Tatzeugin schildert Mord an Lindh als „pervers"

Als wichtigste Zeugin hat eine Freundin der ermordeten Außenministerin Anna Lindh am Donnerstag die Tat als „pervers wirkenden" Angriff geschildert.

Am zweiten Tag des Prozesses gegen den geständigen Angeklagten Mijailo Mijailovic (25) in Stockholm sagte Lindhs frühere Mitarbeiterin Eva Franchell, der Täter sei bei seinen Messerstichen in einem Stockholmer Kaufhaus „mit fürchterlicher Aggressivität” gegen das Opfer vorgegangen.

Mijailovic verweigerte jede Aussage zur Tat, nachdem er am Vortag den Angriff gestanden, aber jede Tötungsabsicht bestritten hatte. Der Gerichtsmediziner Henrik Druid, der die Leiche obduziert hatte, sagte aus, die 46-jährige Lindh sei von sieben oder acht Messerstichen in Bauch, Brust und Arme getroffen worden. Den Tod führte dabei ein Stich in die Leber herbei. Ein anderer Stich in einen Arm sei mit solcher Kraft geführt worden, dass das Messer den Knochen glatt durchschlagen habe. Für die Anklage sind die beiden Zeugenaussagen von großer Bedeutung, da sie nachweisen will, dass Mijailovic die Ministerin vorsätzlich tötete.

Sie habe sich am Nachmittag des 10. September mit Lindh zum Einkaufen getroffen, weil die Ministerin für eine Fernsehsendung am Abend nichts zum Anziehen gehabt habe, berichtete Franchell. Die beiden Frauen hätten im ersten Stock des Kaufhauses Nordiska Kompaniet ahnungslos und gutgelaunt nach einem Blazer geschaut, als sie „aus dem Augenwinkel” plötzlich einen Mann bemerkt habe. „Er ist an mir vorbeigerannt, nein, hat mich ganz schnell beiseite geschubst. Auf mich wirkte das pervers.”

Den Messerangriff auf Lindh verglich Franchell mit Boxschlägen in den Bauch.„Es sah wirklich wie Schattenboxen aus”, sagte sie. Sie habe versucht, den Angreifer von Lindh wegzudrängen, während die zweifache Mutter ihre Arme und ihre Einkaufstasche vor sich gehoben habe, um den Täter abzuwehren. „Dieses Bild, wie er sich auf sie stürzt, sehe ich in meinen Albträumen wieder und wieder vor mir”, betonte die ehemalige Sprecherin der Außenministerin. Mijailovic habe während der Tat kein Wort gesagt.

Auch Anna Lindh habe nichts gesagt, schilderte Franchell die Tat weiter. Sie habe „entschlossen”, zugleich aber „erschrocken, oder nein, vielleicht erstarrt” ausgesehen. „Zuerst bleibt Anna noch stehen. Sie bricht nicht zusammen. Sie bleibt ein oder zwei Sekunden stehen. Und dann sackt sie langsam zu Boden.” Aus ihrem Bauch sei Blut gelaufen. „Ich bin getroffen”, habe die Ministerin gesagt.

Juristische Experten erklärten nach der nur eineinhalbtägigen Verhandlung, die Aussage des als psychisch gestört geltenden und drei Mal vorbestraften Mijailovic sei sehr lückenhaft gewesen und lasse entscheidende Fragen offen. Vor allem mit Blick auf die Möglichkeit eines Helfers bei der Flucht unmittelbar nach der Tat gebe es widersprüchliche Angaben.

Der als Sohn serbischer Zuwanderer in Schweden geborene Angeklagte will aus einem augenblicklichen Impuls und ohne jedes politische oder persönliche Motiv gegen Lindh gehandelt haben. „Stimmen” in seinem Kopf hätten ihm den Angriff befohlen. Vor der Tat habe er sich „wirklich schlecht” gefühlt und mehrere Nächte lang nicht geschlafen. Zum Tatzeitpunkt habe er zehn verschiedene Medikamente eingenommen, darunter Anti-Depressiva und Schlafmittel. Nach Meinung der Staatsanwaltschaft hat Mijailovic den Mord etwa 15 Minuten lang geplant und gezielt durchgeführt, nachdem er Lindh in dem Kaufhaus erstmals erblickt hatte.

Bei den am kommenden Montag anstehenden Abschlussplädoyers will Mijailovics Verteidiger, Peter Althin, eine rechtspsychiatrische Untersuchung beantragen. Deren Ausgang gilt als ausschlaggebend für das Ende Februar zu erwartende Urteil. Experten waren fast einhellig der Meinung, Mijailovic werde entweder zu lebenslanger Haft oder zu Einweisung in eine geschlossene psychiatrische Station verurteilt.

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