Causa Burgtheater: Zuspruch von der Presse nach Entlassung

Zuspruch nach Entlassung im Burgtheater
Zuspruch nach Entlassung im Burgtheater ©EPA
Nach der fristlosen Entlassung des Burgtheaterdirektors Matthias Hartmann wird die Entscheidung von Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) von den heimischen Medien weitgehend gelobt, ein kritischer Blick auf die Ära Hartmann geworfen und die Rolle von Bundestheater-Holding-Chef Georg Springer hinterfragt.
Strasser folgt Springer nach
Auch Springer nimmt den Hut
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Hartmann legt Amt nieder
Chronologie und Finanzen auf einen Blick
8,3 Millionen Euro Verlust

“profil”-online (Stefan Grissemann): “Dieses erstaunlich harte Durchgreifen eines für Kulturangelegenheiten zuständigen Politikers mag auch ein erstes Indiz dafür sein, dass der neue Mann im Amt dieses deutlich ernster nimmt und verantwortungsbewusster führen will, als es ihm viele zugetraut hatten. Klare, vernunftbasierte kulturpolitische Entscheidungen ist man in Österreich längst nicht mehr gewohnt. Die zögerlich-zaudernde Personalpolitik von Ostermayers Vorgängerin Claudia Schmied hat man noch besser in Erinnerung, als es einem lieb wäre – von dem egozentrisch-schlichten Revanchismus eines Franz Morak ganz zu schweigen, der Matthias Hartmann übrigens einst bestellt hatte.”

“Die Presse” (Norbert Mayer): “Das Schlimmste aber war am Ende die Larmoyanz des Chefs. Für solche Herrscher, die dann auch nicht konsequent sind, hat Machiavelli gar nichts übrig. Hartmann ist an der Hybris gescheitert. In der Politik wird sie mindestens so gnadenlos geahndet wie in der Tragödie. Sie hat auch traurige Züge, denn seinem Intermezzo seit 2009 kann man durchaus auch Positives abgewinnen. Wer es in Bausch und Bogen verwerfen würde, wäre ungerecht. Die Auslastung spricht konkret gegen solch ein Fehlurteil, und wohl auch die Qualität. (…) Dieser Direktor wollte bestes Schauspiel geben, zuweilen ist ihm das sogar gelungen, aber er hat dabei sich und die Mittel, die ihm zur Verfügung standen, grob überschätzt. Ein Vergleich mit München, Zürich oder Berlin macht sicher.”

Zuspruch nach Entlassung im Burgtheater

“Der Standard” (Andrea Schurian): “Dass Hartmann, der dem Burgtheater ein Besucherplus bescherte, gefeuert wird, während Georg Springer Geschäftsführer der Bundestheaterholding bleibt und nur seine Aufsichtsratsposten in den Töchtergesellschaften zurücklegt, ist ein Treppenwitz: Der geniale Netzwerker hat in beiden Funktionen kläglichst versagt. Wer, wenn nicht er hätte als oberste Kontrollinstanz den Durchblick haben, Silvia Stantejskys Buchführung enttarnen und den künstlerischen Direktor darauf aufmerksam machen müssen?”

“Kurier” (Georg Leyrer): “Ein paar Millionen versenkt, ein bisserl in der Bilanz getrickst, ein Direktor und seine Vizedirektorin entlassen. Muss uns das noch kümmern, angesichts der drohenden Milliardenschulden aus der Hypo? Es muss, natürlich. Mehr denn je. Einerseits, weil die Finanzaffäre als eines der unrühmlichsten Kapitel in die Geschichte des Burgtheaters eingehen wird. Die Aufklärung wird noch Jahre dauern, und dabei werden noch allerlei Skurrilitäten an den Tag kommen. (…) Und andererseits, weil gerade in Sparzeiten (…) Subventionen für die Kultur permanent am Prüfstand der öffentlichen Meinung stehen. Und jeder verschluderte Subventions-Euro gibt leider dem Stammtisch jene Argumente, die dann allzu gerne gegen die vermeintlichen ‘Staatskünstler’ und ihre Kulturstätten vorgebracht werden.”

“Kleine Zeitung” (Ute Baumhackl): “Kulturminister Josef Ostermayer, kein offensichtlicher Sympathisant effekthascherischer ‘Kopf ab’-Politik, hat also das Richtige getan: Wer seinen Job nicht macht, ist fällig. Was allerdings die Frage aufwirft, warum in aller Welt der Bundestheater-Holding-Chef Georg Springer dermaßen billig davongekommen ist. Was ist denn mit seiner Aufsichtspflicht als Kontrollor? Hartmann jetzt zum alleinigen Sündenbock zu machen, wäre jedenfalls enorm unfair: Er hat interessantes Programm gemacht und für ein volles Haus gesorgt; das hat auch nicht jeder Burgtheaterdirektor zusammengebracht.”

“Doch die Komödie geht weiter”

“Wiener Zeitung” (Christina Böck): “Es klingt zunächst nach einem lang erhofften klaren Schnitt in diesem Burgtheaterskandal. Doch von Klarheiten ist weiter keine Spur. Was Hartmann nun im Detail angelastet wird, darüber informierte der Minister – wohl aus arbeitsprozesstaktischen Gründen – nicht. Dabei ist es gerade dieses häppchenhafte Öffentlichwerden von Unglaublichkeiten, das in dieser Causa empört. Und so klar ist der Schnitt näher betrachtet auch nicht, wenn Bundestheater-Chef Georg Springer mit einem blauen Auge davonkommt. (…) Das Haus ist beschädigt, auch wenn das unwürdige Spektakel fürs Erste beendet ist. Als neuer Direktor oder besser noch neue Direktorin sei der Burg jedenfalls jemand empfohlen, der etwas weniger Ego und etwas mehr Führungsqualitäten hat.”

“Kronen Zeitung” (Karlheinz Roschitz): “Doch die Komödie geht weiter. All die Überlegungen zu überhöhten Honoraren, zur Beschäftigung der Familie Direktor Hartmanns, die Drohung seiner Klage – was unter Umständen eine Abfertigung für fünf Jahre kosten wird -, aber auch Schadensforderungen hängen noch als Damoklesschwert über den Köpfen der Steuerzahler. Hartmann ist ein interessanter Regisseur. Diese bizarre schwarze Komödie, die Thomas Bernhard wohl gern geschrieben hätte, ist ihm entglitten. Aber wie sagt Nestroy: ‘Es ist alles Chimäre, doch uns unterhalt’s.'”

Internationale Presse: “Egomane” der “Generation Gier”

Auch in Matthias Hartmanns Heimat Deutschland sowie in der Schweiz, wo man den nun fristlos entlassenen Burgtheaterdirektor in Zürich als Chef des Schauspielhauses erlebte, analysieren die Kommentaren die Causa – teils in scharfem Tonfall.

“Frankfurter Allgemeine Zeitung” (Gerhard Stadelmaier): “Dabei ist dem Egomanen Hartmann, der jetzt so tief fällt, dass man sich fragen mag, wer von ihm überhaupt noch ein Gebrauchttheater kaufen würde, der Hauptfehler aller Ego-Künstler widerfahren: auch dann noch aus dem Vollen zu schöpfen, wenn die Leere bereits gähnt. Das Haus schleppt einen Schuldenberg von 8,5 Millionen Euro mit und schuldet dem Finanzamt rund fünf Millionen aus einbehaltener Abgeltungsteuer, die beim Engagement auswärtiger Gäste fällig wird. Belege wurden gefälscht, zum Teil, wie mehrfach berichtet, mit den Unterschriften von Toten (Schlingensief) versehen; Beträge scheingebucht, Etatlöcher mit Luftbuchungen gestopft.”

“Die Welt” (Karin Cerny): Dass Hartmann allein Kraft seines Amtes eine Mitverantwortung an der Finanzmisere des Burgtheaters zu tragen habe, wollte er partout nicht einsehen. Sein bisheriges Lebensmotto hatte doch immer bestens funktioniert: Die Leute wollten ein Großmaul, Hartmann gab den Intendanten, der sich niemals selbst in Frage stellt. Aber beim fehlenden Geld hört schließlich sogar im heurigenseligen Wien die Musi auf. Ostermayer begann seine Amtszeit nämlich erstaunlich schnörkellos und unösterreichisch: Er teilte der versammelten Presse mit, dass Hartmann entlassen worden wäre.”

“Neue Zürcher Zeitung” (Barbara Villiger Heilig): “Die Amtsenthebung des Direktors ist ein Novum in der Geschichte des Burgtheaters und nach der wüsten Eskalation um die liederliche Buchführung – der KPMG-Bericht darüber lässt sich online studieren – ein drastischer Showdown. Demnächst dürfte es nun um Schadensbegrenzung gehen, damit die Kunst nicht unter die Räder gerät.”

Causa Burgtheater: Wer folgt Hartmann?

(APA)

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