Ukraine-Krieg: Asow-Stahlwerk in Mariupol weiter unter Beschuss

Hunderte Verletzte sitzen, laut ukrainischen Angaben, noch im Asow-Stahlwerk in Mariupol fest.
Hunderte Verletzte sitzen, laut ukrainischen Angaben, noch im Asow-Stahlwerk in Mariupol fest. ©REUTERS/Alexander Ermochenko
Trotz der Verhandlungen um eine Lösungen für die Kämpfer im Asow-Stahlwerk in Mariupol hat Russland die Industriezone erneut beschossen.
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Video:Tötung Zivilisten durch russische Soldaten

Es gebe Angriffe aus der Luft und am Boden, teilte der Mariupoler Stadtratsabgeordnete Petro Andrjuschtschenko am Samstag auf Telegram mit. Er veröffentliche dazu ein Video, das Luftaufnahmen des Stahlwerks unter russischem Beschuss zeigen soll. Woher und von wann die Aufnahmen stammen, kann unabhängig nicht überprüft werden.

Asow-Stahlwerk in Mariupol steht trotz Verhandlungen unter Beschuss

"Die Grausamkeit des Feindes nimmt zu", meinte Andrjuschtschenko. Es würden nicht nur die Verteidiger von Mariupol selbst angegriffen, sondern auch ihre Familien. "Gestern haben die Besatzer in den sozialen Netzwerken die persönlichen Kontakte (Telefon, Profile) der Ehepartner ausfindig gemacht", sagte Andrjuschtschenko.

Andrjuschtschenko: "Die Grausamkeit des Feindes nimmt zu"

Die ukrainische Regierung hatte zuletzt erklärt, alles dafür zu tun, um die Verteidiger von Mariupol über Verhandlungen mit Russland aus der Industriezone herauszuholen. Das sei schwierig, hieß es. Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk teilte am Samstag mit, es gehe aktuell um Verhandlungen für 60 Menschen, darunter verletzte Kämpfer und medizinisches Personal. "Dort sind einige Hundert Verletzte, sie müssen zuerst gerettet werden, weil die Russen für alle auf einmal keine Zustimmung erteilen", sagte sie.

Hunderte Verletzte warten auf Rettung aus Stahlwerk in Mariupol

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte die Kämpfer aufgefordert, die Waffen niederzulegen und sich in Gefangenschaft zu begeben. Die Männer und Frauen, die sich in dem Werk verschanzt haben, lehnten eine Kapitulation allerdings mehrfach ab.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, dass für die Verhandlungen einflussreiche Vermittler herangezogen würden. "Natürlich tun wir alles dafür, um alle Übrigen, jeden unserer Verteidiger und Verteidigerinnen da herauszuholen."

Verhandlungen um Abzug der im Eingesperrten "äußerst schwierig"

Die Verhandlungen um einen möglichen freien Abzug oder Teilabzug der im Werk Asowstal in Mariupol eingekesselten ukrainischen Soldaten gestalten sich nach Darstellung Kiews "äußerst schwierig". Das sagte die für die Gespräche zuständige ukrainische Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk am Freitag, wie die Agentur Unian berichtete. "Ich teile die Angst und Sorge der Menschen, die den Verteidigern der Festung nahestehen", sagte sie. Doch es herrsche Krieg.

"Im Krieg geschehen keine Wunder, es gibt nur bittere Realitäten"

"Und im Krieg geschehen keine Wunder, es gibt nur bittere Realitäten." Daher helfe in diesem Fall nur ein "nüchternes und pragmatisches Herangehen", so die Vize-Regierungschefin. Wereschtschuk bemüht sich seit Tagen mit Hilfe der UN und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, mit der russischen Seite über einen möglichen Ausweg für die im Stahlwerk der Hafenstadt Mariupol verschanzten ukrainischen Truppen zu sprechen. "Aber die Verhandlungen mit dem Feind sind äußerst schwierig", sagte sie. "Möglicherweise wird der Ausgang nicht alle zufriedenstellen." Dennoch werde alles getan, um die Soldaten zu retten.

Verhandlungen um Verteidiger von Asowtal hat Türkei eingeschaltet

In die Verhandlungen um die Verteidiger von Asowstal hat sich inzwischen auch die Türkei eingeschaltet. Das russische Militär lehnt bisher jedes Zugeständnis ab, fordert die Kapitulation der in Asowstal verschanzten Ukrainer. Nach ungenauen Schätzungen halten sich in dem weitläufigen Werk noch rund 1.000 ukrainische Soldaten auf, viele von ihnen verwundet. Ein Großteil von ihnen gehört dem Regiment "Asow" an, das von Russen als nationalistisch und rechtsextremistisch eingestuft wird

Selenskyj fordert mehr Druck auf Russland wegen des Angriffkrieges

Knapp zweieinhalb Monate nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj noch mehr Druck der internationalen Gemeinschaft auf Moskau gefordert. "Mit jedem Tag des Krieges nehmen die globalen Bedrohungen zu, gibt es eine neue Gelegenheit für Russland, Instabilität in anderen Teilen der Welt zu provozieren, nicht nur hier in Europa", sagte Selenskyj am Freitagabend in seiner täglichen Videoansprache.

Derweil aber stürben in der Ukraine Männer und Frauen, "die ihr Bestes geben, damit alle Menschen frei leben können", sagte Selenskyj. "Daher ist viel mehr Druck auf Russland erforderlich."

Selenskyj kritisierte Länder die Russland-Sanktionen blockieren

Dennoch gebe es Länder, in denen Sanktionen gegen Moskau zurückgehalten würden oder Hilfe für die Ukraine blockiert werde, kritisierte Selenskyj. Konkret nannte er jedoch kein Land beim Namen. Dabei sei inzwischen bekannt, dass Russlands Blockade ukrainischer Häfen sowie der Krieg insgesamt eine große Nahrungsmittelkrise provozierten. "Und russische Beamte drohen der Welt auch offen, dass es in Dutzenden von Ländern Hungersnöte geben wird."

"Tatsächlich kann heute niemand vorhersagen, wie lange dieser Krieg dauern wird", sagte Selenskyj. "Aber wir tun alles, um unser Land schnell zu befreien. Das ist unsere Priorität - jeden Tag daran zu arbeiten, den Krieg zu verkürzen." Dazu aber brauche die Ukraine die Hilfe ihrer Partner, "aus europäischen Ländern, aus den Ländern der ganzen freien Welt".

"Jeder Versuch zu Verhandlungen mit dem WEsten wird scheitern"

Präsidentenberater Olexij Arestowytsch sagte indes den aus seiner Sicht bevorstehenden Zusammenbruch der russischen Wirtschaft im Sommer voraus. "Jeder Versuch zu Verhandlungen mit dem Westen wird scheitern", sagte Arestowytsch. Das werde sich spätestens im Juli oder August bei einer möglichen Mobilmachung bemerkbar machen. Er sah es als fraglich an, dass die russische Wirtschaft diesem Druck standhalten könne.

Das Bild des russischen Präsidenten Wladimir Putin von der "unbesiegbaren zweitgrößten Armee der Welt" habe sich bereits "als Fake" entpuppt, sagte Arestowytsch am Freitagabend nach Angaben der Agentur Unian. Die Realität der vergangenen Wochen habe ein reales Bild von der Kampffähigkeit der russischen Armee gezeigt: "Sie hat gedroht, die NATO zu zerlegen, ist aber schon an zwei Dörfern in der Region Sumy gescheitert."

(APA/Red)

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