Arbeitslosigkeit in Wien doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt

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Auch im Dezember gibt es keine positiven Nachrichten zur Arbeitslosigkeit in Österreich. Auch im Dezember gibt es keine positiven Nachrichten zur Arbeitslosigkeit in Österreich. - © apa/dpa (Sujet)
Die Arbeitslosigkeit in Österreich war auch im Dezember weiter hoch. Es waren deutlich mehr Menschen ohne Arbeit als im Jahr zuvor. Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) meint daher, es “kann noch immer nicht von einer grundsätzlichen Trendwende am Arbeitsmarkt gesprochen werden” und auch 2016 werde ein “schwieriges Jahr”.

Allerdings steige die Arbeitslosigkeit nicht mehr so stark, während die Beschäftigung gegenüber dem Vorjahr um 0,9 Prozent “deutlich” zugenommen habe – im Jahresdurchschnitt waren 3,535 Millionen Arbeitnehmer beschäftigt.

Grund für hohe Arbeitslosigkeit in Österreich

Als Ursachen für die weitere Verschlechterung der Arbeitsmarktlage macht Hundstorfer vor allem das schwache internationale Wirtschaftswachstum und viele zusätzlich in den Arbeitsmarkt eintretende Personen – Frauen und Zuwanderer – aus. Außerdem sei das Pensionszugangsalter gestiegen.

Nach Eurostat-Berechnungsmethode betrug Österreichs Arbeitslosenquote 5,6 Prozent – das ist der jüngste verfügbare Wert von Oktober. Österreich rangiert damit hinter Deutschland (4,5 Prozent), Tschechien, Malta und Großbritannien, liegt aber noch immer im Spitzenfeld. Auch die Anzahl der offenen Stellen ist in allen Bundesländern gestiegen – österreichweit um ein Drittel auf insgesamt knapp 29.500.

Verschlechterung der Arbeitsmarktlage

Am stärksten zugenommen hat die Arbeitslosigkeit bei Ausländern (+12,6 Prozent), mehr als ein Viertel aller Arbeitslosen gehört dieser Gruppe an. Stark betroffen waren auch Arbeitnehmer ab 50 Jahren (+9,9 Prozent) und behinderte Menschen (+9,3 Prozent), und Frauen mit +7,6 Prozent stärker als Männer (+5,2 Prozent).

Einen leichten Rückgang (-1,1 Prozent) gab es lediglich bei Jugendlichen unter 24. Die Anzahl der Lehrstellensuchenden ist um 3,4 Prozent auf knapp 6.600 gestiegen. Der Anstieg entfällt fast zur Gänze auf Wien und die Steiermark. Dem standen insgesamt fast 2.600 offene Lehrstellen gegenüber (-0,7 Prozent).

Auffallend ist auch, dass Arbeitslose deutlich länger brauchen, um einen neuen Job zu finden – durchschnittlich 103 Tage, also um 13 Tage länger als vor einem Jahr. Mehr als 52.700 Leute waren länger als ein Jahr auf Jobsuche, um rund 33.500 mehr als vor einem Jahr.

In Wien doppelt so viele Menschen ohne Arbeit als im Durchschnitt

Nach Branchen betrachtet haben die Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialwesen (+9,0 Prozent), im Tourismus (+7,4 Prozent) und im Handel (+5,6 Prozent) am meisten gelitten. Am Bau fiel der Anstieg der Arbeitslosigkeit mit +1,9 Prozent relativ moderat aus. “Hier dürfte allerdings auch der bis zum Jahresende ausnehmend milde Winter zu dieser Entwicklung beigetragen haben”, sagte Hundstorfer laut Aussendung.

Dass die Arbeitslosigkeit im Dezember so deutlich zugenommen hat, lag vor allem an Wien, wo der Anstieg mit +12,5 Prozent doppelt so hoch war wie im Bundesdurchschnitt. In Tirol ist die Zunahme praktisch zum Stillstand gekommen, in Vorarlberg war sie mit +2,0 Prozent ebenfalls niedrig.

Eine deutliche Entspannung am österreichischen Arbeitsmarkt erwartet der Sozialminister für heuer nicht, es stehe “neuerlich ein einigermaßen schwieriges Jahr bevor”. Es sei davon auszugehen, dass das Arbeitskräfteangebot weiter zunehmen werde, während die Auswirkung der wirtschaftlichen Erholung noch schwer einzuschätzen sei.

Wiener Arbeitslosigkeit: Anstieg um 12,5 Prozent

Die Zahl der beim Arbeitsmarktservice Wien als arbeitslos vorgemerkten Personen ist im Dezember 2015 im Jahresvergleich um 12,5 Prozent auf 143.501 gestiegen. Die Zahl der Personen in Schulung ist im selben Zeitraum um 8,8 Prozent auf 22.683 gesunken – die Summe beider Gruppen um 9 Prozent gewachsen. Das teilte das Wiener AMS am Montag in einer Aussendung mit.

Bei den jüngsten Arbeitslosen habe sich der Zuwachs im Dezember stabilisiert: Die Zahl der Unter-20-Jährigen ist im Jahresvergleich um nur 1,7 Prozent angewachsen. Ein anderes Bild zeigt sich bei den Älteren: Bei den Über-50-Jährigen liegt das Plus mit 13,5 Prozent laut AMS noch immer leicht über dem Durchschnitt.

Arbeitslosen-Plus in Wien wohl auch 2016

Nach wichtigen Branchen betrachtet, lag der Anstieg der Arbeitslosigkeit im Bau bei 6,1 Prozent, in der Warenproduktion bei 8,1 Prozent, im Einzelhandel bei 10,9 Prozent und in Hotellerie und Gastronomie bei 15,5 Prozent. Der Gesamtbestand an offenen Stellen, die die Wiener Unternehmen dem AMS zur Besetzung meldeten, lag im Vormonat um 21,2 Prozent höher als noch vor einem Jahr.

“Wir stellen fest, dass der Anstieg der Arbeitslosigkeit in Wien nun langsam schwächer wird”, sagt AMS-Wien-Chefin Petra Draxl: “Eine Umkehr des Trends ist das aber leider noch lange nicht – obwohl die Zahl der Jobs in Wien zunimmt, wächst die Zahl der Menschen, die auf den Arbeitsmarkt drängen, noch rascher an.” Die Arbeitslosigkeit werde 2016 daher weiter ansteigen, prophezeite Draxl.

ÖGB und Wirtschaft setzen auf Steuerreform

ÖGB-Vizepräsidentin Renate Anderl zeigte sich zuversichtlich, dass durch die Steuerreform die Kaufkraft der Konsumenten und die Binnennachfrage steigen werden, was zur Schaffung neuer Arbeitsplätze führen könnte. Auch durch eine Anhebung des Mindestlohns auf 1.700 Euro brutto im Monat könnte der Konsum weiter angekurbelt werden, forderte Anderl am Montag in einer Aussendung.

Die Bundesfrauenvorsitzende in der Gewerkschaft PRO-GE, Klaudia Frieben, verwies auf die hohe Arbeitslosigkeit bei älteren Frauen und sprach sich gegen eine baldige Anhebung des Pensionsalters von Frauen aus.

In der Arbeiterkammer glaubt man nicht, dass eine Trendwende am Arbeitsmarkt durch Arbeitsmarktpolitik alleine erreicht werden kann. Vielmehr müssten die beschlossenen öffentlichen Investitionen – insbesondere die Wohnbauoffensive – rasch umgesetzt und dafür auch mehr Schulden gemacht werden.

Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl hob als positiv hervor, dass die Betriebe im Dezember 40.000 zusätzliche Jobs geschaffen hätten. Die Arbeitslosenquote von 10,9 Prozent bei Menschen über 50 Jahren sei auch kaum höher als die allgemeine Arbeitslosenquote. Der Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Christoph Neumayer, forderte eine weitere Liberalisierung der Arbeitszeitregelungen. Wirtschaftsbund-Generalsekretär Peter Haubner begrüßte die Lohnnebenkostensenkung, durch die es zu einer spürbaren Entlastung für die Unternehmen kommen werde.

Politische Stimmen zur aktuellen Arbeitsmarktlage

FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl verlangte eine sektorale Schließung des Arbeitsmarktes, um einheimische Arbeitnehmer zu entlasten. Auch dürfe der Arbeitsmarkt nicht für Asylwerber geöffnet werden.

Die Arbeitnehmersprecherin der Grünen, Birgit Schatz, kritisierte, dass die Beschäftigung nur bei Teilzeitjobs wachse. Mehr als die Hälfte der unselbstständig Beschäftigten verdiene rund 1.500 Euro im Monat. Ähnlich sieht das auch der wirtschaftsliberale Thinktank “Agenda Austria”: Ursache des Beschäftigungsrekords sei, dass weniger Arbeit auf mehr Personen verteilt werde. Rechne man die geleisteten Arbeitsstunden in Vollzeitjobs um, so werde deutlich, dass in Österreich seit Jahren Jobs verloren gingen.

Der Pensionistenverband Österreichs (PVÖ) verlangte spezielle Aus- und Weiterbildungsangebote für ältere Arbeitnehmer und Förderungen für Firmen, die ältere Arbeitnehmer einstellen. PVÖ-Generalsekretär Andreas Wohlmuth sprach sich für ein wirksameres Bonus-Malus-System aus, um Anreize für Unternehmen zu schaffen, mehr ältere Arbeitnehmer zu beschäftigen und wiederholte auch die Forderung nach einer Wertschöpfungsabgabe.

Für das Team Stronach verlangte Klubobmann Robert Lugar eine Senkung der Steuer- und Abgabenquote sowie eine “Entrümpelung” der Gewerbeordnung.

Nach Ansicht von NEOS-Sozialsprecher Gerald Loacker ist die Regierung schuld an der Arbeitslosigkeit. Er forderte eine Senkung der Lohnnebenkosten – die “homöopathischen” Senkungen der Unfallversicherungsbeiträge und der Beiträge zum Insolvenzentgeltfonds würden keine Wirkung zeigen.

AMS-Chef Kopf: “Flüchtlinge noch nicht angekommen”

Dass sich der deutsche Arbeitsmarkt deutlich besser entwickelt als der österreichische, hat laut AMS-Chef Johannes Kopf mehrere Ursachen: Deutschland habe ein deutlich höheres Wirtschaftswachstum, eine schrumpfende Bevölkerung und gemessen an der Bevölkerung auch eine geringere Zuwanderung, sagte Kopf am Montag in der “ZiB” um 13 Uhr.

Die meisten Flüchtlinge seien am österreichischen Arbeitsmarkt noch nicht angekommen, sagte Kopf. Derzeit gebe es in Österreich 21.000 arbeitslose Flüchtlinge, um rund 7.000 mehr als vor einem Jahr. Im Laufe dieses Jahres dürften 30.000 bis 35.000 dazukommen, schätzt Kopf.

Ein kurzfristig nicht lösbares Problem bleibt die ungenügende Ausbildung vieler Arbeitnehmer. Etwa die Hälfte aller Arbeitslosen habe nur einen Pflichtschulabschluss.

(apa/red)

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