Deflationsgefahr setzt EZB unter Druck

Die Gefahr einer konjunkturell verheerenden Deflation in der Eurozone setzt die EZB vor ihrer mit Spannung erwarteten Zinssitzung am Donnerstag unter Druck. Im März stiegen die Preise im Jahresabstand überraschend nur noch um 0,5 Prozent, wie die Statistikbehörde Eurostat mitteilte.
Inflation sinkt auf 0,5 Prozent
Italien erwartet geringes Wachstum
Für gedämpfte Geldpolitik
Österreich Rating bei "AA+"

Die Inflation ist damit so niedrig wie zuletzt im November 2009, als die Wirtschaft in der tiefsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg steckte. Für EZB-Beobachter Johannes Mayr von der BayernLB sind die Preise damit “am unteren Rand des Toleranzbereichs” der Währungshüter angelangt. Diese haben sich eine Jahresteuerung von knapp zwei Prozent als Ziel gesetzt – quasi als Puffer gegen eine Deflation.

Schreckensszenario für die Wirtschaft

Sie schreckt noch mehr als die Inflation: die Deflation, also anhaltend fallende Preise. Was für Verbraucher auf den ersten Blick wie eine gute Nachricht aussieht, kann am Ende eine ganze Volkswirtschaft in den Abgrund stürzen. Das wäre möglich, wenn Haushalte Anschaffungen in der Hoffnung auf immer niedrigere Preise verschieben – und sich Unternehmen bei Investitionen ähnlich verhalten. Ergebnis: Die Wirtschaft friert ein. Japan steckte seit den 90er-Jahren in dieser Falle und befreite sich zuletzt mit Konjunkturprogrammen und Geldflut. In der Eurozone lag die Teuerung im März bei nur 0,5 Prozent, nach Einschätzung einiger Ökonomen gefährlich nahe an die Schwelle zur Deflation. Die Europäische Zentralbank (EZB) als Währungshüter sieht Preisstabilität bei einer jährlichen Teuerungsrate von knapp 2 Prozent gewahrt.

IWF rät zu einer Zinssekung

Der Internationale Währungsfonds (IWF) rät daher für Donnerstag zu einer Zinssenkung, auch wenn die Europäische Zentralbank (EZB) mit einem Niveau von 0,25 Prozent ihr Pulver fast schon verschossen hat. Fast alle von Reuters befragten Experten rechnen jedoch nicht mit einem weiteren Schritt Richtung Nulllinie.

Dagegen spricht, dass der gesunkene Ölpreis und damit ein nicht von der EZB zu beeinflussender Faktor das Preisniveau enorm dämpft. Rechnet man die zum Vorjahr um 2,1 Prozent gesunkenen Energiekosten heraus, ergibt sich eine weniger alarmierend wirkende Inflationsrate von 0,8 Prozent. Zudem dürfte der Tiefpunkt nun erreicht sein, wie Christoph Weil von der Commerzbank prognostiziert: “Durch die späte Lage von Ostern in diesem Jahr werden insbesondere die Preise für Pauschalreisen im April stärker steigen als im Vorjahr.”

Sinkende Preise hat auch Vorteile

Dennoch kann die EZB das Thema Deflation nicht ad acta legen: In Spanien sinken die Preise bereits, in Italien steigen sie nur noch minimal um 0,3 Prozent. Doch dies hat auch seine gute Seite für die langsam aus der Krise heraussteuernden Länder, da ihre Wettbewerbsfähigkeit steigt und die Exporteure davon profitieren. Der IWF verweist hingegen darauf, dass die niedrige Inflation den Abbau der Schuldenlast erschwere und sich negativ auf das Lohnniveau auswirke. “Es gibt noch weiteren Spielraum für eine monetäre Lockerung”, sagte IWF-Europaexperte Reza Moghadam.

Zuletzt hatte es Spekulationen an den Märkten gegeben, die EZB könne mit dem massiven Ankauf von Wertpapieren versuchen, drohende Deflationsgefahren abzuwenden. Bundesbankchef Jens Weidmann warnte jedoch erst am Wochenende generell vor einer Überreaktion der Geldpolitik auf vorübergehend niedrige Inflationsraten. Entscheidend sei, dass die Verbraucher in der Eurozone nicht mit sinkenden Preisen rechneten und ihre Kaufentscheidung daher auch nicht auf die lange Bank schieben würden.

EZB befürchtet kein Preisverfall

EZB-Chef Mario Draghi sieht den Euro-Raum vor einer längeren Phase niedriger Inflation, befürchtet jedoch keinen Preisverfall auf breiter Front. Eine solche deflationäre Spirale kann – wie in Japan geschehen – die Wirtschaft lähmen, wenn Verbraucher und Firmen sinkende Preise erwarten und dann ihren Konsum beziehungsweise ihre Investitionen herauszögern. Derzeit gibt es dafür aber keine Anzeichen: “Die konjunkturelle Erholung scheint sich eher zu verstärken, auch die Einzelhandelsdaten aus Deutschland sprechen dafür”, meint Ökonom Christian Schulz von der Berenberg Bank. Die EZB müsse nun abwägen zwischen der Stärke der Erholung und den Ängsten vor zu niedriger Inflation: “Wir glauben, dass sie sich für die starke Erholung entscheidet und am Donnerstag stillhalten wird.”

Die deutsche Regierung stellt sich unterdessen in ihren Planungen für die kommenden Haushaltsjahre bereits auf eine leichte Anhebung der Leitzinsen ein. Im Zeitraum 2015 bis 2018 sei einem moderaten Zinsanstieg Rechnung getragen, sagte eine Sprecherin des Finanzministeriums in Berlin. In einem internen Vermerk des Finanzministeriums vom Februar, der Reuters vorliegt, ist die Rede von einer “abnehmenden Dominanz der Staatsschuldenkrise” und einer “sich anbahnenden Konjunkturbelebung in Europa”. Vor diesem Hintergrund sei künftig von der EZB auch ein “aktiver Beitrag zur Überwindung der Niedrigzinspolitik zu erwarten”, heißt es in dem Vermerk, aus dem auch der “Spiegel” zitiert. Darin lässt das Ministerium zudem Kritik an der lockeren Geldpolitik anklingen. Obwohl die Währungshüter die Zinsen seit geraumer Zeit niedrig hielten und die Banken mit praktisch unbeschränkter Liquidität versorgten, habe “die Geldpolitik noch nicht zu einem nachhaltigen Preisanstieg geführt”.

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