Clinton Graham: "Ich vermisse Wien und die Vikings"

Clinton Graham im letzten Spiel für die Vikings
Clinton Graham im letzten Spiel für die Vikings ©vienna.at/sportsshooter.at
Mit dem Ende der letzten Saison endeten mehrere Epochen bei den Raiffeisen Vikings. Neben dem erfolgreichsten Vikings-Legionär Luke Atwood verließ auch Publikumsliebling Clinton Graham die Wiener Wikinger.

Zu Beginn unserer neuen, exklusiven Interviewreihe traf Thomas Muck den “Jamaican Thunder” (so Grahams Spitzname) zu einem Gespräch über Trainingspläne, seine Erinnerungen an die Vikings und seine Zukunftsoptionen.

vienna.at: Eine unorthodoxe Frage zu Beginn, wie geht es dir?
Clinton Graham: Danke der Nachfrage. Momentan ist mein Leben eine große Herausforderung die mich fordert und auch freut.

vienna.at: Apropos Herausforderung. Kannst du unseren Lesern erklären wie es ein Footballspieler schafft in der spielfreien Zeit wieder körperlich in Topzustand zu kommen?
Clinton Graham: In der ersten Phase wo keine Spiele mehr anstehen gönne ich meinem Körper Zeit zu regenerieren. Dieser Zeitraum kann bis zu einem Monat dauern. Danach beginnt die richtige Vorbereitung. Zuerst zwei Wochen wo ich Läufe von fünf Meilen (etwa acht Kilometer) absolviere danach beginnt ein hartes Programm mit meinem Fitnesstrainer. Ich hebe Gewichte und arbeite nach einem speziellen Plan. Den beziehe über die Internetseite www.snitts.com (Anm.: Viele Fans fragen Clinton nach immer wieder nach dem Geheimnis seiner Fitness. Das ist, meint er, die Antwort.) Besonders wichtig ist natürlich die Ernährung – wie bei jedem Sportler. Ich achte darauf, dass ich mich ausgewogen ernähre. Denn die richtige Ernährung ist für den Körper extrem wichtig. Sie bildet für mich die Grundlage für die Performance, die ich auf dem Spielfeld abliefere.

vienna.at: American Football ist ein Teamsport. Kannst du unseren Lesern erklären, wie es für einen Spieler möglich ist, sich ohne seine Mitspieler in Höchstform zu bringen.
Clinton Graham: Eigentlich kann es jeder tun. Zu Beginn ist es mit Sicherheit eine Phase wo du dich an die Situation gewöhnen musst. Wenn du aber verstanden hast, dass du gegen dich jeden Tag im Wettkampf stehst dann geht es schon. Aber eines ist klar: es ist schwierig, ständig das Beste aus sich herauszuholen. Der Wettkampf gegen eine andere Person ist für den Kopf einfacher.

vienna.at: Heuer wirst du nicht mehr für die Vikings auflaufen. Etwa ein halbes Jahr ist seit deiner Abreise vergangen. Wie denkst du darüber, dass du heuer keinen Vertrag mehr erhalten hast?
Clinton Graham: Ehrlich gesagt hat es mich sehr getroffen. Ich habe in Wien einfach einzigartige Leute kennen gelernt. In Wien wurden mir als fremdem Menschen viele Türen geöffnet. Ich wurde in Wohnungen von Familien eingeladen. Das war eine einzigartige Erfahrung für mich. Die Vikings bedeuten für mich mehr als “nur ein Footballteam”, für das ich spielte. So war es für mich schon sehr traurig, aber damit muss ich umgehen.

vienna.at: Bist du noch in Kontakt mit deinen ehemaligen Teamkollegen oder Coaches?
Clinton Graham: Klar. Ich halte mit ihnen regelmäßig Kontakt. Aber natürlich auch mit Freunden und mit Mitgliedern der großen Familie der Vikings. Da sind viele einzigartige Menschen dabei.

vienna.at: Was vermisst du an Wien besonders?
Clinton Graham: Besonders vermisse ich das U4 und die Passage (lacht). Nein, ernsthaft: Was ich am meisten am Wien vermisse sind die großartigen Menschen die ich kennen lernen durfte. Natürlich auch die vielen Vikings-Fans. Sie haben uns immer unterstützt. In guten und in schlechten Zeiten. Das bedeutet einem Spieler sehr viel. Das gibt Energie. Aber auch die vielen Menschen im Hintergrund bei den Vikings. Beispiel dafür ist „deine Mutter” (Anm.: scherzhafte Bezeichnung aus der Vikings-Kabine), aber auch Familien wie die Bintigers oder die Kellners. Ich habe einfach viele Freunde für das Leben gefunden. Fans, Eltern von Spielern, Mitglieder der Equipment Crew, Trainer, natürlich „Ali auf seiner Harley”…Da sind noch so viele, das würde deinen Zeitrahmen sprengen. Ich möchte ihnen sagen dass ich an sie denke und ich sehr dankbar bin. Denn auch als bekannt wurde, dass ich 2009 nicht mehr für die Vikings Spiele haben sie mir gezeigt dass sie an mir als Mensch interessiert sind. Das ist ein Gefühl das ich niemals vergessen werde.

vienna.at: Du hast als Spieler viele großartige Erfolge erreicht. Was war dein persönliches Highlight während dieser Zeit?
Clinton Graham: Das mag vielleicht komisch klingen, aber es waren nicht die vielen Titel – sondern das letzte Spiel für die Vikings (Anm.: Eurobowl-Endspiel gegen die Raiders in Innsbruck, Juli 2008). Ich habe 100 Prozent gegeben, obwohl mein Körper bestenfalls zu 50 Prozent einsatzbereit war. Weil dieses Spiel einfach anders war. Ich ging mit einer Muskel- und Knöchelverletzung in das Spiel. Ich habe wirklich alles versucht um wieder fit zu werden. Ich habe sogar jeden Tag eine Ananas gegessen. Das soll bei schweren Muskelverletzungen helfen. Für dieses Spiel habe ich sogar Schmerzmittel genommen, obwohl ich in der Regel überhaupt keine Tabletten nehme. Ich habe dem Arzt gesagt, dass ich spielen will. Egal wie!
Das Happy End hat leider gefehlt. Wir haben gegen die Raiders verloren. Ich war wirklich sehr enttäuscht. Auch weil es mir nicht möglich war, dem Team entscheidend zu helfen. Selbst als ich schon in den USA angekommen war, drehten sich die Gedanken nur um dieses Spiel. Auch wenn ich eigentlich eine ganz gute Leistung abgeliefert habe war ich traurig, weil mich diese Niederlage ärgerte.

vienna.at: Warum bist du dieses gesundheitliche Risiko eingegangen?
Clinton Graham: Ich wollte dass die Mannschaft das Spiel gewinnt und mit mir waren die Chancen höher. Ich wäre an diesem Abend für das Team auf dem Feld gestorben.

vienna.at: Auf dich trifft der Fachausdruck “difference maker” perfekt zu wie sonst bei keinem anderen. War dieser Ruf hilfreich bei Vertragsverhandlungen mit neuen Teams?
Clinton Graham: Klar hat es geholfen. Aber ich habe mir das erarbeitet durch harte Arbeit und viele Opfer.

vienna.at: Momentan schwirren einige Gerüchte herum, dass du in der Saison 2009 für ein bekanntes italienisches Team spielen wirst, kannst du uns hier schon mehr verraten?
Clinton Graham: Noch habe ich nirgends einen Vertrag unterschreiben. Ich habe einige interessante Optionen.

vienna.at: Jeder spürt im Moment die Wirtschaftskrise. Hast du sie bei den Vertragsverhandlungen mit den Teams bemerkt?
Clinton Graham: Ehrlich gesagt kann ich dir diese Frage nicht beantworten. Aber ich habe sie in meine Überlegungen natürlich eingearbeitet. Ich möchte meinen Vertragspartner in dieser schwierigen Phase nicht über den Tisch ziehen. Jeder von uns muss mit dem Vertrag glücklich sein.

vienna.at: Letzte Frage, Clinton: Du hast noch sehr viele Fans die dich als Spieler bewunderten. Was würdest du ihnen jetzt sagen?
Clinton Graham: Ich würde ihnen sagen, dass ich im tiefsten Inneren immer ein Wikinger bleiben werde. Es gibt keinen anderen Platz wo ich jetzt lieber wäre als in Wien. Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass die Vikings-Fans einfach die besten Fans in Europa sind. Ich vermisse sie sehr.
(Clinton verabschiedet sich auf Deutsch:) Passt auf Euch auf!

Das Gespräch führte Thomas Muck
In Kooperation mit http://www.sportreport.at

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