Kraftklub im Interview: Mainstream, Erfolgsdruck und Schüsse in die Luft

Am Dienstag präsentierten Kraftklub erstmals live in Wien ihr neues Album "In Schwarz" - mit einem Überraschungskonzert auf der Donauinsel. VIENNA.AT traf  die Musiker Till Brummer und Steffen Israel zum Gespräch.
Wien-Konzert im Gasometer
Casper und Kraftklub live

Dass die Herren aus dem deutschen Chemnitz immer gerne für eine Überraschung gut sind, ist bekannt. Das bewiesen Kraftklub wieder mal am Dienstag, als sie ihre Wiener Fans zu einem spontanen (und kostenlosen) Open Air-Konzert auf der Donauinsel versammelten.

Vor dem Gig traf VIENNA.AT Bassisten Till Brummer und Gitarristen Steffen Israel zum Gespräch.

Kraftklub im Interview

Seid ihr noch immer aufgeregt vor Konzerten?

Till: Jetzt sind wir ja im Tour-Modus, da gewöhnt man sich doch ein. Aber ich bin immer fünf Minuten vor Beginn sauaufgeregt!

Steffen: Ich glaub, das sollte man sich auch nie abgewöhnen, so ein bisschen Aufregung tut ganz gut.

Till: Deswegen trinken wir auch immer ganz viel Cola, wenn wir auf  Tour sind, damit wir schön aufgeregt bleiben!

Warum ist euer neues Album „In Schwarz“, und nicht „In Rot“, „In Grün“?

Till: Ist Schwarz eine Farbe? Ja, ich finde es ist eine Farbe – und zwar die coolste von allen. Außerdem haben wir am letzten Album schon verraten, dass das nächste “In Schwarz” heißen wird: Beim Lied “Zu Jung” singen wir: “Wir sind zurück in Schwarz” – dann muss man das natürlich auch durchziehen.

Steffen: Und diese weißen Polo-Shirts sind so unpraktisch, vor allem beim Essen, man kann überhaupt nicht kleckern …

Auf dem Album begrüßt ihr die Hörer mit „Unsere Fans haben sich verkauf, unsere Fans sind jetzt Mainstream“ – worauf basiert diese Kritik?

Till: Das Ganze ist natürlich sehr ironisch gemeint. Uns wird oft vorgeworfen, dass wir Mainstream geworden sind – und wir haben uns einfach gewehrt. Die Leute kritisieren uns, kommen aber trotzdem noch auf unsere Konzerte und zahlen dafür, obwohl wir solche Kommerzschweine geworden sind. Da haben wir ihnen mal den Spiegel vorgehalten.

Steffen: Außerdem fanden wir es einfach lustig.

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Bild: Christopher Voy

Zweieinhalb Jahre ist es her, da schoss euer erstes Album „Mit K“ auf Platz eins in den Charts hinauf. War der Leistungsdruck für den Nachfolger groß?

Till: Wir haben uns gesagt: Entweder die Leute sagen, dass es “eh das Gleiche ist wir vorher” – und das ist scheiße, oder sie sagen “es ist anders als vorher” – und das ist scheiße. Daher haben wir uns gar keine Gedanken in Sachen Erfolgsdruck gemacht – und einfach unser Ding im Proberaum aufgenommen wie immer.

Steffen: Wir sind mit dem Hintergrund an die Sache herangegangen, dass wir eh nur verlieren können. Das hat vieles einfacher gemacht. Der echte Druck kam dann erst, als das Album fertig war.

Till: Wir haben zum Glück zu spät angefangen, uns zu überlgen, ob das Ding cool wird oder nicht. Da war das Album schon im Presswerk und wir konnten es nicht mehr verhindern …

Wie viel Zeit habt ihr euch diesmal für das Album genommen?

Till: Im Vergleich zum Vorgängerwerk sehr viel. Damals sind ja viele Songs quasi zwischendurch auf Touren entstanden. Diesmal hatten wir den großen Luxus, mehr Zeit zur Verfügung zu haben – und die haben wir uns auch genommen. Also bestimmt eineinhalb Jahre gemütliches Musikmachen.

Was sind die größten Unterschiede zwischen „Mit K“ und „In Schwarz“?

 … (Steffen und Till sehen sich fragend an)

Till: Lässt sich schwer sagen, da wir uns auch kein großes Konzept dafür überlegt haben. Die Lieder sind neu, aber es ist und bleibt die Musik, die wir machen. Es gibt keinen roten Faden, es sind Momentaufnahmen über Dinge, die uns und unseren Freunden so passiert sind.

Steffen: Ich denke vom Sound her hört man auch, dass wir in der Zwischenzeit sehr viel live gespielt haben – dass das nicht spurlos an uns vorbeigegangen ist.

Till: Wow, wir sind total erwachsen geworden …

Steffen: Und wir sind dicker geworden! Sonst hat sich nicht viel geändert. Haben wir nicht erst vorgestern das letzte Album rausgebracht? Die Zeit geht so schnell vorbei …

Man hat das Gefühl, dass ihr mit Songs wie „Schüsse in die Luft“ und „Hand in Hand“ politischer in euren Liedern geworden seid. War das eure Absicht?

Till: Also bei “Schüsse in die Luft” auf jeden Fall. Das liegt aber auch daran, dass der Song auf einer Geschichte basiert, die gleich bei uns um die Ecke passiert ist, bei einem Heim für Aslywerber in Schneeberg. Da hat sich die Dorfbevölkerung gegen diese Einrichtung gewehrt. Sie haben Aussagen getätigt wie: “Diese Asylanten haben ein iPhone, ich kann mir kein iPhone leisten!”  – dabei bedenken sie gar nicht, dass das iPhone wohl das einzige ist, was die haben, die einzige Verbindung in die Heimat. Währenddessen lebt die Dorfbevölkerung im gemütlichen Eigenheim, geht arbeiten oder bekommt Geld vom Staat – aber regt sich auf. Und das wiederum regt uns auf! Dazu wollten wir musikalisch unseren Senf abgeben.

Steffen: Wir dachten früher immer, dass wir eine gänzlich unpolitische Band sein können, dass wir Politik aus der Musik raushalten können. Dann haben wir relativ schnell gemerkt, dass das gar nicht geht. Wir wollten aber nicht bewusst politischer auf dem neuen Album werden.

Till: Die Lieder sind wie gesagt Momentaufnahmen, Geschichten, die bei uns passiert sind. Hätte es diese Sache in Schneeberg nicht gegeben, wäre das Lied sicher auch nicht entstanden.

Habt ihr ein Lieblingslied auf dem neuen Album?

Till: Also meines ist “Schüsse in die Luft”. Live spiele ich gerade am liebsten “Unsere Fans”, der sitzt schon richtig gut, da können wir am meisten rumhüpfen.

Steffen: Ich lieb’ sie alle, meine Kinder … es ist immer ein anderes Lied. Aktuell ist es vielleicht “Zwei Dosen Sprite”. Wir spielen die neuen Lieder jetzt auf der Tour zum ersten Mal live – da muss man sich schon konzentrieren!

Till: Karl tritt einem immer gegen’s Schienbein, wenn man sich verspielt!

Nehmen die Leute die neuen Songs gut auf?

Till: Bisher schon. Wenn man ein komplett neues Lied spielt, hören sich die Leute das eben erst mal an. Wir brauchten Zeit für die Lieder, und die Fans brauchen Zeit dafür.

Steffen: Man merkt schon, dass die Leute nach dem Album-Release viel aufgesogen haben und schon echt viel mitsingen können. Wobei sie bei ein paar alten Songs, etwa bei “Ich will nicht nach Berlin”, manchmal falsch reinsingen – die alten Texte haben die verlernt!

klub
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Bild: Alexander Blach

Wie hat sich euer Umfeld nach Einsetzen eures Erfolgs verändert? Sind die Freunde noch die, die sie waren?

Till: Es hat sich viel verändert, aber nicht wegen unseres Erfolgs. Wir sind jetzt eben in den Mittzwanzigern, Kumpels kriegen Kinder, heiraten und solche Sachen.

Steffen: Unsere Freunde waren ja auch immer mit dabei, von Anfang an. Wir waren nicht plötzlich weg, kamen wieder und riefen: “Hey, wir sind jetzt Superstars!” Die haben unsere Entwicklung miterlebt, deswegen hat das auch immer gepasst.

Privatleben habt ihr nach wie vor?

Till: Wir alle außer Steffen!

Steffen: Ne, wir wohnen ja alle nach wie vor in Chemnitz, das ist sehr klein und dort kennt eh jeder jeden. Großen Rummel um uns gibt es überhaupt nicht. Wir hatten neulich ein Foto-Shooting, sind in voller Montur durch Chemnitz gelaufen – kein Schwein hat das interessiert.

Till: “Ach guck mal, da sind schon wieder die von Kraftklub.”

Red./(ABE)

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