Sausgruber-Rücktritt – Experten: Belastungstoleranz individuell

Der am Freitag angekündigte Rücktritt von Vorarlbergs Landeshauptmann Herbert Sausgruber mit der Begründung der extrem hohen Arbeitsbelastung führt auch zur Frage, welchen Tribut Spitzenpositionen in der Gesellschaft fordern.
Arbeitsmediziner betonten am Freitag in Wien die stark individuelle Situation. Freilich, gerade in Leitungsfunktionen würden sich am ehesten Menschen finden, die oft am wenigsten Agenden abzutreten bereit wären.

Belastungsgrenzen individuell

Hugo Rüdiger, ehemaliger Vorstand der Universitätsklinik für Arbeitsmedizin der MedUni Wien am AKH: “Die Frage der Belastungsgrenzen ist eine ganz individuelle Frage. Es gibt Menschen, die mit 80 Jahren auch als Politiker eine Arbeitsbelastung aushalten, die wir uns alle nicht vorstellen können. Konrad Adenauer wurde deutscher Bundeskanzler mit 73 Jahren und ist das zehn Jahre lang gewesen. (…) Es gibt da keine Formel ‘Pi mal Daumen’. (…) Ein normal belastbarer Mensch kann mit 55 Jahren einen körperlich nicht extrem belastenden Beruf 40 Stunden pro Woche sehr leicht nachgehen.”

Das Alter spielt eine Rolle

Ein Konzept gegen Überlastungsreaktionen mit zunehmendem Alter wäre das Zurückschrauben der Aktivitäten, das Abgeben von Teilen der Verantwortung. Rüdiger: “Das stimmt natürlich. Aber gerade in Führungspositionen finden sich die ‘Alpha’-Persönlichkeiten.” Die würden eben Verantwortung und Funktionen eher an sich reißen als delegieren. Der Arbeitsmediziner: “Man darf aber nicht vergessen, dass hohe Verantwortung auch sehr motivierend sein kann. Wenn man Vorstandsvorsitzender von Siemens oder Volkswagen ist, hält man auch einen 15-Stunden-Tag aus, weil man den dazu nötigen Freiraum hat und die emotionale Befriedigung so hoch ist. Wenn jemand am Tag 18 Stunden in einem Bergwerk arbeitet, ist er mit 40 oder 45 Jahren ‘fertig’.” Rüdiger zitierte schließlich den Philosophen Friedrich Nietzsche: “Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.”

Belastungen reduzieren ist schwierig

“Wir sehen immer wieder überlastete Menschen. Ob man das jetzt ‘Burn-out’ nennt, ist eine Geschmacksfrage. (…) Aber die Wenigsten sind bereit, ihre Belastungen zu reduzieren. Sehr viele Menschen können das auch nicht, zum Beispiel viele Selbstständige. Aber man wird eben auf etwas verzichten müssen, auf Gehalt, Komfort, auf Annehmlichkeiten”, sagte Christian Wolf, Kardiologe und Arbeitsmediziner der MedUni Wien am AKH. Man müsse aber auch bedenken, dass viele Führungspositionen auch mit viel Gegenleistung für den Betroffenen verknüpft seien. Manchmal gehe es auch darum, den Beruf zu wechseln. Aber auch das sei natürlich oft sehr schwierig.

APA
  • VIENNA.AT
  • Vorarlberg
  • Sausgruber-Rücktritt – Experten: Belastungstoleranz individuell
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen