Wiener Festwochen: "Böse Buben / Fiese Männer" von Ulrich Seidl

In Ulrich Seidls Stück "Böse Buben / Fiese Männer" wird unter anderem geturnt
In Ulrich Seidls Stück "Böse Buben / Fiese Männer" wird unter anderem geturnt ©APA/HERBERT NEUBAUER
Das Theaterprojekt "Böse Buben / Fiese Männer" von Filmemacher Ulrich Seidl wurde am Dienstag als Koproduktion der Wiener Festwochen mit den Münchner Kammerspielen uraufgeführt. Vom Publikum hagelte es gemischte Reaktionen.
Bilder aus dem Stück
Das Festwochen-Programm

Die zweite Theaterarbeit von Ulrich Seidl, “Böse Buben / Fiese Männer” widmet sich im Rahmen der Wiener Festwochen einer “armseligen” Herrenrunde. Denn böse und fies sind die sieben Herren, die in langen, pausenlosen zweidreiviertel Stunden vorgeführt werden, keineswegs – eher wirkten sie, wie das Urteil nach der Premiere lautete, mitleidserregend, erbärmlich und mühsam.

Buh- und Bravo-Rufe für “Böse Buben / Fiese Männer”

Als “ziemlich monothematisch in ihrer Weltsicht” wurden sie beschrieben. Der Blick, den sie aus ihrem Kellerraum werfen, geht meist unter die Gürtellinie. Das Premierenpublikum im Theater Akzent reagierte gespalten: Am Ende setzte es in den eher reservierten Applaus einzelne Buh- und Bravorufe.

Ulrich Seidl erweist sich in seiner zweiten Theaterarbeit für die Wiener Festwochen als Marthaler des erbarmungslosen Blicks. In einem von Duri Bischoff gestalteten großen Kellerraum, der in seiner detailfreudigen Ausstattung mit Lüftungsrohren, Installationen, Spinden, einem Waschraum und einem von außen zugänglichen Kontrollraum mit Sichtfenster an Anna Viebrocks Ausstattungen für Christoph Marthalers Inszenierungen erinnert, versammelt sich eine Gruppe Männer.

Turnende Männer unter der Regie von Ulrich Seidl

Unter Anleitung eines Aufsichtsorgans ergeht man sich in Gesellschaftsspielen und Männerritualen, trinkt Bier, blättert Pornohefte durch, erzählt Zoten, singt Lieder, zeigt Zumpferln vor, widmet sich Muskelspielen (besonders sehenswert: die “Nationalpose”, in der Arme und Beine ein Hakenkreuz formen) und absolviert eine Turnstunde.

Dass der mit Pfeiferl ausgestattete “Turnlehrer” (Lars Rudolph) einarmig ist, ist vermutlich inspiriert von einem der “Kurzen Interviews mit fiesen Männern” von David Foster Wallace. Diese waren als Teil des Textmaterials für den Abend angekündigt. Mehr Wallace und weniger Improvisation hätte man sich sehr gewünscht. Denn die Schärfe der eingearbeiteten Monologe des US-Kultautors, der sich 2008 das Leben nahm, wird von nichts anderem erreicht.

Viel Grenzwertiges im Wiener Festwochen-Stück

Wenn Wolfgang Pregler als adeliger Anzugträger am Ende über die charakterstärkenden Aspekte einer erlittenen brutalen Vergewaltigung philosophiert, ist es totenstill im Saal, der kurz zuvor noch in sanften Theaterschlaf zu versinken drohte. Was die Figuren sonst in Kurzauftritten aus ihrem Privatleben erzählen, ist im Vergleich dazu zwar häufig ungustiös, letztlich aber ebenso belanglos wie die frauenfeindlichen und schlüpfrigen Wortkaskaden von Rene Rupnik, dem Hauptdarsteller von Seidls “Busenfreund”-Film, der seine Obsession ausbreitet und sich nach seinen Auftritten demonstrativ in sein Winkerl zurücktritt – offenbar in Besitz einer Turnbefreiung.

Seidl hat wie in vielen seiner Filme mit Profis und Laien gearbeitet. Am Theater scheint dieses Konzept nicht ganz aufzugehen. Während Georg Friedrich, Wolfgang Pregler, Lars Rudolph und Michael Tregor ihre Kunstfiguren mit dunklen Geheimnissen ausstatten und Michael Thomas (der den abgesprungenen Paulus Manker ersetzt) wie schon in “Import Export” und demnächst in “Braunschlag” seinen hohen Originalitätsbonus gut einzusetzen weiß, sind Rene Rupnik und Nabil Saleh (der im zweiten Film von Seidls “Paradies”-Trilogie eine Hauptrolle spielen wird) letztlich geheimnislos oder überfordert.

Wie düster es im Paradies zugeht, davon hat Seidl jüngst in Cannes unter großer Aufmerksamkeit von Branche und Weltpresse zu erzählen begonnen, wie es im “Keller” aussieht, davon wird im kommenden Jahr sein nächster Dokumentarfilm berichten. Seidls Wiener Festwochen-Beitrag “Böse Buben / Fiese Männer” bleibt dagegen trotz aller ostentativen Entäußerung an der Oberfläche.

(apa/red)

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