Sie will doch nur spielen

Charlotte Roche ist Moderatorin, Schauspielerin, Sängerin und neuerdings auch Schriftstellerin. Bei ihrer Lesung aus ihrem Debütroman "Feuchtgebiete" am Donnerstagabend in der ARGEkultur blieb kein Auge trocken. Bilder  |

Ihr Name ist Programm. Ex-Viva-Moderatorin und Grimme-Preisträgerin Charlotte Roche steht für schnoddrige Sprache und schwarzen Humor. Die meisten Fans haben die 30-jährige Kölnerin durch ihre unverwechselbaren Moderationen bei Viva2 lieben gelernt – Treffende Kommentare, die sie dem Fernsehpublikum in äußerst liebenswürdiger Art und Weise näher brachte.

Nachdem es nun längere Zeit stiller um Charlotte Roche geworden war, erschien im Februar ihr Debütroman “Feuchtgebiete”. Plötzlich war es wieder ganz laut um die bekennende Feministin. Denn das Buch bricht mit den letzten wahren gesellschaftlichen Tabus der Gegenwart: ekeligen Körperzonen und Gerüchen, über die man nicht bzw. nie spricht.

“So lange ich denken kann, habe ich Hämorrhoiden”. Mit diesem Satz beginnt Charlotte Roche ihre Lesung in der ARGEkultur. Das Publikum nimmt im “Großen Saal” Platz, da der “Roten Salon”, in dem die Lesung ursprünglich angesetzt war, dem Besucherandrang nicht standgehalten hätte. Roche erzählt von ihrer Heldin, der 18-jährigen Helen Memel, die sich eine unangenehme Analfissur zugezogen hat und deshalb operiert werden muss. Wenn sie sich von ihrem Bett aus nicht gerade damit beschäftigt, Bakterien zu verbreiten und über ihren ausbleibenden oder nicht ausbleibenden Stuhlgang zu beschweren, kontaktiert sie Krankenpfleger Robin, der die ungewöhnliche Patientin rasch in sein Herz schließt.

Die Autorin provoziert ihren Leser bewusst. In ausführlichen Betrachtungen der körpereigenen Ausdünstungen und Flüssigkeiten beschreibt sie in welcher Stellung ihre Heldin am liebsten mit dem Duschkopf masturbiert und welche Bakterien sie in ihrer Vagina heranzüchtet. “Meine Hämorrhoiden sehen ganz besonders aus. Im Laufe der Jahre haben die sich immer mehr nach außen gestülpt. Einmal rund um die Rosette sind jetzt wolkenförmig Hautlappen, die aussehen wie die Fangarme einer Seeanemone. Dr. Fiddel nennt das Blumenkohl.” Schon nach den ersten Sätzen ist sich Roche ihrer Sache gewiss: Das Salzburger Publikum, in der Mehrzahl weiblich, ist –  ob des Buches belesen oder nicht  – von den deftigem Ton und der schnoddrigen Sprache mitgerissen und ganz auf ihrer Seite. Profi Roche nimmt es gelassen hin und macht ihre kleinen einschlägigen Witzchen. “Aktiv so einen Saukram zu veranstalten ist für mich voll ok. Aber dabei zusehen? Neee”.

Roche zeigt wie lustvoll es sein kann, über Unsäglichkeiten am eigenen Körper detailliert Auskunft zu geben. Tiefsinnige autobiographische Züge werden nur da spürbar, wo sie Helen Memel über ihre Eltern erzählen lässt. Scheidungskinder wie sie sind verhaltensgestört und wollen unbedingt ihre Eltern wieder vereinen, so der Tenor. “Spießig” heißt es in einem Artikel auf Spiegel-Online, “Ehrlich” klingt es bei der Lesung in Salzburg. Charlotte Roche braucht sich nicht anders zu geben als sie ist. Sie ist eben so. Deshalb gibt sie auch freimütig zu, wie sehr sie sich vom stetig wachsenden Sortiment an Intimpflegeartikeln im Drogeriemarkt bedrängt fühlt. Sie sei es leid, sich mehrmals am Tag fragen zu müssen, ob sie “untenrum” noch frisch geduscht riecht. “Authentisch” sagen die einen, “Professionell” vielleicht die anderen. Einige Medienbeobachter wollen dahinter einen neuen Feminismus sehen, der sich Roches Buch “Feuchtgebiete” als Manifest zu Eigen macht und zwar als Botschaft der Selbstbestimmung: “Frauen, rasiert euch nicht und trägt euren körpereigenen Geruch stolz mit euch umher”.

Bis zu welchem Grad Charlotte Roche, die sich hernach noch den Fragen des Publikums stellt, mit dieser Absicht spielt, wird nicht eindeutig klar. Spaß mit ihrem Buch und ihren Reisen als Autorin hat sie allemal. Wie sie diesen Erfolg denn jetzt noch toppen will? Die Antwort kommt prompt: “Sie haben recht, alles was ich jetzt in Angriff nehme, muss automatisch ein Flop werden.”

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