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Messerstecherei in Diskothek Anaconda in Wien: Prozess um Mordversuch

Nach einer Messer-Attacke in einer Wiener Disko kam es zu einem Prozess
Nach einer Messer-Attacke in einer Wiener Disko kam es zu einem Prozess ©APA/dpa (Sujet)
Die Staatsanwaltschaft befindet das Geschehen als Mordversuch, für das Opfer ist es ebenso. Am Wiener Landesgericht wurde am Montag in einem Schwurverfahren (Vorsitz: Christoph Bauer) eine Messerstecherei in einer Wiener Diskothek abgehandelt.
Messerstecherei in Disko

Die Messerstecherei, um die es beim Prozess ging, war bereits vor zweieinhalb Jahren ausgetragen worden. Angeklagt war ein 28-jähriger Rumäne, der sich der Festnahme entzogen hatte und ins Ausland geflüchtet war.

Verurteilt wegen Mordversuchs

Dabei dürfte auch eine Verurteilung wegen Mordversuchs in seiner Heimat eine Rolle gespielt haben, wegen der er neun Jahre abzusitzen hätte. Das war auch schon zum Zeitpunkt des Vorfalls am 30. September 2012 in der Diskothek Anaconda in der Äußeren Mariahilfer Straße in Rudolfsheim-Fünfhaus der Fall. Nicht zuletzt deshalb dürfte er sich damals bereits mit falschem Namen und falschen Papieren ausgewiesen haben.

Streit um Geldbörse in Diskothek

Laut Staatsanwaltschaft war der Streit um eine Geldbörse eskaliert. Der 28-Jährige verbrachte mit ebenfalls aus Rumänien stammenden Freunden einen Abend in der Diskothek. Kurz vor der Sperrstunde brach zwischen einem Bekannten des Mannes und einem anderen, ebenfalls rumänischen Lokalbesucher ein Streit aus. Angeblich soll der Freund versucht haben, eine Geldbörse zu stehlen. Es folgten Handgreiflichkeiten zwischen dem vermeintlich Bestohlenen und dessen Freunden sowie dem 28-Jährigen und dessen Bekannten.

Dabei kam laut Anklage der Rumäne plötzlich auf einen der Kontrahenten zu und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. Nachdem dieser auf die Knie gefallen war und versucht hatte, sich zu schützen, soll der 28-Jährige weiter auf ihn eingeschlagen und -getreten haben. Plötzlich nahm der Angeklagte der Staatsanwaltschaft zufolge ein Messer in die Hand und stach auf sein Opfer ein. Laut Gerichtsmediziner Christian Reiter hat der Stich zwar kein lebenswichtiges Organ verletzt, aber wäre das Messer um zwei bis drei Zentimeter tiefer in den Körper eingedrungen, so wäre der untere Nierenpol verletzt worden.

Schwer verletzt in Disko Anaconda

Der Schwerverletzte zog ebenfalls ein Messer und versuchte, sich mit Abwehrbewegungen gegen die Attacke zu wehren. Dabei soll er dem 28-Jährigen einen oberflächlichen Stich zugefügt haben. Beide Männer wurden ins Wiener AKH gebracht, zwei Tage später türmte der Rumäne jedoch aus dem Spital. Erst im März vergangenen Jahres konnte der Mann in Ungarn festgenommen werden.

“Ich hatte kein Messer”

Der Angeklagte bekannte sich nicht schuldig und hatte dementsprechend eine andere Sicht der Dinge. “Ich hatte kein Messer”, widersprach er der Darstellung in der Anklage. Er sei mit Freunden in dem Lokal gesessen und wollte einen Streit zwischen einem seiner Freunde und dem angeblich Bestohlenen schlichten. Um eine Geldbörse sei es gar nicht gegangen. Der Kontrahent seines Freundes habe gesagt, dass er das schon regle, und habe zu telefonieren begonnen.

Etwa eine halbe Stunde später seien fünf Tschetschenen ins Lokal gekommen. Der Streit habe von neuem begonnen, die Kontrahenten seines Freundes hätten mit Unterstützung der Tschetschenen seine Gruppe attackiert. Im Zuge der Rauferei sei er zweimal zu Boden gegangen und könne sich danach an nichts mehr erinnern. “Ich wollte mich verteidigen, ich weiß nichts mehr”, sagte er.

Seinem Kontrahenten wurde in der Zwischenzeit ebenfalls der Prozess gemacht. Ein Wiener Bezirksgericht sprach ihn von der fahrlässigen Körperverletzung frei, da er in Notwehr gehandelt habe.

Opfer: Versuchter Auftragsmord

Eine Wende brachte die Einvernahme des Opfers, eines ebenfalls aus Rumänien stammenden 47-jährigen Mannes. Er zeigte sich nämlich überzeugt, dass es sich um einen versuchten Auftragsmord handelte. Schließlich sei er rund 15 Jahre registrierter Informant der heimischen Polizei gewesen und habe bei der Klärung einiger schwerwiegender Straftaten einen wesentlichen Beitrag geleistet.

Er sei zu vorgerückter Stunde in die Diskothek Anaconda gekommen, weil ihn ein Freund angerufen habe. Dort saß der Angeklagte in einer Gruppe von acht bis zehn Personen. “Einer von denen hat die Geldbörse meines Freundes genommen. Der hat ihn aber erwischt”, schilderte er das Geschehen. “Die Geschichte mit der Brieftasche war nur Inszenierung”, zeigte er sich überzeugt. Es kam zu einem Streit, der zwar zunächst geschlichtet, nach einer halben Stunde aber von neuem begann und in dessen Zuge schließlich die ganze Gruppe des Angeklagten auf ihn und seine Freunde losgegangen sei.

47-Jähriger schildert Geschehen

Er sei niedergeschlagen und getreten worden, er habe heute noch Kopfschmerzen. Der Angeklagte habe ihm dann von hinten seitlich ein Messer in den Rumpf gerammt und die Niere nur um wenig verfehlt. Er und seine Freunde seien aus dem Lokal geflüchtet. Dabei wurden sie von ihren Widersachern verfolgt. Dass er stark blutete, habe er erst in der Wohnung seines Freundes gemerkt. Er sei mit diesem in sein Auto gesprungen, während tschetschenische Bekannte die Aggressoren zurückgehalten hätten, und trotz der Kopfschmerzen, des Stiches und einer ausgekegelten Schulter weggefahren.

Im AKH traf er schlussendlich im Schockraum seinen Widersacher wieder. “Diesmal hast du noch Glück gehabt”, soll der Angeklagte gedroht haben. “Dreimal hat er das geäußert”, sagte das Opfer.

Unklarheiten um Messerstiche

An dieser Darstellung war dem Senat doch einiges unklar. Wer dem Angeklagten die Messerstiche verpasst hatte, wollte der 47-Jährige nicht mehr wissen: “Keine Ahnung. Vielleicht sind sie von mir gekommen, vielleicht von anderen”, meinte das Opfer. Der Beschuldigte sei jedenfalls der Freund des vor vier Jahren verurteilten “Cretu”, der 20 Jahre bekommen hatte, weil er eine Prostituierte angezündet hatte. Es sei in rumänischen Kreisen auf ihn ein Kopfgeld in der Höhe von 5.000 Euro ausgesetzt worden, das nach dem Vorfall in der Diskothek Anaconda auf 10.000 Euro erhöht wurde. Außerdem habe er schon 2008 in einem anderen Lokal Messerstiche abbekommen. Diesen Vorfall führte er ebenso auf seine Tätigkeit als Informant zurück.

Zweifel am Auftragsmord

Zweifel blieben dem Senat am Auftragsmord. Warum der angebliche Auftragskiller einen Streit in einer Disco anzettle, anstatt vor dem Lokal auf das Opfer zu warten, konnte der 47-Jährige auch nicht erläutern. Seine Aussage gewann allerdings durch die Bestätigung seines Polizeibetreuers an Gewicht. Dieser sagte, der 47-Jährige habe tatsächlich 15 Jahre als Polizeiinformant gearbeitet, sei aber jetzt “verbrannt”, weil seine Landsleute mittlerweile genau über seine Tätigkeit Bescheid wüssten.

Auch die Meldungen über das Kopfgeld auf das Opfer bestätigte er. Dem Bundeskriminalamt seien diesbezüglich Hinweise aus rumänischen Kreisen eingegangen.

(apa/red)

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