Mursis letzte Stunden als Präsident: Augenzeugenbericht

Präsidentengarde desertierte und ließ isoliertes Staatsoberhaupt zurück.
Präsidentengarde desertierte und ließ isoliertes Staatsoberhaupt zurück. ©EPA
Kairo - Vertraute von Mohammed Mursi haben Details über seine letzten Stunden als Präsident Ägyptens berichtet.
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Es ergibt sich das Bild eines isolierten Mannes, der verbohrt an der Macht festhielt und so zur Eskalation beitrug, schreibt “Spiegel Online” am Freitag.

Kein Widerstand bei Festnahme

Der Präsident leistete keinen Widerstand. Still ließ Mohammed Mursi sich festnehmen und abführen, still stieg er in das wartende Armeefahrzeug, das ihn an einen unbekannten Ort brachte.

Präsidentengarde desertiert

Seine letzten Stunden als Staatsoberhaupt Ägyptens hatte er zuvor im Kreise seiner Familie und einiger enger Freunde verbracht: Sie hatten sich in der Kaserne der Präsidentengarde verschanzt, wollten dort dem sich abzeichnenden “Militärputsch” trotzen. Spätestens als seine Garde am Mittwochnachmittag desertierte und den Präsidenten isoliert und ungeschützt zurückließ, war den Anwesenden klar, dass ihre Zeit abgelaufen war.

Strickt Mursi an einer Märtyrerlegende?

Allein Mursi soll sich bis zum Schluss ungebrochen, gar trotzig gegeben haben, erfuhr die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) aus Quellen innerhalb der Muslimbrüder und des Militärs. Ob das stimmt, oder ob die Brüder nun eifrig versuchen, eine ihnen nützliche Version der Ereignisse in Umlauf zu bringen, ist nicht zu überprüfen. Es ist durchaus denkbar, dass sie bewusst an einer Märtyrerlegende stricken.

Das schleichende Ende des Mursi-Systems

Schon am 23. Juni, eine Woche vor den Massenprotesten am vergangenen Sonntag, hätte der Führung der Organisation klar sein müssen, dass das Ende nah ist, sagte Murad Ali, einer der Sprecher der Bruderschaft. An jenem Tag habe das Militär Mursi aufgefordert, den Volkszorn zu besänftigen und Zugeständnisse zu machen. Rückblickend sei das nur eine Verzögerungstaktik gewesen, so Ali, das Militär habe zu dem Zeitpunkt schon beschlossen, dass Mursi gehen müsse. “Wir waren naiv”, zitiert AP Ali weiter. “Wir haben uns nicht vorstellen können, dass der Verrat so weit gehen würde.”

Krampfhaftes Festhalten an der Macht

Dabei waren die Muslimbrüder nach eigener Aussage gewarnt worden: “Wir wussten am 23. Juni, dass es vorbei ist. Westliche Botschafter sagten es uns”, zitiert AP einen Informanten. Auch die US-Botschafterin Anne Patterson habe sich dahingehend geäußert. Die Brüder reagierten auf ihre Weise: Einem in die Vorfälle verwickelten Militär zufolge soll Mursi versucht haben, Einheiten der Armee für sich zu gewinnen. Er habe zwei Vertraute damit beauftragt, den Brüdern wohlgesonnene Offiziere in Port Said und Ismailiya zu kontaktieren. Doch die Armeeführung habe Wind von den Plänen bekommen und vorsichtshalber Spezialeinheiten in die entsprechenden Kasernen entsandt.

Regierung gaukelt Normalität vor

Während hinter den Kulissen das Drama seinen Lauf nahm, gaukelte die Regierung Normalität vor. Mursi versammelte sein Kabinett, um die Versorgungslage mit Lebensmitteln im kommende Woche beginnenden Fastenmonat Ramadan zu diskutieren. Wie die üblicherweise wohlinformierte Zeitung “Al-Ahram” berichtet, soll ihm da bereits freies Geleit versprochen worden sein, wenn er denn nur freiwillig zurücktrete. Laut dem Bericht soll Mursi die unbehelligte Ausreise in die Türkei, nach Libyen oder an andere Orte angeboten worden sein.

Mursi: Rücktritt “nur über meine Leiche”

Doch Mursi lehnte ab, auch als Armeechef Abd al-Fattah al-Sisi ihn am Sonntag persönlich zum Rücktritt aufforderte. “Das war wie: Entweder wir stecken dich ins Gefängnis oder du kommst raus und kündigst an, dass du zurücktrittst”, so der Sprecher der Muslimbrüder, Murad Ali. Einer anderen Quelle nach soll Mursis Antwort dramatisch gewesen sein: “Nur über meine Leiche!” Zwei Tage später kamen sie, um ihn zu holen. (APA; red.)

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