Sicherheit und Schutz für freigelassene Jemen-Geiseln

Dominik N. ist nach seiner Entführung wieder in Wien.
Dominik N. ist nach seiner Entführung wieder in Wien. ©APA/ AFP/ STR
"Sicherheit und Schutz für die Opfer sind das oberste Gebot", sagte der Leiter des Kriseninterventionszentrums Wien, Claudius Stein, am Freitag. Nach 139 Tagen in Gefangenschaft wurden die Geiseln im Jemen, darunter auch der Wiener Dominik N., freigelassen. Über die Hintergründe der Entführung ist weiterhin nichts bekannt.
Geiseln sind frei
Dominik N. in Wiener Heeresspital

Wichtig sei eine Umgebung, in der sich der Betroffene geschützt und geborgen fühlen kann. so Stein. Die Psyche müsse sich erst umstellen, dass die Gefahr vorbei ist, das brauche Zeit. Es benötige “Menschen, die Anteil nehmen und Verständnis zeigen, dass jemand in der Situation vielleicht belastet ist”. Betroffene müssen die Möglichkeit haben, in dem Ausmaß wie sie es wollen, mit jemanden über das Erlebte reden zu können. Dafür benötige es auch jemanden, der das ertragen kann. Bei sehr gravierenden Ereignissen wie tödlichen Bedrohungen könne auch professionelle Hilfe angebracht sein, sagte Stein.

Geiselnahme muss keine Folgeschäden bringen

Allerdings dürfe man die “Selbstheilungskräfte nicht unterschätzen”. Eine Entführung oder Geiselnahme kann für Opfer Folgeschäden haben, muss es aber nicht. “Posttraumatische Reaktionen müssen sich nicht notwendigerweise entwickeln”, sagte Stein. Derartige Ausprägungen seien individuell sehr unterschiedlich. Natürlich sei eine Unterstützung durch einen Therapeuten sinnvoll, so der Experte.

Posttraumatische Reaktionen ziehen sich im Normalfall über sechs Wochen bis zwei Monate nach dem Vorfall. Hält die Symptomatik an, handelt es sich um eine posttraumatische Störung, nach sechs Monaten um eine chronische Störung, sagte der Psychotherapeut.

Video von Domink N. im Internet

Ein derartiger Vorfall überfordert die Verarbeitungsmöglichkeit von Menschen, vor allem wenn man mit dem Tod bedroht wird. Das war bei Dominik N. der Fall, Ende Februar war ein Video aufgetaucht, in dem der Österreicher unter vorgehaltener Waffe an die Republik und andere Staaten gerichtete Geldforderungen vorbrachte. Hierbei spricht man von “akuter Traumatisierung”, erklärte der Therapeut. Betroffene hätten das Gefühl, “vollkommener Ohnmacht, ausgeliefert zu sein”.

Insgesamt unterscheidet der Experte drei Symptomgruppen: Zum einen befinden sich Betroffene auch nach dem Vorfall noch in einem “Zustand fortgesetzter Alarmiertheit”. “Hier ist das stressverarbeitende System überarbeitet, es gelingt nicht, von jetzt auf sofort den Modus der Bedrohtheit umzustellen”. Betroffene “bleiben alarmiert, können nicht schlafen, schrecken hoch”.

Situation auch für Angehörige schwierig

Eine zweite Möglichkeit sei, dass das Gehirn versucht, die Situation zu verarbeiten, indem es das Erlebnis immer wieder abspielt. Dazu zählen “Albträume und Flashbacks unter Tags”, sagte Stein. Ein Flashback ist keine Erinnerung an das Erlebte, sondern man kehrt geistig in die Situation zurück, wie wenn es real wäre. “Das ist wie ein zerbrochener Spiegel, im Gehirn bleiben Erinnerungsfetzen hängen.” Hier könne mittels einer Traumatherapie versucht werden, die Reaktionen in für Menschen integrierbare Erinnerungen umzuwandeln.

Als Reaktion auf die anhaltende Alarmiertheit und Flashbacks ist es möglich, dass Betroffene der Situation auszuweichen versuchen. “Sie ziehen sich zurück und versuchen alles zu vermeiden, was sie daran erinnern kann”, sagte Stein. Auch für Angehörige kann eine Geiselnahme “massiv belastend” sein. Auch hier gebe es “unterschiedliche Reaktionen”, eine Unterstützung, auch eine professionelle, ist laut dem Experten sinnvoll. Prinzipiell sei es auch wichtig, dass Entführungsopfer “vor Journalisten geschützt werden”. Insbesondere in der ersten Zeit nach der Befreiung sollen sie in Ruhe gelassen werden, um das Erlebte verarbeiten zu können. (APA)

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