Fußgänger-Ampeln in Wien: Grün auf Knopfdruck – oder lieber Finger weg?

Von Daniela Herger
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Die verschiedenen "Kästchen" an den Wiener Ampelanlagen sorgen für manche Verwirrung
Die verschiedenen "Kästchen" an den Wiener Ampelanlagen sorgen für manche Verwirrung - © VIENNA.at
Jede Wienerin und jeder Wiener kennt sie, doch wenige wissen genau, was es damit auf sich hat: Die kleinen Kästchen, die an Fußgängerübergängen mit Ampeln hängen und zum Draufdrücken einladen. VIENNA.at hat die Info, bei welchen man drücken sollte, bei welchen nicht – und warum.

Der ungefähre Sinn ist einem schon klar: Bei den laut offizieller Bezeichnung “Fußgänger-Bedarfsampeln” soll der Druck auf das Knöpfchen am Kästchen dafür sorgen, dass die Wartezeit verkürzt und die Ampel für Fußgänger rascher grün wird. So zumindest der verbreitete Glaube – VIENNA.at ist der Sache nachgegangen.

Bei welchen “Kasterln” wird es auf Knopfdruck grün?

An den Wiener Kreuzungen mit Schutzwegen hängen verschieden aussehende Kästchen, um deren Sinn und Zweck einige Verwirrung herrscht. Denn es gibt auch Kästchen, die nicht dazu gedacht sind, dass man der nächsten Grünphase für Fußgänger auf die Sprünge helfen kann – und bei denen das Betätigen des Knopfes auch lieber unterlassen werden sollte.

Bei den oftmals orangen Kästchen, bei denen sich der Druckknopf auch nicht auf der Vorderseite, sondern auf der Unterseite befindet, handelt es sich nämlich um eine Vorrichtung mit Blindenakustik (BLAK). Diese ist einzig und allein dafür vorgesehen, dass ein akustisches Freigabesignal ausgelöst wird, das Blinden und Sehschwachen meldet, wann es sicher ist, die Straße zu überqueren. Ein schnelleres Ticken ertönt, sobald die Ampel auf Grün schaltet. Wichtig ist, zu wissen, dass das Drücken dieser Druckknöpfe jedoch keinerlei Auswirkung darauf hat, ob und wann es grün wird. Einige der Blindenampeln sind daher auch mit dem Vermerk versehen “Nicht berühren!” Nur für … (Piktogramm eines Blinden, der die Straße überquert).”

Aus Knopfdruck grün für Fußgänger – aber tatsächlich keine kürzere Wartezeit

Schneller grün auf Knopfdruck wird es übrigens bei keiner der Ampelanlagen mit Taster. Dass bei den Fußgänger-Bedarfsampeln ohne Blindenakustik ein Knopfdruck für schnelleres Grünlicht sorgt, ist nämlich ein weit verbreiteter Irrglaube, wie uns die MA 33 aufklärt. Vielmehr hat das Drücken des Knopfes die Auswirkung, dass es für Fußgänger überhaupt grün wird. Die Wartezeit verkürzt sich, wie uns Walter Mimmler, Fachbereichsleiter VLSA (Verkehslichtsignalanlagen) bei der MA 33 erklärt, tatsächlich gar nicht. “Das Drücken der Taste bewirkt, dass – nach Ablauf der Zwischenzeiten- die Ampel grün für Fußgänger geschaltet wird. Wird nicht gedrückt, bleibt der Schutzweg rot,” klärt uns Mimmler auf.

Ein paar Zahlen zu Ampeln in Wien

In Wien befinden sich laut Mimmler von der MA 33 (zuständig für Öffentliche Beleuchtung, Ampeln und Uhren) derzeit rund 1.300 Ampelanlagen – knapp 900 davon sind mit einer Blindenakustik ausgestattet. Laut dem Fachbereichsleiter sind insgesamt 4.000 Schutzwege in der Bundeshauptstadt mit BLAK ausgestattet – da die “Kästchen” jeweils auf beiden Straßenseiten angebracht sind, entspricht dies 8.000 sogenannten “Anmeldedrucktastern”. Tendenz steigend: Mimmler zufolge werden aufgrund dem Behindertengleichstellungsgesetz bei Neubauten und Modernisierungen in Wien immer BLAK verbaut – dies entspricht rund 20 bis 40 neuen Anlagen im Jahr. Bestehende Anlagen werden auf Antrag der Bezirke oder Blindenverbände laut Mimmler nachgerüstet (2 bis 5 Anlagen pro Jahr).

Sieht man als Bürger Bedarf für eine Blindenampel, kann man übrigens selbst aktiv werden und einen Antrag beim jeweiligen Bezirksamt stellen. Je nachdem, ob an der betroffenen Stelle bereits eine Ampelanlage vorhanden ist, wird die Behörde daraufhin aktiv und prüft die Notwendigkeit bzw. Lage vor Ort, wie der Fachbereichsleiter erläutert.

Über die Menge der aktuell vorhandenen Taster für Fußgänger ohne Blindenakustik liegen der Magistratsabteilung zufolge keine Zahlen vor. “Als Schätzwert können 400 Schutzwege mit 800 Tastern genannt werden,” so der MA 33-Fachbereichsleiter gegenüber VIENNA.at.

“Finger weg von Blindenampeln!”

Die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs appelliert ausdrücklich an Fußgänger, die nicht von Blindheit oder Sehschwäche betroffen sind, die lebensnotwendige Blindenakustik an Ampeln nicht unnütz zu betätigen und bittet, uninformierte Passanten – vor allem aber Kinder und Jugendliche – über deren Funktion aufzuklären. “Das Signal meldet blinden und stark sehbehinderten Fußgängern deutlich hörbar, dass sie die Straße überqueren können. Sicherheit und Mobilität dieser Menschen sind vom Funktionieren der Technik abhängig”, gibt der Verein in einer Aussendung zu bedenken.

Blindenampel vs. Fußgänger-Bedarfsampel: Einfache Unterscheidung

Die Unterscheidung einer Blindenampel von einer Fußgänger-Bedarfsampel, die es auf Knopfdruck grün werden lässt, sei auch ganz leicht zu treffen, denn der Druckknopf für blinde Menschen befindet sich laut Erklärung der Hilfsgemeinschaft immer an der Unterseite des Kästchens in Form eines gut tastbaren, vibrierenden Pfeils, der die Gehrichtung anzeigt. Für nicht-sehbehinderte Passanten heißt es hier: “Finger weg!” Es unnötig piepsen zu lassen, ist zu unterlassen – die Blindenampeln sind kein Spielzeug.

Im Unterschied dazu befindet sich bei einer Fußgänger-Bedarfsampel zum Auslösen der Grünphase der Druckknopf an der Vorderseite. Die Aufschrift “Bitte drücken” darf hier ruhig als Aufforderung betrachtet werden. Häufig verfügt das Kästchen, sobald auf den Knopf gedrückt wird, auch über eine Anzeige, auf der gut sichtbar “Warten” zu lesen ist.

Blindenampeln helfen 318.000 Menschen

“In Österreich leben etwa 318.000 visuell beeinträchtigte Menschen. Für sie sind Ampeln mit Blindenakustik die einzige Möglichkeit, stark befahrene Straßen ohne sehende Begleitperson sicher zu überqueren. Wenn zu viele Passanten die Tasten unnötig betätigen, nützen sich die mechanischen Funktionsteile sehr rasch ab. Defekte treten auf, die blinde und sehbehinderte Fußgänger in Gefahr bringen, sie sehen ja nicht, ob die Ampel rot oder grün anzeigt”, erklärt Irene Vogel, Geschäftsführerin der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs.

MA 33-Experte Mimmler bestätigt die Problematik gegenüber VIENNA.at: “Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass auf die Betätigung einer blinden Person bis zu 1.000 Betätigungen von nicht blinden Personen kommen. Dementsprechend werden die Taster auch vor Ende der prognostizierten Lebenszeit kaputt gehen. Zusätzlich kommen Schäden durch Vandalismus.”

Einmal abgesehen vom Sinn und Zweck: Daran, dass höchst verschiedene aussehende “Kästchen” an den Wiener Ampeln hängen, wird sich auch in Zukunft nichts ändern. “Die Divergenz der Tastermodelle wird alleine schon aufgrund des Bundesvergabegesetzes auch in Zukunft bestehen bleiben – jeder Lieferant darf Produkte anbieten, die den Kriterien entsprechen”, so Mimmler.

>>Die verschiedenen Fußgänger-Ampeln in Wien: Bilder

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