Nachts um halb vier in Wien: „Die blaue Stunde“ bei den Festwochen

Wenn in Wien gegen halb vier in der Früh der Tag erwacht, liegen die meisten noch gemütlich im Bett. In einer dunklen Gasse im achten Bezirk saßen in der Nacht auf Montag jedoch rund 40 Nachtschwärmer und Frühaufsteher auf kleinen Holzhockern und beobachteten den Tagesanbruch und dessen Inszenierung von Lotte van den Berg.

Die belgische Theaterkünstlerin gastierte mit der Performance „Het blauwe uur – Die blaue Stunde“ bei den Wiener Festwochen – und erzeugte fast ohne Worte eine einzigartige Mischung aus Tiefsinn und surrealem Klamauk.

Das wohl ungewöhnlichste Gastspiel der heurigen Festwochen ist mit der Beginnzeit 3.27 Uhr angegeben. Ungefähr zu dieser Zeit setzen sich einige müde, aber auch neugierige Personen vom Museumsquartier in Richtung Wien-Josefstadt in Bewegung. Auf dem Weg darf sich jeder einen Hocker mitnehmen, diese werden dann in einer dunklen Gasse – die Straßenbeleuchtung ist extra ausgeschaltet worden – in mehreren Reihen aufgestellt. Dann wird im Flüsterton Tee serviert, und irgendwie ist man sich gar nicht so sicher, ob die Performance da nicht schon angefangen hat.

Denn ganz nebenbei fangen langsam die Straßenlaternen an zu leuchten, ein Mensch auf einem Moped verteilt Zeitungen, zu den zwitschernden Vögeln gesellen sich in der ansonsten menschenleeren Gasse kurze Babyschreie, dann einmal ein männliches Husten oder knallende Autotüren. Es wird Tageserwachen gespielt – oder ist das das Erwachen des Tages? Die Grenzen zwischen Inszenierung und Realität verschwimmen ständig – ist der Betrunkene, der mit staunendem Blick vorbei spaziert, echt? Und der Jogger, der da aus dem Haus kommt und sich noch eine Morgenzigarette gönnt?

Die Sinne werden geschärft, das Gesehene automatisch hinterfragt – dass das Ganze irgendwann ins Surreale gleitet und auch die Grenze zwischen Betrachter und Betrachtetem irgendwann nicht mehr existiert, ist nur einer von vielen Effekten des Open-Air-Theaters. Während es langsam hell wird, werden Rituale zelebriert, entlocken einem komische Ideen immer wieder laute Lacher. Ist es nicht eine komische Vorstellung, dass die Herren von der MA 48, der Müll-Abteilung, hin und wieder mit ihrem Putz-Auto stehen bleiben und nächtens mit dem herumliegenden Abfall Fußball spielen?

Die Inszenierung ist langsam und lässt dem Publikum viel Raum für eigene Blickwinkel. Zwischendurch denkt man vielleicht an die Anrainer, die ihr Einverständnis für die frühmorgendliche Irritation gegeben und diese teilweise sogar vom Fenster aus verfolgt haben, oder auch an die Idylle des ausgewählten Platzes, den einige Menschen noch lange Zeit mit einer ganz besonderen Erinnerung verbinden werden. Sicher ist, dass sich das frühe Aufstehen für die Performance auf jeden Fall lohnt. Für aufgebliebene Nachtschwärmer können die 90 Minuten dagegen schon recht lang werden.

(S E R V I C E – „Het blauwe uur – Die blaue Stunde“, Inszenierung: Lotte van den Berg, weitere Termine: 5., 6., 8., 9., 10. Juni, Treffpunkt im Museumsquartier jeweils ca. 3.25 Uhr, mit anschließendem Frühstück – http://www.festwochen.at)

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