Vor 50 Jahren Aus für Wiener Rohrpost

Der letzte Wiener Rohrpostzug fuhr am 2. April 1956 vom Postamt in der Webergasse in Richtung Telegraphenzentrale in der Innenstadt.

Danach wurden 28 Rohrpostämter ebenso demontiert wie 59 Kilometer Fahrt- und 11,5 Kilometer Luftrohre. Die Eilzustellung besorgten ab sofort Lambretta-Dreiradroller oder kleine Puch 500 – der große Vorteil der kleinen Autos lag darin, dass sie auch kleine Eilpakete mitnehmen konnten.

Rohrpost – heute veraltet, einst noch eine so undenkbare Sache, dass der Österreicher Matthias Zagizek 1799 mit der Idee abblitzte. Und auch Josef Ressel stieß 1844 mit seiner „pneumatischen Post“ bei den heimischen Behörden auf wenig Gegenliebe. Erst nachdem Paris, Berlin und London über entsprechende Einrichtungen verfügten, erwachte auch hier das Interesse: Am 19. März 1875 war es auch in Wien so weit – die Rohrpost nahm ihren Betrieb auf.

Das Prinzip, eine Büchse in einem Rohr dadurch in Bewegung zu setzen, indem hinter ihr Über- und vor ihr Unterdruck erzeugt wird, ist an sich simpel. Schwieriger war es schon, dies auf eine geschäftlich gesunde Basis zu stellen. Eine Aktiengesellschaft, die 1872 um die Konzession zur Errichtung angesucht hatte, ging wegen der langwierigen Verhandlungen beinahe Pleite, so Christine Kainz in ihrem Buch “Österreichs Post, Vom Botenposten zum Postboten“.

Neun Ämter – alle innerhalb der heutigen Gürtel-Grenze – waren durch ein Rohrpostnetz von etwas über 14 Kilometer Länge miteinander verbunden. 2,2 Kilometer entfielen auf die Zuführung von verdichteter bzw. verdünnter Luft zu zwei Speichern im Laurenzergebäude am Fleischmarkt.

Die Rohre aus nahtlos gezogenem Präzisionsstahl hatte man in einem Meter Tiefe verlegt. Der äußere Durchmesser war 74 Millimeter, mit innen gerade mal 65 mm blieb nicht viel Fassungsvermögen für die Büchsen übrig. Rohrpostbriefe waren dementsprechend klein und dünn – und selbst dann war Falten oder Zusammenrollen notwendig. Einfacher ging es mit den Vordrucken „Pneumatischer Brief“, die bei jeder Station zu erwerben waren.

Ein normaler Rohrpostzug bestand aus mehreren – maximal 15 – Büchsen, die in Lederfutteralen untergebracht waren. Das Ende bildete der so genannte Treiber (Piston), der mit einer luftdicht abschließenden Lederscheibe als „Lokomotive“ diente. Der Betriebsdruck von ein bis eineinhalb atü ließ die Kette mit etwa Tempo 50 durch die Rohre sausen.

Der Service wurde offenbar angenommen: 1913 verfügte das Wiener Netz über 53 Rohrpoststellen, die durch ein Netz von 82,5 Kilometer Länge miteinander verbunden waren. Davon waren mit Ende des Zweiten Weltkriegs gerade sieben Prozent noch benutzbar: Der Rest musste mühsam wieder hergestellt werden.

Noch schwerer als die Kriegsschäden traf die Rohrpost aber die stürmische Entwicklung von Telefon und Fernschreiber. Und als die Entscheidung anstand, die alten Anlagen zu modernisieren, entschied die Frage der Wirtschaftlichkeit zu Ungunsten der Rohrpost, die mit den modernen Fernmeldediensten nicht mehr konkurrieren konnte.

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