Roland Düringer über "Wir": "Nichts von dem, was ich da sage, ist lustig"

Roland Düringer engagierte sich unter anderem bei "Occupy Vienna"
Roland Düringer engagierte sich unter anderem bei "Occupy Vienna" ©APA
Mit dem neuen Programm "Wir - ein Umstand" gastiert Roland Düringer derzeit im Wiener Stadtsaal. Der kritische Kabarettist verbindet darin harsche Gesellschaftskritik mit dem ihm eigenen Schmäh. In einem Interview sprach er über "Wir" und sein technologiefreies Experiment.
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Der Roland Düringer von heute hat nur noch wenig mit dem “Benzinbruder” seiner früheren Jahre gemeinsam. In seinem neuen Programm “Wir – ein Umstand” thematisiert er Massentierhaltung, Verteilungsgerechtigkeit und das versagende Wirtschaftssystem, ohne dabei jedoch auf seinen typischen “Schmäh” zu verzichten.

Die Welt nach Roland Düringer

Im APA-Interview erzählt Düringer, in Pulli und kurzen Hosen und einigen Batikperlen im längeren Bart, von seinem aktuellen Programm, seiner neuen Einstellung zum Leben und einem Selbstversuch, den er ab Dezember wagen möchte.

APA: “Wir – Ein Umstand” vereint teils sehr starke Botschaften mit Humor. Was soll das Publikum aus dem Abend mitnehmen?

Düringer: Mitnehmen sollen sie gar nichts. Das Publikum ist schon belastet genug. Schön wäre, wenn es mir gelingt, manchen Menschen, die drinnen gesessen sind, Mut zu machen. Weil sie merken, dass sie anders funktionieren als der Großteil der Menschen um sie. Und denken: Ach, ich bin ja gar nicht alleine, da gibt es noch wen.

APA: Sie thematisieren Verteilungsgerechtigkeit, Energieverbrauch und Massentierhaltung. Haben Sie einen gewissen weltverbesserischen Anspruch?

Düringer: Was ist die Welt? Ist die Welt nicht das, was rund um uns herum passiert? Unsere Gefühle, was wir empfinden? Wenn es das ist, ja. Dann ist es gut, wenn man seine Welt verbessert, dadurch hat man mehr Lebensglück. Weltweite Probleme lassen sich angeblich lösen, indem man im Internet votet, Petitionen unterschreibt, sagt das gefällt mir oder das gefällt mir nicht. Das ist Wischiwaschi. Damit ändert man nichts. Wir wollen alle Probleme in die Hand nehmen und übersehen dann, dass rundherum auch viel ist, wo wir helfen können. Sei es wie wir mit alten Menschen umgehen, Kindern oder Tieren, unseren Pflanzen und Boden.

Der Kabarettist über Tierleid und Wirtschaft

APA: Sind das auch konkrete Handlungsanweisungen, die Sie geben wollen? Etwa kein Fleisch mehr zu essen?

Düringer: Das habe ich nicht gesagt. Mit einer Schusswaffe ein Reh zu schießen und es dann zu genießen ist absolut okay. Aber Massentierhaltung, Tier-KZs bauen und gar nicht wissen, was man da isst, das kann es nicht sein. Ich bin mir sicher, dass wenn die Menschen, die gerne Fleisch essen, Tiere selbst töten müssten, würden sie gerne darauf verzichten. Aber das ist heuchlerisch.

APA: Sie kommentieren das Weltgeschehen teils sehr direkt, denken auch über den Zusammenbruch des Wirtschaftssystems nach.

Düringer: Meine Großeltern haben noch getauscht. Die haben sich Sachen daheim hingelegt, die man tauschen kann. Weil das Überleben garantiert, wenn das System zusammenbricht. Die Möglichkeit besteht – klar, bei uns denkt man sich, was soll schon sein – aber das geht schnell. In Griechenland tauschen die Menschen schon wieder. Dass das nicht passiert, ist eine Illusion, das ist eine Blase.

Vom Lachen und Umdenken

APA: Warum lachen die Leute trotzdem?

Düringer: Das ist nicht das, was ich sage, sondern wie ich es sage. Nichts von dem, was ich da sage, ist lustig.

APA: Wann kam denn bei Ihnen das Umdenken? Gab es da einen Schlüsselmoment?

Düringer: Ich sehe das gar nicht als Umdenken, das hat immer so etwas Radikales. Das ist eine Entwicklung, ein Prozess, den jeder Mensch eigentlich machen würde, wenn er bereit ist, alte Sachen loszulassen und für neue Dinge Platz zu machen. Die kommen ganz automatisch. Das hat auch mit dem Alter zu tun. Manche Dinge gehen körperlich nicht mehr so gut, dafür gehen andere Dinge im Kopf besser. Man kann sich mehr Zeit nehmen und nicht immer alles schnell, schnell tun und hetzen. Die Möglichkeit hat jeder.

Es ist ein Verändern von Rahmenbedingungen. Bei mir war es im konkreten Fall so, dass ich irgendwann aufs Land gezogen bin. Das ist schon einmal etwas Entscheidendes, dass man die Stadt verlässt und nicht mehr von Systemen abhängig ist, sondern von natürlichen Kreisläufen. Dann ist meine Tochter auf die Welt gekommen, da hat man plötzlich Verantwortung.

Das technologiefreie Experiment

APA: Sie haben ab Dezember vor, noch einen Schritt weiter zu gehen und auf Handy, Internet, Bankomatkarten und Supermärkte zu verzichten. Wie wird das aussehen?

Düringer: Das ist einmal der Plan, wie genau das aussehen wird, weiß ich noch nicht. Ich will Dinge ausprobieren. Als ich ein Kind war, war das alles kein Thema: Kein Auto, kein Fernseher, Vierteltelefon, keine Supermärkte, Zahlen nur, wenn man Geld eingesteckt hat. Ich möchte nichts Spektakuläres machen, sondern einfach einen Versuch. Den werde ich in einer Art Videotagebuch dokumentieren. Wie es mir dabei geht, wie die Welt auf mich reagiert.

APA: Ist es ein Widerspruch, auf Technik zu verzichten und trotzdem auf Video zu sprechen?

Düringer: Es ist deshalb kein Widerspruch, weil ich immer sage, man muss die Dinge vernünftig nutzen. Es ist ein Werkzeug, das ich benutze. Die Technik – etwa ein Handy – ist ja nichts Schlechtes. Man muss nur wissen, wie man sie benutzt. Benutze ich das Handy oder benutzt es mich?

Gedanken zum Selbstversuch

APA: Was wird ihnen denn am meisten abgehen?

Düringer: Das ist nicht die Frage. Die Frage ist, was den anderen Menschen abgehen wird. Dass ich sie nicht mit dem Auto mitnehmen kann, dass meine Tochter mit mir Zug fahren muss. Dass ich nicht immer erreichbar bin, dass man mir kein Mail mehr schicken kann und erwarten, dass ich in zwei Minuten antworte. Nicht, was mir passiert ist entscheidend, sondern was mir mit den anderen passiert – werde ich Freunde verlieren oder werde ich sorgsamer mit Menschen umgehen? Ich weiß es nicht, ich mach es einfach.

(Das Gespräch führte Barbara Wakolbinger/APA)

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