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Wie grün ist Wien? So läuft die Analyse des Grünraumanteils in der Stadt

Die Daten aus Befliegungen geben Auskunft über die Qualität und Quantität der Grünflächen in Wien.
Die Daten aus Befliegungen geben Auskunft über die Qualität und Quantität der Grünflächen in Wien. ©Canva (Sujet)
Der Grünraumanteil Wiens beträgt mit Stand 2019 53 Prozent. Durch regelmäßige Luftaufnahmen und digitale Fotografie werden detaillierte Informationen über die Vegetation und die Verbauung der Stadt gewonnen, was gewisse Schwankungen offenbart.

53 Prozent - diese Zahl führen Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) und Mitglieder seiner rot-pinken Stadtregierung immer wieder ins Treffen, wenn es zu beweisen gilt, dass der Grünraumanteil Wiens für eine Metropole sehr hoch ist. Verwiesen wird dabei auf das "Grünraummonitoring" - und das zeigt, dass der städtische Grünraumanteil auch schon einmal höher war und zuletzt wieder angestiegen ist. Die MA 22 spricht von natürlichen Schwankungen.

Grünraumanteil Wiens wird mit Luftaufnahmen ausgewertet

Verantwortlich für die Analyse aus der Vogelperspektive ist die Wiener Umweltschutzabteilung (MA 22). Da eine regelmäßige Begehung des 415 Quadratkilometer großen Stadtraums aus Zeit- und Kostengründen viel zu aufwendig wäre, setzt man bereits seit den frühen 1990ern auf Befliegungen. Nach anfangs noch analogen Aufnahmen wird seit Jahren digital fotografiert. Wien wird dabei in 60.000 Teilflächen eingeteilt, von denen detailgenaue Infrarotbilder entstehen. Dadurch wird das in Pflanzen enthaltene Chlorophyll sichtbar und damit klar erkennbar, wo etwas wächst. Auch unzugängliche Grünflächen etwa auf Dachgärten, in Innenhöfen oder hinter Mauern lassen sich so kartieren.

Sechs Kategorien bei Analyse von Flächen in Wien

Bei der nachfolgenden Analyse werden die Flächen grundsätzlich in sechs Kategorien unterschieden: Kraut (darunter fallen z.B. Wiesen), Sträucher, Bäume, nicht versiegelte Flächen (Wasserflächen, aber auch "brown fields" wie Schotterflächen auf Industriebrachen), versiegelte Flächen und bebaute Flächen. Was aber erscheint auf der Grünmonitoring-Stadtkarte alles als Vegetation? Grundsätzlich sämtliche Flächen, die von oben grün erscheinen - und zwar unabhängig von der Bodenbeschaffenheit darunter. Das hat zur Folge, dass im Falle von Dachbegrünungen auch Häuser oder bei Straßenbäumen auch die darunterliegenden Asphaltflächen als Vegetationsflächen erscheinen. Bei der MA 22 betont man, dass es sich beim Monitoring in erster Linie nicht um eine quantitative, sondern eine qualitative Erhebung von klimawirksamem Grünraum mit Fokus auf dessen CO2-Bindungs-, Verdunstungs-, Beschattungs-, Versickerungs- und Biodiversitätsfunktion handle. "Wir wollen wissen: Wo gibt es welche Vegetation und wie geht's der?", bringt es Robert Saul, GIS-Spezialist (Geographisches Informationssystem) bei der MA 22, im APA-Gespräch auf den Punkt. Denn aus den Aufnahmen lässt sich auch herauslesen, in welchem Zustand sich die Wiener Flora befindet.

Schwankungen bei Vegetationsanteil hat mehrere Gründe

Zuletzt wurden Resultate 2019 kommuniziert. Dabei entfielen 22,8 Prozent auf die Kategorie Kraut, 5,4 Prozent auf die Sparte Strauch und 24,5 Prozent auf Bäume. Das ergibt in Summe 52,7 Prozent Grünraum und somit gerundet jene 53 Prozent, auf die die Stadtpolitik seither referenziert. Neben 16,6 Prozent nicht versiegeltem Stadtraum wurden 30,8 Prozent als versiegelt (13,7 Prozent davon als bebaut) ausgewiesen. Die Ergebnisse beziehen sich auf eine Befliegung aus 2015 - denn die komplexe Auswertung der Daten dauert jeweils einige Jahre. Die damals zuständige Umweltstadträtin Ulli Sima (SPÖ) zeigte sich in der entsprechenden Aussendung aus 2019 insofern erfreut, als die Erhebung zehn Jahre zuvor (2005) 51 Prozent ergeben habe, also eine Steigerung erzielt worden sei.

Was in dieser Pressemitteilung nicht zu lesen ist und bisher auch nicht kommuniziert wurde, findet man in einem kürzlich veröffentlichten Rechnungshofbericht, der in erster Linie Flächenwidmungsverfahren der Stadt unter die Lupe nimmt. Er beinhaltet auch einen dreiseitigen Abriss zum Grünraummonitoring samt grafischer Darstellung. Aus dieser geht hervor, dass es zwischen den 51 und 53 Prozent noch eine Grünraumerhebung gab, nämlich 2009. Und diese weist einen Grünanteil von 56,2 Prozent aus - also einen um dreieinhalb Prozentpunkte höheren als die 2019 bejubelten Werte aus dem Jahr 2015. Hat der Grünraumanteil Wiens in Wahrheit also abgenommen? Nein, denn die RH-Grafik beinhaltet auch jüngere Werte, die bisher ebenfalls nicht kommuniziert wurden. Bei der bis dato letzten ausgewerteten Befliegung aus 2018 betrug der Vegetationsanteil 55,5 Prozent. Im heurigen Sommer wurde erneut geflogen. Wann die Resultate vorliegen, steht noch nicht fest.

Witterung vor Flügen nimmt auf Grünraum-Sichtungen Einfluss

Der Grund für die Schwankungen liegt laut MA 22 gewissermaßen in der Natur der Sache. Ob mehr oder weniger Grün auf den Luftbildern erscheint, hat demnach vorrangig mit der Witterung vor den Fotoflügen zu tun. Gibt es im Frühjahr etwa viel Niederschlag - die Befliegungen finden üblicherweise im Sommer statt -, sprießen vor allem die Wiesenflächen üppiger und heben damit den Nettogrün-Anteil. Bei starker Trockenheit ist es umgekehrt. Tatsächlich gibt es in der Kraut-Kategorie, die das bodennahe Grün und somit auch Wiesen umfasst, die meisten Schwankungen. Baumbestand und bebaute Flächen variieren dagegen kaum. Dass der Versiegelungsgrad trotz wachsender Stadt recht konstant bleibt, lasse sich damit erklären, dass in neuen Stadtteilen teils mehr Grünflächen vorhanden seien als zuvor auf dem unbebauten Areal, nennt MA-22-Leiter Michael Kienesberger etwa die Seestadt Aspern als Beispiel. Dort wurden auf dem komplett versiegelten früheren Flugfeld neben Wohnbauten etwa auch Parks und Baumalleen angelegt.

Damit beim Grünraummonitoring nicht große Vegetationsflächen "durchrutschen" - etwa braune Wiesen, die im Infrarotfilter nicht aufscheinen -, oder andere Unschärfen beispielsweise infolge von Sonnenstand bzw. Schattenbildung nach Möglichkeit bereinigt werden können, werden die Flugaufnahmen im Zuge der Auswertung mit anderen Quellen abgeglichen. In erster Linie ist das die Flächen-Mehrzweckkarte. Diese Methode der Stadtraumkartierung will nicht der Vitalität der Stadtvegetation auf den Grund gehen, sondern ist die Basis für detaillierte Bezirks- oder Stadtpläne.

Flugaufnahmen werden mit Flächen-Mehrzweckkarte abgeglichen

Sie geht also von der tatsächlichen Bodennutzung aus. Im Fall der Grünraumklassifizierung heißt das etwa: Bei Straßenbäumen zählt nur die Baumscheibe als Grünraum und nicht die maximale Ausdehnung der Krone. Ackerland zählt - egal, ob dort gerade etwas wächst oder nicht - nicht zur Grün-Kategorie. Dafür werden wiederum - anders als beim Grünraummonitoring - Gewässerflächen zum Grünraum dazugezählt. In Summe kommt diese Art der Auswertung jedenfalls auf einen ähnlichen Wert wie die Analyse aus der Vogelperspektive. "Ein bisschen über 50 Prozent", sagt MA 41-Chef Lionel Dorffner. Damit bescheinigen beide unterschiedlichen Erhebungsmethoden der Bundeshauptstadt jedenfalls einen seit Jahren konstanten Grünanteil von etwas mehr als die Hälfte.

Starke Unterschiede bei Grünraum in den Wiener Bezirken

In Sachen Verteilung des Grünraums zeigen sich freilich starke Unterschiede im Stadtgebiet. Das dokumentiert eine auf der Website der Stadt Wien nach Bezirken aufgeschlüsselte Statistik, die auf das Jahr 2020 referenziert. Die Daten beziehen sich auf eine weitere Flächen-Erhebungsmethode, die sogenannte Realnutzungskartierung. Hier werden die städtischen Flächen in 32 Nutzungskategorien unterteilt, die wiederum in drei grobe Bereiche zusammengefasst werden: Bauland, Verkehr und Grünland (inklusive Gewässer).

Hier zeigt sich, dass nicht zuletzt dank der weitläufigen Grünflächen am Stadtrand wie Wienerwald, Donauinsel oder Lobau vor allem die Außenbezirke mit sehr viel Grünraum gesegnet sind. Spitzenreiter ist Hietzing mit 70,7 Prozent, gefolgt von der Donaustadt mit 63,6 Prozent und Penzing mit 61,3 Prozent. Dahinter folgen die Leopoldstadt mit 55,9 Prozent und Hernals mit 53,1 Prozent. Ganz anders sieht die Situation in den inneren Bezirken aus. Sie befinden sich am unteren Ende der Rangliste, wobei die Josefstadt mit 1,8 Prozent den geringsten Grünanteil aufweist - gefolgt von Neubau mit 2,2 Prozent, Mariahilf mit 3,7 Prozent, Margareten mit 4,4 Prozent und Alsergrund mit 7,6 Prozent.

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(APA/Red)

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