Prozess nach Messerangriff auf Polizisten in Mödling: Laut Gutachten "unzurechnungsfähig"

In dieser Hotelbar in Mödling kam es zum Messerangriff
In dieser Hotelbar in Mödling kam es zum Messerangriff ©APA
Nach einem Messerangriff auf einen Polizisten in Mödling ist ein 40-Jähriger am Mittwoch in Wiener Neustadt vor Gericht gestanden. Der Mann war auf dean Beamten losgegangen und wurde von diesem angeschossen. Der Betroffene leidet laut Gutachten an Schizophrenie und ist nicht schuldfähig.
Mann wurde angeschossen
Festnahme wurde angeordnet
Bisher keine Einvernahme

Die Staatsanwaltschaft hat die Unterbringung in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher beantragt. Sein Mandant wollte “Suicide by cop” begehen und selbst getötet werden, sagte der Verteidiger: “Er wollte niemanden töten, er wollte niemanden verletzen.” Der Rechtsanwalt ersuchte um Freispruch vom Vorwurf des versuchten Mordes und um Abweisung des Antrags zur Einweisung in eine Anstalt.

“I want to kill somebody”

Der englischsprachige Mann hatte am 29. August in einem Hotel in Mödling ein Zimmer gemietet und sich in der Nacht auf den 1. September gegen 23.00 Uhr mit einem 23,5 Zentimeter langen Küchenmesser, das er von zuhause mitgenommen hatte, an die Bar gesetzt. Angesprochen vom Barkeeper, was er damit vorhabe, hatte er “I want to kill somebody” geantwortet. Der Hotelmitarbeiter rief die Polizei, die gegen 0.30 Uhr bei der Herberge eintraf.

Der Betroffene habe das Messer erhoben und seine Absicht, jemanden zu töten, wiederholt, sagte der Staatsanwalt. Dann sei er auf die Polizisten zugestürmt. Trotz Aufforderung, das Messer wegzulegen, hatte er sich einem Beamten bis auf eineinhalb Meter genähert, so der Vertreter der Anklagebehörde. Der Polizist habe “in Notwehr einen Schuss abgegeben, der den Mann schwer verletzt hat”. Der 40-Jährige lag mehrere Tage lang im Koma. Vor dem Geschworenenprozess befand er sich in vorläufiger Anhaltung.

Selbstmordversuche wegen Depressionen: Abschiedsbrief vor Tat

“Ich habe den Eindruck, dass die CIA hinter mir her ist und meine Gedanken liest”, sagte der 40-Jährige. Er hat laut eigenen Angaben aufgrund von Depressionen Selbstmordversuche hinter sich – u.a. wollte er sich am 26. August umbringen. Der Verteidiger legte einen Abschiedsbrief seines Mandanten auf Englisch mit dem Wortlaut vor: “Ich liebe euch alle. Ich kann meine psychologischen Probleme nicht mehr ertragen. Auf Wiedersehen.” Dieser lag beim 40-Jährigen zuhause auf dem Schreibtisch.

Laut Anklage soll der Betroffene unter dem Einfluss einer chronisch produktiven paranoiden Schizophrenie versucht haben, den Polizisten mit einem Messer zu töten, indem er ihm Stichverletzungen am Oberkörper zufügen wollte.

Plan des 40-Jährigen: “Suicide by cop”

“Ich wäre noch näher auf den Polizisten zugegangen, hätte aber nicht auf ihn eingestochen”, betonte der 40-Jährige. “Ich dachte, der beste Weg, mich umzubringen, sei, die Polizei dazu zu bringen, mich zu erschießen.” Der Betroffene ist österreichischer Staatsbürger und wohnte zuletzt im Bezirk Mödling. Er wurde in einem Inselstaat des australischen Kontinents geboren und verbrachte einige Jahre in London, wo auch seine Schwester lebt. Dorthin wolle er auch jetzt umziehen, sagte der 40-Jährige.

Mann laut Gutachten unzurechnungsfähig

Der 40-Jährige aus dem Bezirk Mödling, der am Mittwoch wegen eines Messerangriffs gegen einen Polizisten vor Gericht stand, leidet laut einem Gutachten an Schizophrenie. Die Sachverständige Sigrun Roßmanith stufte ihn als zurechnungsunfähig und höhergradig abnorm ein. Ein Urteil am Landesgericht Wiener Neustadt wurde für den Abend erwartet.

Sein Mandant habe bisher sein ganzes Leben friedlich verbracht und sei unbescholten, betonte der Verteidiger. Roßmanith entgegnete, der Betroffene gehöre zu einer gefährlichen Gruppe, die “nie auffällig ist, nie etwas gemacht hat, weil schizophren Kranke plötzlich durch ein Herausbrechen des wahnhaften Geschehens auffällig werden und das nicht mehr steuern können”. Die Gefährlichkeitsprognose sei ungünstig und könne nur durch eine kontinuierliche Behandlung gesenkt werden, sagte die Sachverständige. Eine Selbstmordabsicht könne sie weder bestätigen noch ausschließen.

Paranoia: Verfolgungsängste um CIA-Überwachung

Der Betroffene hat laut eigenen Angaben seit 2003 das Gefühl, durch die CIA verfolgt und überwacht zu werden. Seit 2008 wurde er mehrmals wegen paranoider Schizophrenie behandelt. Die Fixierung auf eine Verschwörung stehe im Zentrum seiner Erkrankung, führte Roßmanith aus. Die vom 40-Jährigen geschilderten wiederkehrenden Schluckbeschwerden “sind wahnhaft besetzt”, sagte die Gutachterin. “Er hört Stimmen und Geräusche. Er fühlt sich von Satelliten überwacht und hat das Gefühl der Fernlenkung.”

Die Richterin zeigte dem Betroffenen ein Foto seines Zimmers zuhause. Dass er die Fenster mit Decken verhängt hatte, begründete der 40-Jährige wie folgt: “Ich wollte die CIA stoppen, weiterhin meine Gedanken zu lesen.” Er sei fast nur hinausgegangen, um Zigaretten und Essen zu kaufen. Zeitweise habe er am selben Tag Medikamente genommen und Alkohol konsumiert, übersetzte der Dolmetscher die Aussagen des englischsprachigen Mannes.

Mann mit Messer wurde angeschossen: Ermittlungen abgeschlossen

Die routinemäßigen Ermittlungen in Richtung fahrlässige Körperverletzung gegen den Polizisten, der den Schuss abgegeben hatte, sind indes abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt hat einen Bericht an die Oberstaatsanwaltschaft übermittelt, sagte Sprecher Erich Habitzl auf Anfrage.

(apa/red)

 

  • VIENNA.AT
  • Österreich
  • Prozess nach Messerangriff auf Polizisten in Mödling: Laut Gutachten "unzurechnungsfähig"
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen