Das unbekannte Mädchen – Trailer und Kritik zum Film

Akt.:
Das unbekannte Mädchen – Trailer und Kritik zum Film
Mit preisgekrönten Sozialdramen wie “Rosetta” oder “Das Kind” vertreten die belgischen Regie-Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne seit jeher eine politische Haltung. Mit ihrem neuen Film “Das unbekannte Mädchen” halten sie nicht zuletzt Europa, das sich in der Flüchtlingsfrage aus der Verantwortung stiehlt, einen Spiegel vor. Ab Freitag läuft das mit Krimielementen versetzte Drama in unseren Kinos.

Wie sämtliche ihrer bisherigen Filme siedeln die Dardennes auch “La fille inconnue” in der belgischen Provinz Lüttich an. In einem sozial prekären Stadtteil von Seraing arbeitet die junge Ärztin Jenny Davin (Adèle Haenel) aushilfsweise in einer Praxis, deren Arzt sich in den Ruhestand verabschiedet. Bald soll sie einen gut bezahlten Job in einer Privatklinik antreten, doch dann kommt alles anders.

Das unbekannte Mädchen – Die Handlung

Eines Abends klingelt es nach den Ordinationszeiten an der Tür der Praxis. Praktikant Julien (Olivier Bonnaud) will die Tür öffnen, doch Jenny hält ihn zurück. Irgendwann müsse Schluss sein, sagt sie, und: Er solle seine Gefühle in den Griff bekommen, die hätten in diesem Beruf nämlich nichts verloren. Am nächsten Tag erfährt sie von der Polizei, dass eine nicht identifizierte junge Afrikanerin unweit der Praxis tot aufgefunden wurde. Ein Blick auf die Aufnahmen der Überwachungskamera machen klar: Sie war es, die bei Jenny Hilfe gesucht hatte.

Geplagt von Schuldgefühlen und der Vorstellung eines anonymen Grabs, lehnt Jenny ihren neuen Job ab und stellt eigenständig Nachforschungen an, um die Identität der ermordeten Frau herauszufinden. Doch mit ihrer Spurensuche stößt sie auf viel Widerstand von Menschen, die etwas zu wissen scheinen, aber schweigen. Und die Polizei scheint wenig Interesse an der Aufklärung zu haben.

Die Afrikanerin ohne Papiere, die hilfesuchend vor einer verschlossenen Tür steht, deren Würde genommen und Schicksal rasch vergessen wird, steht exemplarisch für jene Menschen, die vor Krieg und Not flüchten, denen aber zumeist Anerkennung und Schutz verwährt bleibt. “Ich hoffe einfach, dass dieser Film die europäischen Länder, die ihre Grenzen schließen, auch zum Nachdenken bringt”, sagt Luc Dardenne im APA-Interview. Alle europäischen Länder “müssen Verantwortung übernehmen”, wie Jenny.

Das unbekannte Mädchen – Die Kritik

Fragen von Schuld und Verantwortung, von Moral und Würde ziehen sich durch die dringlichen Filme der Dardennes. Auch ihr zehnter Spielfilm erzählt in gewohnt langen Einstellungen, mit unruhiger Handkamera, ohne Musik und konzentriert auf die Arbeitswelt ihrer Protagonistin vom Schuldbewusstsein einer Einzelnen, die sich in andere Köpfe überträgt. Diese Botschaft kommt gegen Ende leider gar zu sehr mit dem Vorschlaghammer, und auch sonst vermag der Film mit eher abschreckenden, religiösen Referenzen und einer etwas konstruierten Mischung aus gesellschaftskritischem Sozialdrama und Krimi nicht dieselbe Kraft zu entfalten wie frühere Filme.

Wer den Zuseher dennoch dabei hält ist die junge Französin Adèle Haenel, derzeit auch in einer physisch wie emotional gegenteiligen, weil überzeichneten Rolle in “Die Blumen von gestern” im Kino zu sehen. Sie verkörpert Jenny frei von Pathos, lässt keine Gefühlsregung erkennen, übt die alltäglichen medizinischen Handgriffe präzise und glaubhaft aus. Die Dardennes lassen dem fordernden, einsamen Ärztealltag viel Raum, streifen über die unzähligen Hausbesuche bei Menschen in prekären Verhältnissen, für die Jenny stets mehr tut als von ihr verlangt, Themen der sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheit. Jenny selbst erscheint immerzu auf Abruf (konsequent klingelt eine Glocke oder das Handy), ohne Privatleben, mit der Fähigkeit, zuzuhören, aber auch obsessiv und unvorsichtig. Stur beharrt sie auf ihrer Spurensuche – auch dann, als ihr vermehrt Gewalt angedroht wird. Die unguten Situationen, in die sie sich selbst bringt, machen die Spannung des Films aus.

>> Alle Filmstartzeiten zu “Das unbekannte Mädchen”

(APA)

Leserreporter
Bild an VOL.AT schicken


0Kommentare

Herzlichen Dank für Ihren Kommentar - dieser wird nach einer Prüfung von uns freigeschaltet. Beachten Sie, dass dies gerade an Wochenenden etwas länger dauern kann. Kommentare von registrierten Usern werden sofort freigeschaltet - hier registrieren!

noch 1000 Zeichen
Werbung