"Wie uns das Fernsehen zu Nazis macht"

Mit ihrem Zweiminüter „Die Deutsche Kochschau“ hat das Kabarett-Duo Stermann und Grissemann YouTube-Rekorde gebrochen - jetzt machen sie diesen Erfolg zum Aufhänger des neuen Programms.

„Die Deutsche Kochschau“ startet ihre Tour in Deutschland und hat am 16. Oktober Österreich-Premiere in Wiener Rabenhof. Im Gespräch mit der APA beklagen die beiden Radio-, Fernseh- und Bühnenkomiker, dass sie vom Publikum am liebsten in der Nazi-Rolle gesehen werden und dass sie immer länger Programm machen müssen, als sie die Spannung halten können.

APA: Der Untertitel eures neuen Programms „Die Deutsche Kochschau“ lautet: „Wie uns das Fernsehen zu Nazis macht.“ Wie macht es das denn?
Dirk Stermann: Macht es eh nicht. Dieser Untertitel ist ein Überbleibsel aus ersten Gesprächen. Weil die Plakate werden ja gedruckt bevor du noch weißt, was du machst.
Christoph Grissemann: Was dahinter steckt und was auch auf der Bühne vorkommt, ist dass wir in dieser idiotischen Nazirolle am gefragtesten sind, also dass das das erfolgreichste Programm zweier Komiker ist. Darunter hat ja auch Jerry Lewis immer gelitten, auf den Vollidioten reduziert zu werden. Und wir tun so in diesem Stück, als würden wir nur auf die Nazis reduziert werden.
Stermann: Wobei das natürlich auch wirklich so ist. Wir haben einen Kinofilm gemacht, den wir beide eigentlich sehr schön finden, der hat in Österreich 20.000 Zuschauer gehabt und dann diese Nazi-Kochshow, die im Internet 1,2 Millionen Zuschauer hat. Was echt absurd ist, weil die Nazis haben wir in drei Minuten hingeschissen, das sind ja einfach nur Wortspiele, da ist ja überhaupt nichts spektakulär Gutes dabei, aber das schauen sich dann Rechte an und Linke an, und Kinder und Lehrer und finden das alle lustig.

APA: Könnt ihr da voll dahinter stehen? Nazi-Parodien sind ja alles andere als unumstritten – gibt es für euch bei dem Thema eine Grenze des Lustigen?
Stermann: Ich verstehe, warum man das lustig findet. Ich finde es befreiend, dass es nicht mehr so viele Stimmen gibt, die das als Verhöhnung der Opfer betrachten. Das zeigt, dass man einen souveräneren, einen ruhigeren Umgang damit hat.
Grissemann: Es gibt gar kein Thema, worüber man keine Witze machen sollte, es gibt nur Stilfragen.
Stermann: Das Entscheidende ist die Haltung von dem, der es erzählt. Es macht einen Unterschied ob Strache im 20. Bezirk Witze über Islamisten macht, oder ob wir das auf der Bühne machen.
Grissemann: Strache darf auch machen was er will. Ist mir völlig wurscht. Ich lasse mir ja auch nicht sagen, worüber ich Witze machen darf. Ali G ist zum Beispiel auch zum Brüllen komisch. Wenn man das lesen würde, würde man denken, dem Mann muss das Handwerk gelegt werden, aber wenn du siehst wie er das macht und wie subtil das in Wahrheit ist, dann ist es großartig.

APA: Und was das Publikum dann damit anfängt…
Grissemann: … muss wurscht sein, glaube ich. Bei der „Deutschen Kochschau“ sieht man ja im Netz Einträge von tatsächlichen Neonazis, die sich darüber aber aufregen. Das wäre natürlich das Allerschlimmste, wenn man eine Naziparodie macht und das finden die Nazis lustig, dann würden wir natürlich sofort aufhören damit. Aber guter Humor muss immer ganz hart an die Grenze gehen.
Stermann: Wir arbeiten seit zwanzig Jahren an Schnittstellen, wo man sich fragt ist das noch okay oder ist das nicht mehr korrekt, wir haben aber noch nie Beifall von der falschen Seite bekommen. Noch nie eine Einladung, eine FPÖ-Veranstaltung zu moderieren, insofern haben wir wohl alles richtig gemacht.

APA: Nicht nur eure eigene, sondern Kochshows allgemein boomen. Seid ihr auch Fans?
Stermann: Seine Mutter und ich sind begeisterte „Perfekte-Dinner“-Schauer. Das hat so etwas biedermeierliches. Man wird ja so selten zum Essen eingeladen, und da wird man halt jeden Tag eingeladen, auch als Zuseher.
Grissemann: Am besten finde ich das „Perfekte Promi-Dinner“, wo man nie einen einzigen Promi kennt.
Stermann: Ich finde es interessant, dass man sich gerne anschaut, wie sich ganz normale Leute gegenseitig einladen und kochen. Inzwischen wird jeder Bereich des Lebens einfach abgefilmt. Das ist quasi Second Life. Du siehst das Leben eins zu eins in allen Facetten im Fernsehen.

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