"Geschenkt" von Daniel Glattauer: Mysteriöser Spendenserie auf der Spur

Daniel Glattauer hat zur Freude seiner Fans einen neuen Roman geschrieben: "Geschenkt"
Daniel Glattauer hat zur Freude seiner Fans einen neuen Roman geschrieben: "Geschenkt" ©Deuticke Verlag / APA
Ein mäßig motivierter Journalist mit Alkoholproblem, ein großzügiger anonymer Wohltäter, der immer wieder 10.000 Euro springen lässt, ein 14-Jähriger, der keine Ahnung hat, dass er seinen Vater jeden Tag sieht und eine Zahnärztin, die sich nicht so recht auf den vielleicht Richtigen einlassen kann - das sind die Zutaten von "Geschenkt", dem neuen Roman von Daniel Glattauer. VIENNA.at hat das Buch für Sie gelesen.
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“Geschenkt” hat uns der Wiener Autor Daniel Glattauer nicht nur einen neuen Roman, sondern auch einen Helden, der keiner ist: Gerold Plassek, 43, ist geschieden, Vater einer Tochter aus gescheiterter Ehe und Journalist bei einer als Boulevardblatt verschrienen Gratis-Zeitung, in deren Redaktion er mehr schlecht als recht seine Arbeitstage absitzt.

Ein Journalist ohne Ambitionen

Plassek trinkt gerne und regelmäßig mit Bekannten, aber auch allein einen über den Durst und hat sich ansonsten damit abgefunden, weitgehend antriebslos ein relativ ereignisloses Dasein zu bestreiten, in dem er jegliche Hoffnung, die irgendjemand in ihn setzt oder gar Erwartung, die irgendjemand an ihn haben könnte, unter Garantie enttäuscht. Eine Einstellung, in der sich der Anti-Held Glattauers regelrecht zu gefallen scheint.

Plötzlich Vater – wider Willen

Plassek will, wie dem Leser von Daniel Glattauers neuem Roman “Geschenkt” rasch klar wird, nicht viel vom Leben, das ganz gehörig aus den Fugen gerät, als er plötzlich sein Büro mit dem 14-Jährigen Manuel teilen muss, einem missmutigen Jugendlichen, der nicht ahnt, dass es sich bei dem “guten Freund aus alten Zeiten” seiner Mutter, an dessen Arbeitsplatz er seine Nachmittage absitzen muss, um seinen Vater handelt.

Plassek indessen wurde von der Mutter Manuels, die für ein halbes Jahr außer Landes weilt und die den Buben mehr oder weniger ihrem einstigen Gspusi überlassen hat, darüber informiert, dass es sich um seinen Sohn handelt. Ob und wie er diesen Umstand jedoch dem Burschen beibringen soll, der von dem “Loser”  alles andere als begeistert ist, darüber ist sich Plassek nicht im Klaren.

Spendenserie weckt Protagonisten aus Apathie

Noch weiter aus seiner Komfortzone der Ereignislosigkeit wird Plassek ganz plötzlich gerissen, als er sich nicht nur mit Manuel konfrontiert sieht,  sondern auch jemand Plasseks – ihm selbst gänzlich unwichtige – Arbeit plötzlich wahrzunehmen scheint. Denn als der Jornalist in einer Randnotiz seiner Zeitung über eine Obdachlosenschlafstätte berichtet, die dringend finanzieller Unterstützung bedarf, flattert der Organisation wenig später eine anonyme Bargeldspende von 10.000 Euro ins Haus. Mit im Geldkuvert ohne Absender: Plasseks Bericht über die soziale Anlaufstelle.

Doch dabei bleibt es nicht: der anonyme Spender wird zum Wiederholungstäter, der sich seltsamerweise ausnahmslos von Plassek journalistisch abgehandelte Organisationen als Empfänger seiner Spenden aussucht und der die Zeitungsartikel, durch die er von der Stelle in Not erfahren hat, jedes Mal im Kuvert inkludiert.

Hilfe für Flüchtlingsfamilie gesucht

Als ein Klassenkollege Manuels, ein gut in Österreich integrierter tschetschenischer Flüchtling, der mit seiner Familie abgeschoben werden soll, dann ebenfalls finanzieller Unterstützung bedarf und sein frisch gebackener Sohn an Plassek mit der Bitte herantritt, für diesen doch ebenfalls eine Geldspende herbeizuschreiben, hat der ziellos durchs Leben treibende Journalist plötzlich eine neue Motivation, seiner Arbeit nachzugehen. Und auch in sein nicht existentes Liebesleben kommt so etwas wie Schwung, als er Manuel zu einem Zahnarzttermin begleitet und sich schlagartig zu dessen Zahnärztin Rebecca Linsbach mehr als nur ein wenig hingezogen fühlt.

“Geschenkt”: Spannender Roman voller Fragen

Wer steckt hinter den anonymen Spenden – und was hat das alles mit dem mittelmäßigen Journalisten Plassek zu tun, der mit tatkräftiger Unterstützung seines Sohnes aufblüht, obwohl er plötzlich auch noch ohne Job dasteht? Wird Manuel erfahren, dass es sich bei dem angeblichen alten Freund seiner Mutter, mit dem er zunehmend warm wird, um seinen Erzeuger handelt? Wird sich die Zahnärztin seines Herzens für ihn entscheiden? Und wird Plassek sein ständig bagatellisiertes, doch nicht minder präsentes Alkoholproblem in den Griff bekommen? Diese Fragen beschäftigen den Leser von “Geschenkt” Glattauers neuen Roman hindurch.

Die wunderbare Wandlung des Gerold Plassek

Der kurzweilig dahinplätschernden Handlung folgend, erwärmt man sich zunehmend für den Anti-Helden Plassek und erlebt freudig mit, wie dieser aus seiner Apathie erwacht und plötzlich Bedürfnisse entwickelt, Wünsche hat und sich um deren Realisierung zu bemühen beginnt. Glattauer, der zuletzt mit seiner eher schmal ausgefallenen Komödie “Die Wunderübung” seinen zahlreichen Fans neuen Lesestoff lieferte, erweist sich mit “Geschenkt” wieder als Könner, was die Langform betrifft. In gewohnt flapsig-leichtfüßiger Manier unterhält er seine Leser, die bald gespannt mitfiebern, wenn es darum geht, die Identität des edlen Spenders bzw. der großzügigen Spenderin zu enttarnen.

Wahre Geschichte hinter Glattauer-Roman

Nicht uninteressant zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, dass Glattauers Inspiration zum Verfassen des Romans eine wahre Begebenheit darstellte: das sogenannte “Wunder von Braunschweig”. Dort hat sich im Jahr 2011 in ähnlicher Weise abgespielt, was in “Geschenkt” zentrales Thema ist – ein unbekannter Wohltäter erfuhr aus der Presse von mehreren Fällen sozialer Bedürftigkeit und reagierte darauf mit anonymen Spenden. Die Identität der Person wurde indessen niemals gelüftet.

“Geschenkt” widmet sich der Geschichte dahinter – wie sie in Wien und unter anderen Vorzeichen hätte sein können. Und das zu lesen, ist in gewohnter Glattauer-Manier ein kurzweiliges, zuweilen zu Herzen gehendes Vergnügen, in dem einem des Autors Freude am Erzählen aus jeder Zeile entgegenleuchtet.

Daniel Glattauer: Geschenkt. Roman, 336 Seiten, gebunden. 20,50 € (A), ISBN 978-3-552-06257-3, Deuticke Verlag

(DHE)

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