. Darüber hinaus finden sich weitere prominente Namen wie Van Halen, George Harrison, Paul McCartney, Diana Ross, Lionel Richie oder Whitney Houston unter den Kooperationspartnern des heute 56-Jährigen.

Als Regisseur inszenierte er “Manon” mit Anna Netrebko und Rolando Villazón oder die Cirque-du-Soleil-Show “Viva! Elvis” in Las Vegas. Beim Film choreografierte er neben Madonna in “Evita” etwa auch die Tanzszenen für Lars von Triers “Dancer In The Dark”.

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