Lipizzaner werden unter die Lupe genommen

VetMed nimmt Lipizzaner unter die Lupe
VetMed nimmt Lipizzaner unter die Lupe ©APA
Was macht Lipizzaner einzigartig? Die Tiere der Spanischen Hofreitschule und des Gestüts Piber werden erneut zu Objekten wissenschaftlicher Untersuchungen von außen und von innen.

Forschern der Veterinärmedizinischen Universität Wien ist es nicht nur gelungen, das Genom einer Pferdefamilie zu sequenzieren, sie nutzen auch bildgebende Verfahren und Gesichtserkennung, um Zuchterfolge zu prognostizieren. “Der Lipizzaner ist sicherlich das am besten und nachhaltigsten untersuchte Pferd der Welt”, meinte Gottfried Brem vom Institut für Tierzucht und Genetik der VetMed Wien am Donnerstag bei der Präsentation der neuesten Forschungsvorhaben in der Spanischen Hofreitschule. Noch genauer möchte es Barbara Wallner, ebenfalls vom Institut für Tierzucht und Genetik wissen: Ihrem Team ist es gelungen, erstmals das Genom einer gesamten Lipizzanerfamilie – also Hengst, Stute und Fohlen – zu sequenzieren. “Dabei wird die gesamte genetische Erbinformation eines Individuums bestimmt”, erklärte Wallner.

Lipizzaner werden erforscht

Diese Datenmenge – in einer Zelle eines Pferdes finden sich rund 2,7 Milliarden Basenpaare – wurde im sogenannten “Mapping”-Prozess mit dem Referenzgenom der Stute Twilight verglichen. Twilight war das erste Pferd weltweit, dessen Erbmaterial im Jahr 2009 völlig entschlüsselt wurde. In einem zweiten Schritt begeben sich die Forscher dann auf die Suche nach Unterschieden im genetischen Material. “Mithilfe der entstandenen Datenbank können wir sofort abfragen, ob die Tiere Träger bekannter genetisch bedingter Erkrankungen sind oder ob sie andere Merkmale tragen, deren Lokalisation am Gen bereits beschrieben wurde”, schilderte die Genetikerin.

Außerdem sucht man derzeit nach Sequenzvariationen, die nur das Fohlen aufweist. “So können wir spontane genetische Veränderungen, die in der Keimbahn passiert sein müssen, nachweisen”, meinte Wallner. Von der Anzahl der Mutationen und ihrer Lokalisation erhoffen sich die Wissenschafter Rückschlüsse auf die Geschwindigkeit der Veränderungen beim Lipizzaner und damit auf die Evolution, die Domestikation und die Rassendifferenzierung der weißen Pferde. Mit der Genomsequenzierung des Vaterhengstes und eines weiteren Hengstes will das Team um Wallner außerdem die Y-Chromosome durch die Geschichte zurückverfolgen: Da das Y-Chromosom unverändert weitergegeben wird, erlaubt es heute noch einen Blick auf die Lipizzaner-Gründerhengste des späten 18. Jahrhunderts.

Verfahren in der Tierzucht

Dem Blick von innen lässt Thomas Druml vom Institut für Tierzucht und Genetik einen Blick von außen folgen: “Schon von Anfang an beschäftigte sich die Zucht mit der Phänotypisierung des Lipizzaners.” Bereits im 19. Jahrhundert versuchte man, den “Züchterblick” zu objektivieren, fotografierte die Tiere in bestimmten Posen und vermaß sie. In der Praxis erwies sich das Abmessen jedoch als viel zu aufwendig, weshalb die Beurteilung bestimmter Zuchtkriterien wie Größe oder Kopf- und Halsform durch ein geschultes Auge doch häufiger zum Einsatz kam. Problematisch sei dabei aber sowohl die Subjektivität, als auch die aufgrund wechselnder Begutachter fehlende Replizierbarkeit gewesen, so Druml.

Auf diese Tradition der Phänotypisierung greifen Druml und sein Team nun zurück, wenn sie erstmals Gesichtserkennung und Gangmustererkennung aus der Sicherheitstechnik und medizinische bildgebende Verfahren in der Tierzucht einsetzen. “Wir wollen herausfinden, ob diese Methoden überhaupt nutzbar sind”, so der Genetiker. Von der genauen Erfassung der Lipizzanerformen erwartet er sich nicht nur die Entdeckung neuer Merkmale und die Evaluierung des Zuchtfortschritts, sondern auch eine objektivierbare Beurteilung und eine Optimierung von Zuchtzielen wie etwa der Leistung eines Tieres.

Wachstum der Tiere wird erforscht

Um das Wachstum der Tiere genauer unter die Lupe zu nehmen, wollen die Wissenschafter auch neugeborene Fohlen alle drei Monate in Bild und Video dokumentieren. Mit der Kombination aus Genkarten und präzisen Phänotyp-Informationen strebt man für die Lipizzanerzucht eine sogenannte “genomische Selektion” an, bei der molekulargenetische Informationen herangezogen werden, um die Auswahl von Zuchttieren möglichst früh und möglichst genau zu bewerkstelligen.

Dass eine wissenschaftliche Begleitung der Zucht tatsächlich Ergebnisse bringt, zeigt ein anderes Forschungsgebiet der VetMed: Eine Studie der Fruchtbarkeit bei Lipizzanerstuten des Gestüts Piber von Viktoria Dobretsberger vom Institut für Tierzucht und Genetik zeigte eine enorme Steigerung der Furchtbarkeitsparameter in den vergangenen zehn Jahren. Das führt die Forscherin vor allem auf die optimierte tierärztliche Betreuung und die Überwachung bzw. das Management des Deckbetriebs zurück.

(APA)

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