Mutmaßlicher IS-Terrorist (19) soll Mithäftlinge in Wien radikalisiert haben

Die Justizanstalt Josefstadt warnt vor dem Einfluss des Wieners auf Mitgefangene.
Die Justizanstalt Josefstadt warnt vor dem Einfluss des Wieners auf Mitgefangene. ©APA
Hat jener 19-jährige mutmaßliche IS-Terrorist versucht, Mithäftlinge zu radikalisieren? Diese Vorwürfe sind jetzt in internen Papieren der Justizanstalt Josefstadt aufgetaucht, in der der junge Wiener derzeit in U-Haft sitzt. Ab Mittwoch, den 4. April, muss er sich vor Gericht verantworten.
12-Jährigen zu Selbstmord angestiftet?

Ab Mittwoch, den 4. April muss sich ein mittlerweile 19-Jähriger in einem Terror-Prozess vor Wiener Geschworenen verantworten, weil er laut Anklage einen zwölfjährigen Buben zu einem Selbstmordanschlag auf einen Weihnachtsmarkt im deutschen Ludwigshafen anstiften wollte. Der Angeklagte befindet sich seit 14 Monaten in U-Haft und wird dort einem Deradikalisierung-Programm unterzogen.

Terror-Prozess gegen 19-Jährigen startet: Mithäftlinge radikalisiert?

Dass die sogenannten Interventionsgespräche den jungen Mann von einer gewalttätig ausgeprägten Form des Islam weggebracht haben, die er vor seiner Festnahme offensichtlich verinnerlicht hatte, erscheint zumindest fraglich. Seitens der Justizanstalt werden ihm Radikalisierungstendenzen bescheinigt. In einem schriftlichen Bericht wird vermerkt, der Bursch würde Mitgefangene beeinflussen und zum Islam bekehren wollen. Diese hätten aufgrund dessen teilweise bereits ihr Äußeres verändert.

Wolfgang Blaschitz, der Verteidiger des 19-Jährigen, wies das am Dienstagabend gegenüber der APA zurück: “Mir wäre nicht aufgefallen, dass er abgedriftet ist.” Er wisse auch nichts von konvertierten Mithäftlingen. Blaschitz dementierte außerdem, dass in der Zelle des 19-Jährigen Zeichnungen mit brennenden Gebetshäusern gefunden wurden: “Auf einer ist eine Moschee drauf, aber die ist unversehrt. Daneben schlägt eine Bombe ein.”

Gefundene Zeichnungen machen Deradikalisierung fraglich

Bei einer ersten Durchsuchung der Zelle am 29. Jänner 2018 hatte man beim 19-Jährigen vier Zeichnungen entdeckt, die nicht unbedingt auf eine Deradikalisierung des mutmaßlichen Islamisten hindeuteten. Einer zeigte die US-Flagge mit dem Teufel, eine weitere einen bewaffneten Mann, der offenbar einen Kämpfer der Terror-Miliz “Islamischer Staat” (IS) darstellen soll. Bei einem zweiten Filz am 6. Februar wurde eine Zeichnung beschlagnahmt, auf der unter anderem ein erhobener Zeigefinger und eine Kalaschnikow zu sehen sein sollen.

Für Blaschitz sind diese Funde nicht geeignet, ein anhaltend radikales Gedankengut bei seinem Mandanten zu belegen. Die Zeichnungen seien viele Monate alt und erst jetzt entdeckt worden. Dass man auf die vierte erst mehr als eine Woche später stieß, führt der Verteidiger darauf zurück, “dass sie beim ersten Filzen übersehen wurde”. Laut seinem Anwalt sieht sich der 19-Jährige als Opfer einer gegen ihn gerichteten Intrige, um ihn vor der bevorstehenden Verhandlung in Misskredit zu bringen.

Der vorsitzende Richter hat unterdessen auf die “Häf’n”-Bilder reagiert. Zur Frage, inwieweit der 19-Jährige nach wie vor ein Sicherheitsrisiko darstellt, soll ein Vertreter des Vereins, der seit 2016 in Kooperation mit dem Justizministerium in Justizanstalten Maßnahmen zur Extremismus-Prävention und Deradikalisierung durchführt, als Zeuge aussagen. Das Verfahren am Wiener Landesgericht für Strafsachen findet unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt und ist auf fünf Tage anberaumt. An sämtlichen Verhandlungstagen gilt für das gesamte Gerichtsgebäude ein Film-und Fotografierverbot. Das Urteil ist für 12. April geplant.

Angeklagter soll 12-Jährigen zu Selbstmord angestiftet haben

Der Anklage zufolge soll der 19-Jährige im Herbst 2016 einem damals zwölf Jahre alten deutschen Buben, den er übers Internet kennengelernt hatte, eine Anleitung zum Herstellen einer Bombe geschickt haben, wobei er sich als “Terroristen-Chefkoch” bezeichnete. Er soll dem Strafunmündigen vorgegeben haben, den Anschlag auf einem Weihnachtsmarkt und nicht – wie der Bub ursprünglich beabsichtigt hatte – in einer Kirche zu verüben. Der Zwölfjährige marschierte daraufhin am 26. November 2016 mit einer selbst fabrizierten, in einer Umhängetasche verborgenen Bombe auf einen rund 900 Meter vom Ludwigshafener Rathaus-Center entfernt gelegenen Weihnachtsmarkt. Bis zuletzt soll ihn sein Wiener Gesprächspartner bestärkt haben. “Zieh ‘ne fette Jacke an… Dann geh hinter eine Hütte und zünde an und lauf vor”, hieß es etwa in einer WhatsApp-Nachricht an den Buben.

Weil es nicht krachte, deponierte der Zwölfjährige den Sprengsatz hinter einem Gebüsch, wo er am 3. Dezember 2016 von der Polizei gefunden wurde. Die sichergestellte Nagelbombe bestand aus einem mit Klebeband umwickelten Gewürzglas, an dem an der Außenseite 41 Nägel befestigt waren. Im Inneren befanden sich weitere elf Nägel. In einem mittig vorhandenen Loch am Deckel des Gewürzglases war eine Wunderkerze fixiert, die als eine Art Zündschnur fungieren sollte. Die Bombe wurde von einem Gutachter untersucht. Dabei konnte festgestellt werden, “dass es sich um eine funktionsfähige Brandvorrichtung handelte, die abgesehen von der durch die Sprengung verursachten Schäden zudem ein Entzünden von Kleidungsstücken von in der Nähe befindlichen Personen befürchten lässt”, wie der Anklageschrift zu entnehmen ist.

Der Zwölfjährige kann aufgrund seines kindlichen Alters strafrechtlich nicht zu Verantwortung gezogen werden. Er soll im Wiener Verfahren im Wege der Amtshilfe mittels einer Videokonferenz als Zeuge befragt werden.

19-Jähriger bestreitet Vorwurf

Verfahrensgegenständlich sind außerdem Anschlagspläne, die der 19-Jährige laut Anklage gemeinsam mit einem 22-Jährigen aus Neuss (Nordrhein-Westfalen) wälzte. Der Deutsche steht – gemeinsam mit einer 17-Jährigen, die nach islamischem Recht mit dem jungen Wiener verheiratet war und jenen unterstützt haben soll – seit Ende Februar wegen schwerer staatsgefährdender Straftaten in Düsseldorf vor Gericht. Er soll dem 19-Jährigen 2016 Unterschlupf gewährt und gemeinsam mit diesem testweise einen Sprengsatz in einem Neusser Park gezündet haben. Die beiden beabsichtigten der Staatsanwaltschaft zufolge im weiteren Verlauf mit einer selbst gebauten Bombe Anschläge auf Soldaten in Deutschland durchzuführen.

Der 19-Jährige hat im Ermittlungsverfahren die ihm vorgeworfene Anstiftung zum Mord in Bezug auf den Zwölfjährigen bestritten. Zu seinen eigenen Anschlagsplänen behauptete er, er hätte diese sieben bis acht Wochen vor seiner Festnahme aufgegeben, dies aus “Feigheit” seinen Gesinnungsgenossen gegenüber aber nicht zugegeben.

(APA/Red)

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