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Keine Standing Ovations für Claude Lanzmann bei der Viennale 2013

Claude Lanzmann (links) vor der Premiere in Wien.
Claude Lanzmann (links) vor der Premiere in Wien. ©APA
In Cannes und beim New York Film Festival gab es Standing Ovations, in Wien immerhin respektvollen Applaus.  "Der letzte der Ungerechten" war als zentraler Film der heurigen Viennale angekündigt worden. Am Sonntagabend fand im Gartenbaukino die Österreich-Premiere statt.
Politische Dokus bei der Viennale

Die fast vierstündige Dokumentation, von Festival-Chef Hans Hurch als “der zentrale Film dieser Viennale” angekündigt, basiert auf langen Gesprächen, die Lanzmann 1975 mit dem Wiener Rabbiner Benjamin Murmelstein geführt hatte, und wurde nun genau am 24. Todestag Murmelsteins im Rahmen einer Gala gezeigt.

Interviews von Claude Lanzmann

Das Interview mit Murmelstein, der unter Adolf Eichmann hoher Funktionär der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien und 1944/45 der letzte “Judenälteste” von Theresienstadt war, hätte ursprünglich in Lanzmanns monumentalem Dokumentarfilm “Shoah” vorkommen sollen, war aber unter anderrem wegen schlechter Tonqualität des elfstündigen Materials nicht darin aufgenommen worden. Nachdem 2007 das dem Holocaust Memorial Museum Washington übergebene Rohmaterial in Wien gezeigt worden war, konnte dank der österreichischen Dor Film als Koproduzent nicht nur das Ton-Problem gelöst, sondern auch ein eigener Film über den einzigen Überlebenden der von den Nazis eingesetzten “Judenältesten” finanziert werden.

Über “Der Letzte der Ungerechten”

“Der Letzte der Ungerechten” bietet, wie Lanzmann bereits mehrfach betont hat, drei Protagonisten: den damals 70-jährigen Murmelstein, der sich nach Überwindung großer Zweifel über den Dächern Roms vom französischen Filmer stundenlang interviewen ließ und sich damit bereitwillig der “letzten Gefahr” aussetzte, die ihm nach einem frühen Freispruch in einem tschechischen Prozess und etliche publizistischen Angriffen seiner Meinung noch drohte, den damals 49-jährigen Lanzmann und den Filmemacher von heute, der bei Besuchen der einstigen Schauplätze mit Kommentaren und Verlesungen von Dokumenten anders als in seinem bisherigen Schaffen starke eigene Präsenz vor der Kamera zeigt.

Der Film, für den Lanzmann auch auf den 1944 von den Nazis gedrehten Theresienstadt-Propagandafilm zurückgreift, ist dort am stärksten, wo er auf ein Duell zweier Männer hinausläuft: des Interviewers, der sehr wohl weiß, wie umstritten Murmelstein ist und auch gelesen hat, dass Gershom Scholem für ihn als Kollaborateur die Todesstrafe gefordert hatte, und des Interviewten, der mit Witz, Eloquenz und Intelligenz sein Gegenüber zunehmend für sich einnimmt.

Diskussion mit Wiener Publikum

Dass ihm dies tatsächlich gelungen ist, machte Lanzmann auch bei einem an die Filmvorführung anschließenden kurzen Gespräch deutlich. Murmelstein sei “in keiner Weise ein Kollaborateur” gewesen, betonte der Regisseur und sein “Ja!” auf die Frage, ob er am Ende Sympathie für ihn empfunden habe, ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Er sei sicher, dass der Film Murmelstein gefallen würde, meinte er, und lobte den Witz, die Intellektualität, die geistige Stärke und Klarheit des Gesprächspartners, der sich zwar vorwiegend organisatorischen Detailfragen und weniger humanistischen Grundfragen widmete, doch “nie gelogen” habe.

Für Nachfragen aus dem Publikum, warum ausgerechnet die Zeit zwischen der Beteiligung an dem Plan, im Herbst 1939 unweit des polnischen Nisko ein Lager aus dem Boden zu stampfen, und seiner eigenen Deportation nach Theresienstadt im Jänner 1943, jene umstrittene Zeit also, als er in Wien für Ausreisen und Deportationslisten mitverantwortlich war, im Film kaum Erwähnung fänden, hatte Lanzmann deutlich weniger Verständnis. Einen Film zu machen, bedeute auch, Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen etwa darüber, was man weglassen müsse. (APA)

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