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Kranke und tote Lämmer und Rinder: VGT ortet Missstände in NÖ

In dem Mastbetreib in NÖ leiden Rinder, Schafe und Ziegen unter der verwahrlosten Haltung. Viele Tiere sind krank oder gestorben.
In dem Mastbetreib in NÖ leiden Rinder, Schafe und Ziegen unter der verwahrlosten Haltung. Viele Tiere sind krank oder gestorben. ©VGT
In einem schon zuvor beanstandeten Mastbetrieb im Bezirk St. Pölten-Land ortet der Verein gegen Tierfabriken (VGT) erneut Missstände. Aufnahmen zeigen vertstorbene und kranke Lämmer, Ziegen und Rinder.

Mit einer Diversion hat am Mittwoch ein Prozess um Missstände in einem Mastbetrieb im Bezirk St. Pölten geendet. Der großteils geständige Inhaber willigte ein, gemeinnützige Leistungen im Ausmaß von 140 Stunden zu erbringen. Ihm drohen weitere rechtliche Schwierigkeiten. Der Verein gegen Tierfabriken (VGT) ortete erneut "schreckliche Zustände" in dem Betrieb. Die Bezirkshauptmannschaft (BH) prüft ein Tierhaltungsverbot, Landesrätin Susanne Rosenkranz (FPÖ) eine Schließung.

Die Tiere stehen Fesseltiefi im Gülle. ©VGT

Tote Lämmer und Ziegen: Verein gegen Tierfabriken ortet Missstände

Konkret vorgeworfen wurde dem 49-Jährigen am Mittwoch von der Staatsanwaltschaft, kranke Tiere nicht ordnungsgemäß behandelt bzw. betreut und sie nicht von Artgenossen abgesondert zu haben. Schafe, Ziegen sowie 16 Rinder soll der Beschuldigte in Buchten gehalten haben, die vollständig und fußgelenkshoch mit einer flüssigen Schicht aus Gülle bedeckt waren. Als Tatzeitraum angegeben wurde 16. August bis 9. September 2022.

Der Beschuldigte rechtfertigte sich in der Einzelrichterverhandlung mit Überlastung und blieb damit bei jener Argumentation, die er auch im Vorjahr bereits gegenüber Medien ins Treffen geführt hatte. Er leide unter immer wieder auftretenden Rückenschmerzen, gab der 49-Jährige zu Protokoll.

Aufnahmen von Februar und April 2023 zeigen verwahrloste Haltung

Skizziert wurde vom Einzelrichter ein Geschäftsmodell, das stets an der Schwelle zum Tierschutzverstoß wandle. Es sehe so aus, dass "Sie viele Tiere zu günstigen Preisen beziehen, die schon in sehr schlechtem Zustand sind", sagte der Richter zum Beschuldigten. Tiere, "die andere Betriebe töten würden". Dem pflichtete der Angeklagte bei: "Wir probieren, dass wir sie doch vielleicht durchbringen", in erster Linie "aus Tierwohlgedanken", wie der Beschuldigte beteuerte. Betriebswirtschaftliche Interessen stritt er allerdings nicht ab.

Die Rinder, Schafe und Ziegen leiden unter einer Hautkrankheit. ©VGT

Erworben würden die Tiere um zehn bis 20 Euro, der Verkauf an den Schlachthof erfolge nach viereinhalb bis sechs Monaten zu einem Preis von 120 bis 140 Euro. Die Tiere erhalten laut dem Angeklagten Kraftfutter, etwa 80 Prozent würden auch Betreuung durch Veterinärmediziner benötigen. "Das geht sich aus mit den Kosten?", fragte der Richter. "Muss sich ausgehen", entgegnete der Landwirt.

Der Landwirt beziehe schon weniger Tiere und wolle reduzieren

Ein Umdenken habe aber bereits eingesetzt, man beziehe aktuell weniger Tiere und wolle weiter reduzieren. "Durch das werden wir das in Griff bekommen." Dass weniger Einstreuen den Tieren Qualen bereitet, sei ihm nicht bewusst gewesen. Generell sei der Vorgang zeit- und kostenaufwendig. Aktuell werde jeden zweiten Tag eingestreut.

Für Verteidiger Andreas Pulker ist der Beschuldigte entgegen der "drastischen" medialen Darstellung "kein böser Mensch, der hier die Tiere quälen will". Vorgefundene Missstände seien auf "temporäre Überforderung, die immer wieder schlagend wird" zurückzuführen.

Lebendige Tiere leben neben verstorbenen Rindern und Lämmern. ©VGT

Laut Ansicht des Richters ergibt sich aus Kontrollen der BH "schon ein eher positiver Ausblick, was die Tierhaltung betrifft". Die Anzeige habe ein "sehr massives" Bild gezeichnet. Nach Erhebungen von Sachverständigen ergebe sich aber auch eine Erklärung dafür. Generell sei der Mastbetrieb "sehr oft kontrolliert worden".

Die mit der Diversion verbundenen gemeinnützigen Leistungen werden dem 49-Jährigen vom Verein Neustart vermittelt. Vom Richter wird ein Themenbereich bevorzugt, der mit Tierwohl zu tun hat. "Ich würde das für sehr sinnvoll erachten", auch, um einen "anderen Blickwinkel" zu ermöglichen.

Anzeige gegen den Betrieb war schon 2013 eingebracht worden

Bekannt geworden waren die Zustände in dem Mastbetrieb im September des Vorjahres. Ein damals vom VGT veröffentlichtes Video zeigte sterbende Schafe, Rinder in Fäkalien, verwesende Tiere im Stall und Kadaver in Tonnen vor dem Gebäude. Anzeige gegen den Betrieb war auch schon 2013 eingebracht worden.

Leichentonnen gefüllt mit Tierkadavern lassen laut VGT auf eine hohe Sterblichkeit der Tiere schließen. ©VGT

Vor dem Gerichtsgebäude demonstrierte der VGT am Mittwochvormittag mit einem Transparent. Zuvor waren - an und für sich unabhängig vom Einzelrichterverfahren - neuerliche Vorwürfe gegen den Mastbetrieb erhoben worden. Aufnahmen zeigen wie bereits im Vorjahr verstorbene und kranke Tiere. "Tote Lämmer, Ziegen und Rinder liegen zwischen den Lebenden - ein Kitz liegt bewegungsunfähig am Boden im Sterben. Die Leichentonnen am Betrieb sind randvoll und stehen teilweise direkt neben den Stallbuchten", berichtete der VGT in einer Aussendung. "In diesem Betrieb sterben offensichtlich unheimlich viele Tiere. Fällt das den Behörden oder der Tierkörperverwertung nicht auf?", fragte Lena Remich und forderte Konsequenzen.

Betrieb scheine erforderlichen Standards nicht halten zu können

Erneute Anzeigen an die Staatsanwaltschaft und die Bezirkshauptmannschaft wurden angekündigt. Gefordert wurde einmal mehr ein Tierhaltungsverbot. Ein solches wird nach Angaben von Bezirkshauptmann Josef Kronister geprüft, wobei "das aktuelle Tierschutzrecht dafür sehr hohe inhaltliche und formale Anforderungen" vorsehe, wie betont wurde. Generell hatte man den Betrieb in den vergangenen Monaten im Auge. "Die mehrmals durchgeführten unangekündigten tierärztlichen Kontrollen haben zwischenzeitlich immer wieder Verbesserungen gezeigt, auch angeordnete Sofortmaßnahmen wurden vom Betrieb immer umgesetzt", teilte Kronister auf APA-Anfrage mit.

Der Betrieb scheine aber den erforderlichen hohen Standard nicht halten zu können. Gerichtliche und verwaltungsrechtliche Verfahren seien anhängig. "Die BH St. Pölten unternimmt jedenfalls alles, um eine dauerhafte Lösung im Sinne des Tierwohls zu erreichen", hieß es. Pulker, der Verteidiger des 49-Jährigen, wollte sich am Mittwoch zu den neu aufgetauchten Vorwürfen auf APA-Anfrage nicht äußern.

Grüne kritisieren Behördenversagen

Für die für Tierschutz zuständige FPÖ-Landesrätin Rosenkranz steht die Behebung der Zustände des "Problembauernhofes" ganz oben auf der Agenda. Sie gehe davon aus, dass "jeder der solche Bilder sieht" handeln wolle. "Die Behörden müssen hart durchgreifen und die vorhandenen Gesetze anwenden. Schwarze Schafe dürfen nicht gedeckt werden." Eine Schließung des Betriebs sei in Prüfung.

Die Grünen sahen in einer Aussendung ein "Versagen der Behörden" sowie ein "System des Schweigens und Wegschauens". Dominic Hörlezeder, Tierschutz- und Landwirtschaftssprecher der NÖ Grünen, verlangte eine "umfassende Aufarbeitung des Falls". Die Partei kündigte eine Anfrage an die zuständigen Landesregierungsmitglieder an. Die niederösterreichischen NEOS orteten Kontrollversagen in Politik und Landwirtschaft.

(APA/Red)

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