IS - Experten im Interview: Gründe für die IS-Begeisterung in Europa

IS - Experten erklären die Gründe für den IS-Zuspruch
IS - Experten erklären die Gründe für den IS-Zuspruch ©AP (Sujet)
Bahman Nirumand ist Nahost- und Terrorexperte und er sieht die extremistische Terrormiliz IS (vormals ISIS/ISIL) als Anker für perspektivlose und desorientierte junge Menschen. Im Gespräch mit der APA zeigte er am Mittwoch die Beweggründe auf, die junge Menschen in Europa veranlassen, sich IS anzuschließen.

“Ich glaube, dass es persönliche Motive sind. Diese jungen Menschen haben keine Perspektive für ihre Zukunft und sind desorientiert. Die Gründe dafür können gesellschaftlicher, politischer und finanzieller Natur sein”, so der 77-jährige deutsch-iranische Autor. Die IS biete den jungen Menschen eine vermeintlich feste Ideologie und ein festes Konzept. Daher fühlten sich die jungen Menschen stolz in ihrer Aufgabe und würden glauben, einer guten Sache zu dienen.

Beweggrund für die IS-Begeisterung

Ein weiterer wichtiger Beweggrund für die IS-Begeisterung sind laut Nirumand die Angriffe Israels gegen Gaza. Das habe ein Ungerechtigkeitsempfinden erzeugt, das die Menschen bewege, für IS zu kämpfen. Die Unterscheidung zwischen Palästinensern und IS sei für die jungen Menschen aufgrund mangelnder politischer Bildung oftmals nicht möglich.

Auch der Faktor der Gewaltbereitschaft sei nicht zu unterschätzen. “Das ist der langandauernde Frust, der plötzlich ein Ventil findet, um sich auszuleben. Diese Menschen sind zum größten Teil sehr frustriert. Gewalt auszuüben bereite ihnen Freude. Im Grunde ist es eine Kompensation der eigenen Defizite”, erklärt Nirumand, der ergänzt, dass das IS-Problem vom Westen “hausgemacht” sei, da viele Staaten die IS-Rebellen im syrischen Bürgerkrieg im Kampf gegen Präsident Bashar al-Assad unterstützt hätten.

Zuspruch in sozialen Netzwerken

In dieselbe Kerbe schlägt auch die Politikwissenschafterin Claudia Brunner. Sie forscht am Zentrum für Friedensforschung und Friedenspädagogik der Universität Klagenfurt. Dass Postings wie “Gemma Jihad Oida” in sozialen Netzwerken großen Zuspruch finden, wundert sie nicht. Die Salonfähigkeit der Gewalt sei generell in den meisten Jugendkulturen verankert. Man solle nur bedenken, dass auch Jugendliche im Westen mit Kriegsspielen und gewalttätigen Spielen, wo es ums Töten geht, aufwachsen.

“Ich sehe eine allgemeine Militarisierung der Gesellschaft, nicht nur der Jugend. Diese betrifft nicht nur die Konflikte in der arabischen Welt, sondern auch westliche Gesellschaften inklusive Österreich. Letztere präsentieren sich gerade auch über Geschlechterdebatten als friedlich, sind aber zugleich mitverantwortlich für internationale Konflikte, resümiert die Expertin.

Medien berichteten zuletzt auch über die verstärkte Beteiligung von Frauen. Brunner sieht hier verschiedene Beweggründe bei Frauen, sich für Terrormissionen zu begeistern. “Private Motive werden den Selbstmordattentäterinnen manchmal bloß zugeschrieben. Da sprechen Journalisten und Wissenschafter hinterher mit den Angehörigen der Täterinnen, die ihnen über deren Leben und Leidensgeschichte erzählen. Das sagt jedoch noch nicht aus, wie die Frauen sich selbst sehen. Die permanente Individualisierung von Konflikten, die eine gesamte Gesellschaft in ihrem globalen Kontext betreffen, ist Teil des Problems”, so Brunner.

“Motivation liegt in der Konflikterfahrung”

Hinzu komme, dass die Öffentlichkeit Terroristinnen ganz anders wahrnehme, als männliche Attentäter. Sowohl Medien, als auch die Wissenschaft und die Politik würden äußerst sensibel darauf reagieren, wenn Frauen gewalttätig seien und insbesondere, wenn dies einen politischen Kontext habe.

Das führe dazu, dass ein Missverhältnis zwischen dem, was berichtet werde und dem, was man wisse, entstehe. Als Ergebnis gebe es dann Stereotypen. “Vor Generalisierungen muss man sehr aufpassen. Die Motivation liegt in der Konflikterfahrung. In den Medien werden weibliche Attentäterinnen tendenziell als getrieben von privaten Motiven dargestellt. Dabei haben ihre Taten durchaus einen politischen Hintergrund”, ergänzte sie.

“Jihad-Hype” hat Wien und Europa erreicht

(Die Gespräche führte Arian Faal/APA)

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