21. Februar 2005 12:04; Akt.: 26.08.2011 15:26

Tragödie im Tiergarten Schönbrunn

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„Morgenroutine“ endete für Wiener Elefantenpfleger tödlich – „Abu“ spießte seinen Wärter auf – Elefantenhaus bleibt kommende Woche geschlossen – „Wir wollen den Druck von den dort Beschäftigten nehmen”. (21 Kommentare)

„Wegen eines Unfalls bis auf weiteres geschlossen“, war am Sonntagmittag lapidar am Elefantenhaus im Wiener Tiergarten Schönbrunn zu lesen. Dort, wo sich sonst die Elefanten tummeln, war die Spurensicherung der Kriminalpolizei am Werk. Kurze Zeit zuvor hat sich ein grässlicher Unfall ereignet. In Sekundenschnelle hatte der knapp vier Jahre alte und 1.600 Kilo schwere Jungbulle „Abu“ den 39-jährigen Revierleiter Gerd Kohl attackiert und mit seinen Stoßzähnen aufgespießt. Ein Kollege, der Augenzeuge dieses Unglücks wurde, konnte nur noch Alarm schlagen. Für den zweifachen Vater kam jede Rettung zu spät.

Der Unfall hatte sich gegen 10.40 Uhr während der täglichen „Morgenroutine“ in der Bullenbox ereignet. Gerd Kohl, der seit 1998 mit den Schönbrunner Elefanten gearbeitet hat, war einer „von Europas besten und erfahrensten Elefantentrainer“, wie Harald Schwammer, Vize-Direktor des Tiergartens, sichtlich geschockt vor Journalisten berichtete. Kohl kannte „Abu“, seit seiner Geburt und war der einzige Mensch, zu dem der pubertierende Bulle noch direkten Kontakt hatte, erklärte der Tierarzt Thomas Voracek. „Der Jungbulle befände sich derzeit in der Trennungsphase von seiner Mutter „Sabi“ und stünde auch zu Menschen in einem so genannten „protected contact“.

Mit Stoßzahn aufgespießt

Kohl war gerade dabei, den Dickhäuter zu duschen, ihn zu belohnen und ihm gut zuzureden, als das Tier offensichtlich keine Lust mehr hatte und dem Pfleger „in der Elefantensprache klarmachte: „Hau ab·“, so Schwammer. Er drückte den Pfleger blitzschnell mit dem Kopf gegen die Wand und rammte ihm seine Stoßzähne in die Brust und in den Bauchbereich. „Kohl hatte überhaupt keine Chance“, meinte Voracek. Der herbeigerufenen Rettungsmannschaft bot sich ein grausiges Bild. „Der Pfleger hatte einen offenen Schädelbruch, sein Kopf war zerquetscht und aus dem Bauch hingen die Darmstränge heraus“, so Michael Zupancic, Oberarzt der Wiener Rettung.

Der Kollege des Getöteten, der den Unfall mit ansehen musste, stand am Mittag unter schwerem Schock und wurde psychologisch und medizinisch betreut. Darüber, ob der Bulle während seines Angriffs vorschriftsgemäß angekettet war, konnte er noch keine Auskunft geben. Die Kriminalpolizei ermittelt, ob ein Fahrlässigkeitsdelikt vorliege, hieß es von Seiten der Exekutive. In einem Interview mit dem ORF erklärte Tiergarten-Direktor Helmut Pechlaner, dass es zuvor keine Anzeichen eines besonders aggressiven Verhaltens von „Abu“ gegeben hätte.

“Abu” unbeeindruckt”

„Der Elefant ist das gefährlichste Tier in Menschenhand“ kommentierte der Zoo-Vizedirektor. Ein Quäntchen Unberechenbarkeit bliebe immer. Dass ein Zusammenhang zwischen dem Verhalten des Jungbullen und dem Tod der Elefantendame „Jumbo“ in der vergangenen Woche bestehe, schloss Schwammer aus. Bei „Abu“ scheint der Zwischenfall kaum Eindruck hinterlassen zu haben. Er stand nach dem Unglück wieder ruhig und friedlich in der Gruppe im Elefantenhaus. Kohl hinterlässt eine Lebensgefährtin und zwei Kinder.

Der getötete Tierpfleger, der 39-jährige Gerd Kohl, er war „Revierleiter“ der Elefanten-Anlage, stammte aus Deutschland. „Er hat am Tiergarten Erfurt gearbeitet. Wir haben ihn als einen der besten Elefantenwärter Europas abgeworben. Ab 1998 arbeitete er für uns“, erklärte die Sprecherin. Noch sei ungeklärt, ob der Tiergarten in Wien am Tag des Begräbnisses geschlossen werde. Dies werde sich nach den Begräbnis-Arrangements richten.


Die Wiener Kriminalpolizei konnte den Augenzeugen des Unfalles, jenen Tierpfleger, der sich im Freien befunden hatte, bis Sonntag Nachmittag noch nicht einvernehmen. Der Mann stand unter einem schweren Schock und befand sich weiterhin in ärztlicher Behandlung.

Jaguar tötete Tierpflegerin

Im Tiergarten Schönbrunn war es am 5. März 2002
zu einer anderen Tragödie gekommen. Ein Jaguar hatte dort eine 21-jährige Tierpflegerin angegriffen und getötet. Die Frau hatte offenbar eine der Zwischentüren zu dem Gehege aus Versehen nicht korrekt geschlossen. Auch das sofortige Eingreifen von Tiergartendirektor Helmut Pechlaner hatte damals den Tod der Frau nicht verhindern können. Dieser war selbst verletzt worden. Damals wurde der Zoo für einen Tag geschlossen, so dass die Mitarbeiter dem Begräbnis der Kollegin beiwohnen konnten. Wahrscheinlich werde man es auch dieses Mal so handhaben, meinte Barbara Sommer-Sacher vom Tiergarten Schönbrunn.

Am 25. April 2001 war „Abu“ zur Welt gekommen. Weiteren Nachwuchs gab es am 25. Mai 2003, als das Elefanten-Mädchen „Mongu“ im Tiergarten Schönbrunn geboren wurde.

Wirtschafts-und Arbeitsminister Dr. Martin Bartenstein (V) zeigte sich in einer Aussendung tief erschüttert wegen des tragischen Unfalls in Schönbrunn, von dem er während seines Staatsbesuches in Indien erfuhr. Er wisse, dass in Schönbrunn laufend alle Sicherheitsmaßnahmen überprüft würden und auch das Arbeitsinspektorat erst vor kurzem eine routinemäßige Kontrolle durchführt habe. Nun müsse genauestens untersucht werden, wie es zu diesem schockierenden Unfall kommen konnte. Er drücke der Familie des getöteten Tierpflegers, aber auch allen Mitarbeitern des Tiergartens seine tief empfundene Anteilnahme aus, sagte Bartenstein.



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