Direktoren an Wiener Schulen wollen Boykott der Deutschklassen

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Die Direktoren wollen die Deutschförderklassen boykottieren.
Die Direktoren wollen die Deutschförderklassen boykottieren. - © APA/GEORG HOCHMUTH
An den Wiener Schulen überlegen Direktoren über einen Boykott oder eine Umgehung der Deutschförderklassen nach, die ab Herbst umgesetzt werden sollen. “Wir hoffen, dass unsere gewerkschaftliche Vertretung uns unterstützt, wenn wir Dinge tun müssen, die das Gesetz vielleicht nicht so vorsieht”, sagte Gabriele Lener, Leiterin der Volksschule Vereinsgasse.

“Wir werden versuchen, Möglichkeiten zu finden, die den Kindern gerecht werden”, so Lener. Die Direktorin der AHS Rahlgasse, Ilse Rollett, schloss Deutschklassen an ihrer Schule kategorisch aus – wobei die nötige Zahl jener außerordentlichen Schüler, für die diese Klassen gedacht sind, an AHS meist nicht erreicht werden.

 

Direktoren, Lehrer, Sprachwissenschafter und Eltern haben sich zu einer “Plattform zur schulautonomen Umsetzung von Sprachfördermaßnahmen” zusammengeschlossen. Ihr Ziel ist es, die Entscheidung über die Ausgestaltung von Sprachfördermaßnahmen in die Autonomie der Schule zu verlagern – also etwa ob oder in welchem Ausmaß Kinder mit Sprachproblemen aus ihren Stammklassen zur Sprachförderung herausgenommen werden.

“Es mag Schulstandorte geben, an denen Deutschklassen Sinn machen – an meinem sicher nicht”, betonte der Direktor der Volksschule Bernhardtstalgasse in Wien-Favoriten, Horst Pintarich. Abgesehen davon, dass das Modell etwa in Berlin nicht funktioniert habe, stehe er bei sich vor kaum unlösbaren organisatorischen Herausforderungen. Er eröffne im Herbst fünf erste Klassen, für die es genau fünf Räume gebe. Aufgrund der zu erwartenden Zahl an außerordentlichen Schüler müsse er aus fünf durchmischten Klassen drei Sprachförderklassen einrichten.

Boykott der Deutschförderklassen an Wiener Schulen

Die verbleibenden ordentlichen Schüler aus den fünf bestehen bleibenden Klassen – in diese müssen die außerordentlichen Schüler nach Erlangung der nötigen Sprachkompetenz ja wieder zurückkehren – wiederum müssten dann wieder neu zusammengemischt werden. “Sonst würden ja nur acht oder zehn Kinder pro Klasse übrigbleiben. Alles andere wäre eine Ressourcenverschwendung”, so Pintarich. “Meine Befürchtung ist, dass die Eltern der deutschsprachigen Schüler, wenn sie mitbekommen, dass ihre Kinder auch betroffen sind, sich eine Schule am Stadtrand suchen und meine Schule eine Gettoschule wird.” An einen Boykott will er wiederum noch nicht denken. Er hofft vielmehr auf Änderungen der Vorgaben.

“Mehr als besorgniserregend” sind die Vorgaben für die Volksschullehrerin Susanne Panholzer-Hehenberger. “Sechsjährige lernen ja nicht eine Sprache, indem sie in einer Klassen Vokabel lernen.” An ihrem Standort würden voraussichtlich rund 20 von 70 Erstklasslern außerordentliche Schüler sein und in eine Deutschklasse kommen. “Diese Kinder werden ausgeschlossen vom Rechnen und vom Sachunterricht.” Meist handle es sich dabei nicht um Flüchtlingskinder, sondern um solche aus bildungsfernen Schichten. Diese bräuchten nicht zuletzt fixe soziale Gruppen. “Wenn man diese Kinder von den anderen trennt, nimmt man ihnen das pädagogische Vorbild, das Sprachvorbild und auch das Vorbild an Lernkultur.”

Erfahrungen mit reinen Flüchtlingsklassen an ihrer Schule hat die Direktorin der NMS Schopenhauerstraße in Wien-Währing, Erika Tiefenbacher. “Diese Kinder können heute schlechter Deutsch als jene Kinder, die in der Regelklasse waren.” Weiteres Problem: Aufgrund der gesetzlichen Vorgaben müssten die Kinder in NMS-Deutschklassen zwei Drittel des Unterrichts in der Deutschförderung verbringen. Damit würden sie aber aufgrund des fehlenden Fachunterrichts automatisch das Jahr verlieren. In vielen Fällen führe das dazu, dass sie keinen Hauptschulabschluss schaffen könnten.

Am Samstag Nachmittag (9. Juni) soll es zusammen mit anderen Bildungs-Aktionsgruppen eine Demonstration mit Abschlusskundgebung am Minoritenplatzz vor dem Bildungsministerium geben.

ÖVP sieht Bildungsstadtrat in der Pflicht

Die ÖVP sieht nach den Boykott- und Umgehungsüberlegungen von Wiener Direktoren bei den Deutschförderklassen Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) in der Pflicht. “Es kann nicht sein, dass sich Lehrer gegen eine gesetzliche Regelung sträuben”, so Generalsekretär Karl Nehammer in einer Aussendung.Wien. “Wir brauchen an den Schulen keine linken Ideologen, sondern Pädagogen, die sich um die Zukunft unserer Kinder kümmern”, meinte Nehammer weiter. Der Bildungsstadtrat müsse nun konsequent handeln. Die Regierung habe mit den Deutschförderklassen eine sehr wichtige Maßnahme zur Integration geschaffen – “und diese ist umzusetzen. Österreich ist ein Rechtsstaat und hier hat man sich an Gesetze zu halten – auch, wenn sie der eigenen Ideologie widersprechen.”

Anders dagegen der stellvertretende Vorsitzende der Pflichtschullehrergewerkschaft, Thomas Bulant (FSG). “Wenn Mitglieder ihre Gewerkschaft um Unterstützung bitten, werden sie diese auch bekommen”, so der Lehrervertreter zur APA. In der kommenden Woche stehen Gespräche zwischen Ministerium und Gewerkschaft zum Thema Deutschförderklassen auf dem Programm. Die Gewerkschaft hatte zuletzt in einer Resolution noch zahlreiche ungeklärte Fragen gesehen und “organisatorische Probleme” moniert.

Deutschklassen: Wien mit “großem Verständnis” für Direktoren

Der Wiener Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky und Stadtschulratspräsident Heinrich Himmer (beide SPÖ) haben “großes Verständnis” für die Bedenken von Direktoren und Lehrern gegen die Einführung von Deutschförderklassen. Allerdings sei klar, “dass unsere Schulen bestehende Gesetze einhalten müssen – das gilt auch für das Gesetz über die Deutschförderklassen”, hieß es in einer Aussendung.Wien. “Der Bund muss den Aufschrei der Direktorinnen und Direktoren ernst nehmen, weil er klar aufzeigt, dass die Schulen bei der Einführung der Deutschförderklassen bislang im Regen stehen gelassen worden sind”, so Czernohorszky und Himmer. Bis heute würden die Schulen auf Planungsvorgaben des Ministeriums warten. “Weder ist klar, wie die Implementierung der Deutschförderklassen räumlich bewältigt werden kann, noch gibt es entsprechende Stellenpläne und Rahmenrichtlinien, die – inklusive Festlegung der Gruppengrößen – eine Personalplanung überhaupt erst möglich machen.”

“Völlig inakzeptabel” wäre ein Boykott für FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus. Gerade in Wien gebe es unzählige Schulklassen, in denen eine Mehrzahl der Kinder gar nicht oder nur ungenügend Deutsch könne. “Dadurch werden die österreichischen Kinder in ihrem Lernfortkommen behindert. Daher ist es gerade in der Bundeshauptstadt von enormer Bedeutung, dass die Kinder mit Deutschdefiziten in eigenen Klassen unterrichtet werden, bevor sie in den Regelunterricht integriert werden.”

Heinz Faßmann hält weiter an Deutschklassen fest

Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) will sich trotz der Boykottdrohungen von Lehrern und Bedenken der Gewerkschaft nicht von seinen Plänen zur Einführung von Deutschklassen abbringen lassen. Dies erklärte Faßmann am Mittwoch am Rande des Brüssel-Besuchs der Bundesregierung. Mit der Pflichtschullehrergewerkschaft sei man in einem guten Kontakt, so der Bildungsminister.

APA/red

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