Ungewöhnlicher Fall vor Gericht

Ein so genannter Hütchenspieler, von der Staatsanwaltschaft als Betrüger angeklagt, packte im Verhandlungssaal eine Filzunterlage, eine Papierkugel und drei kleine Schachteln aus, um zu beweisen, dass er kein Gauner ist. Er konnte den Richter überzeugen.

Ein mehr als ungewöhnlicher Prozess fand am Mittwoch im Wiener Straflandesgericht statt. Richter Peter Liebetreu fällte einen Freispruch. Der Staatsanwalt hatte keine Einwände, die Entscheidung ist rechtskräftig.

Auf Mariahilfer Straße

Der 43-jährige Mann dürfte Passanten auf der Mariahilfer Straße ein vertrauter Anblick sein: Immer wieder ist er dort zu sehen, wie er Vorbeigehende zum Mitspielen auffordert. In blitzartigem Tempo bewegt er dann die Papierkugel zwischen den Schachteln hin und her und lässt diese zuletzt unter einer verschwinden. Sein Mitspieler hat zu erraten, unter welcher sich das Papier befindet. Behält er recht, gehört der Einsatz – meistens zehn bis 50 Euro – ihm. In den allermeisten Fällen gewinnt jedoch der 43-Jährige.

Er selbst gab sich in seinem Verfahren zwar betont bescheiden („Manchmal gewinne ich, manchmal verliere ich“), doch sein Verteidiger Rudolf Mayer lobte ihn in den höchsten Tönen: „Er spielt seit 20 Jahren. Natürlich hat er da eine gewisse Fingerfertigkeit erworben.“

Kein “Falschspieler”

Vor Gericht landete der Hütchenspieler, nachdem ihn zwei junge Polizisten am 9. Februar längere Zeit auf der stark frequentierten Mariahilfer Straße beobachtet hatten. Die Beamten waren überzeugt, dass der Mann seine Mitspieler „linkte“, indem er – ohne dass diese es bemerkt hätten – am Ende die kleine Papierkugel geschickt zwischen seine Finger klemmte und gar nicht unter einer Schachtel verbarg. Er wurde festgenommen und landete für ein paar Wochen in U-Haft.

„Die Kugel war immer unter der Schachtel“, schwor er nun im Landesgericht. Zum Beweis breitete er seine Utensilien am Boden aus und forderte anwesende Journalisten zum Mitspielen auf, wobei auf ausdrückliches Verlangen des Richters kein Geld gesetzt werden durfte.

Tatsächlich zeigte sich, dass keiner der Probanden die richtige Schachtel benennen konnte, die Kugel aber sehr wohl unter einer anderen lag. Schließlich mussten auch die beiden als Zeugen geladenen Polizisten mitmachen. Auch sie scheiterten und waren danach nicht mehr hundertprozentig überzeugt, ob sie wirklich das gesehen hatten, wovon in ihrer Anzeige die Rede war.

„Im Zweifel für den Angeklagten“, urteilte daher der Richter. Der Hütchenspieler lächelte zufrieden und packte seine Sachen ein. Er will jetzt nach Berlin weiter reisen. „Dort ist er noch nie festgenommen worden“, wusste sein Anwalt.

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