Burgtheater-Causa: Chronologie und Finanzen auf einen Blick

Chronologie zur Burgtheater-Causa
Chronologie zur Burgtheater-Causa ©APA (Sujet)
Das Wiener Burgtheater hat in den letzten Wochen für zahlreiche Negativschlagzeilen gesorgt. Was den Missständen rund um das Haus am Ring vorangegangen ist und wie es zur derzeitigen Krise kam, lesen Sie hier noch einmal im Überblick.
Bericht entlastet Aufsichtsrat
"Vieles wurde akzeptiert"
"Unser Ziel: Transparenz"
Kommt Burgtheater-Verkauf?
Es gibt Rücktrittsforderungen
FPÖ will "Köpferollen"
Misstrauen gegen Theaterleitung
Vizedirektorin entlassen

Vor einer finanziellen Unterdotierung des Burgtheaters warnten zuständige Manager schon seit langem.

Ungereimtheiten bei der Buchhaltung

Eine von Wirtschaftsprüfern geforderte Veränderung bei den Abschreibungen für Produktionen hat die Lage seit der Saison 2011/12 zugespitzt. Zuletzt wurden bei einer Gebarungsprüfung Ungereimtheiten in der Buchhaltung aufgedeckt, die zur Entlassung der Vizedirektorin führten.

Die Entwicklung im Rückblick

18. April 2008: Silvia Stantejsky, seit 1980 Leiterin des Betriebsbüros des Burgtheaters, seit der Ausgliederung 1999 in eine GmbH Prokuristin und Stellvertreterin des kaufmännischen Geschäftsführers Thomas Drozda, wird per 1. September 2008 zur kaufmännischen Geschäftsführerin des Burgtheaters bestellt. Den zusätzlichen Finanzbedarf für das Burgtheater beziffert sie mit 3 bis 3,5 Millionen Euro.

22. April 2009: Bei seiner ersten Spielplan-Pressekonferenz in Wien erzählt Matthias Hartmann, in Zürich habe man ihn zuletzt vorwiegend nach Auslastung- und Budgetzahlen gefragt, was ihm “zum Hals raushängt”. Die Beantwortung nach der finanziellen Lage des Hauses überlässt der künftige Burgtheater-Direktor daher liebend gerne der kaufmännischen Geschäftsführerin: Silvia Stantejsky zeigt sich “überzeugt, dass wir einen Weg finden werden”.

16. Februar 2010: Bei der Präsentation des Geschäftsberichtes 2008/09 nach seinen Reaktionen auf die bei den Salzburger Osterfestspielen und den Salzburger Festspielen bekannt gewordenen Malversationen befragt, hebt Holding-Chef Georg Springer sein Vertrauen in die internen Controlling-Instrumente der Bundestheater hervor. Das Controlling-System werde laufend entwickelt und verfeinert, die interne Revision werde aufgrund einer Rechnungshof-Empfehlung gerade aufgestockt. “Wenn es jemand aber darauf anlegt, können sie in Wahrheit nur durch Zufall oder in Form von Stichproben draufkommen”, sagt Springer.

20. Juni 2011: Aus der in einer Kurzfassung veröffentlichten Effizienzanalyse der Bundestheater errechnet sich die Holding bis zu 14 Mio. Euro “Optimierungspotenzial”. Holding-Chef Georg Springer sieht die Möglichkeit, über einen Zeitraum von fünf Jahren “etwa sieben bis zehn Prozent der uns von der öffentlichen Hand zur Verfügung gestellten Basisabgeltung” effizienter einzusetzen. Im Ministerium heißt es, die freiwerdenden Mittel sollen “für die Kunst” eingesetzt werden.

15. Februar 2013: Die Kaufmännische Geschäftsführerin des Burgtheaters, Silvia Stantejsky, verzichtet auf neuerliche Bewerbung bei der Ausschreibung ihres Postens. “Die Subvention des Theaters ist in den letzten 13 Jahren real um 33 Prozent geschrumpft. Das liegt daran, dass die Gehaltserhöhungen zwar bezahlt werden müssen, vom Gesetzgeber aber nicht erstattet werden. Dieser Entwicklung muss in der Zukunft entgegengewirkt werden, wenn das Burgtheater seinem Auftrag in der heutigen Form weiter nachkommen soll, auch wenn es dem Theater aufgrund steigender Zuschauerzahlen noch gut geht”, wird vom Burgtheater auf die angespannte finanzielle Situation des Hauses hingewiesen. Gleichzeitig wird bekannt gegeben, dass Stantejsky ab 1. September Stellvertreterin des künstlerischen Direktors werde.

14. März 2013: Bei der Bekanntgabe des Geschäftsberichts 2011/12 sagt Bundestheater-Holding-Chef Georg Springer: “Seit der Ausgliederung im September 1999 haben wir eine lange Strecke zurückgelegt. Der Tank ist leer. Wir fahren auf Reserve und noch ist keine Tankstelle in Sicht.” Ein ausgeglichenes Bilanzergebnis ist im Burgtheater aufgrund verkürzter Abschreibungsmodalitäten für Produktionen jedoch nur durch eine Herabsetzung des Stammkapitals um 3,6 Mio. Euro möglich.

9. April 2013: “Wir haben in den letzten 13 Jahren über 30 Prozent des Budgets eingespart”, sagt Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann im APA-Interview: “Wenn wir jetzt so weitermachen würden mit diesem langsamen Erstickungstod, der uns vonseiten der Politik auferlegt wird, würde das Theater entweder Spielstätten schließen, das Programm runterfahren oder in erheblicher Anzahl Schauspieler entlassen müssen. Das sind die Schritte, die auf uns zukommen. Wir müssen ganz klar definieren, wie weit wir gehen können, und dann müssen wir unser Programm anpassen an die finanziellen Gegebenheiten.”

16. Mai 2013: Bei der Spielplan-Präsentation für die Saison 2013/14 sagt Hartmann: “Der Tag, an dem es nicht mehr geht, ist bereits verstrichen.”

21. Mai 2013: Thomas Königstorfer, bisher kaufmännischer Geschäftsführer der Musiktheater Linz GmbH, wird zum neuen kaufmännischer Direktor am Burgtheater ab 1. September bestellt.

13. Oktober 2013: Hartmann schreibt seine Rede bei der sonntägigen Matinee im Rahmen des Jubiläumskongresses zu “125 Jahren Haus am Ring” kurzfristig um und sagt: “Der Zeitpunkt, an dem das alles nicht mehr finanzierbar ist, der Zeitpunkt, auf den wir immer gewartet haben, ist nicht nur da, er ist unerkannterweise überschritten worden, und es gibt kein Schönreden, kein Aufschieben und keine Tricks, um diesen Zeitpunkt zu kaschieren. (…) Jetzt, nachdem wir alles getan haben, um das Burgtheater zu retten, ist es an der Politik zu entscheiden, wie es in der Zukunft auszusehen hat.”

11. November 2013: Im Zuge einer Gebarungsprüfung der von Stantejsky als kaufmännische Geschäftsführerin verantworteten Geschäftsjahre treten Ungereimtheiten auf, die nicht geklärt werden können. Silvia Stantejsky wird suspendiert.

18. November 2013: Aufgrund des “Unverzüglichkeitsprinzips” wird Stantejsky fristlos entlassen.

2. Dezember 2013: Silvia Stantejsky klagt vor dem Arbeits- und Sozialgericht Wien gegen ihre Entlassung.

3. Jänner 2014: Durch das Magazin “News” wird die Entlassung erstmals in der Öffentlichkeit bekannt.

7. Jänner 2014: Die Schauspielerinnen und Schauspieler des Burgtheaters stellen sich bei einer Ensembleversammlung auf die Seite der Vizedirektorin: “Die Solidarität des Ensembles gilt Silvia Stantejsky.”

9. Jänner 2014: Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG erhält den Auftrag zu einer forensischen Untersuchung jener Verdachtsmomente, die zur Entlassung Stantejskys geführt haben.

13. Jänner 2014: Der Rechnungshof stellt aufgrund der bekannt gewordenen Entlassung von Vizedirektorin Silvia Stantejsky “erhöhte Risikorelevanz” im Burgtheater fest und überlegt, ob er von sich aus eine Prüfung vornehmen wird. Die bisher letzte Rechnungshof-Prüfung des Burgtheaters liegt 20 Jahre zurück und hat 1994 stattgefunden.

14. Jänner 2014: Hartmann sagt im APA-Interview: “Ich habe nicht weggeschaut, weil ich solche Dinge nicht sehen kann, die sehen nur die Wirtschaftsprüfer. Wir müssen hoffen, dass diese Buchungen demnächst ihre Erklärung finden, damit wir aus diesem Gerüchtemoloch herauskommen – und die finanzielle Situation und die Causa Stantejsky getrennt werden, wie Äpfel und Birnen getrennt gehören.” Im Interview spricht er zudem davon, von seinem Vorgänger Klaus Bachler “eine Verbindlichkeit von 15,3 Millionen geerbt” sowie “in Bochum und Zürich zwei Sanierungsfälle als Theater geerbt und beide saniert zurückgelassen” zu haben. Wütende Dementis der Betroffenen sind die Folge.

22. Jänner 2014: Im Studio-Interview in der “ZiB2” spricht Springer davon, Stantejsky habe als kaufmännische Geschäftsführerin “eine sehr intelligente Schattenorganisation aufgebaut” und “dolose Handlungen” gesetzt.

28. Jänner 2014: Im bisher einzigen Interview bestreitet Stantejsky im Radiosender Ö1 alle Vorwürfe energisch: “Sowohl Dr. Springer als auch der Aufsichtsrat wird von sämtlichen buchhalterischen Entscheidungen informiert. Parallel kann gar nichts geschehen.” Die Entlassung habe sie “ganz kalt getroffen”: “Ich möchte vehement festhalten, dass ich mich in keiner Weise bereichert habe.”

10. Februar 2014: Der forensische Zwischenbericht von KPMG sieht “deutliche Indizien für gefälschte Belege und die Vorspiegelung falscher Tatsachen” durch Silvia Stantejsky. Laut Aufsichtsrat des Burgtheaters sei daher für das Jahr 2012/13 mit einem Bilanzverlust von “voraussichtlich” 8,3 Mio. Euro zu rechnen. Dazu könnten 5 Millionen Euro Steuernachzahlungen kommen.

14. Februar 2014: Die Ensembleversammlung des Burgtheaters beschließt ein Misstrauensvotum gegen Direktor Matthias Hartmann und Bundestheater-Holding-Chef Georg Springer. Man könne der bisherigen Darstellung, Stantejsky sei alleine für die finanzielle Misere verantwortlich, keinen Glauben schenken.

18. Februar 2014: Es sollen “alle notwendigen Maßnahmen für eine lückenlose und transparente Aufarbeitung der Vergangenheit abgeschlossen” und “alle notwendigen Schritte gesetzt werden, um das Burgtheater in eine professionell geführte, wirtschaftlich sanierte Zukunft führen zu können”, sagt Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) nach einem Treffen mit Vertreter des Ensembles. Der Minister betont, Vertrauen in Springer und Hartmann zu haben, schließt jedoch zusätzliches Geld des Bundes aus.

19. Februar 2014: “Es geht uns nicht vorrangig um Personalfragen. Es geht uns ums Burgtheater”, betont Ensemblesprecher Roland Koch im APA-Interview. “Wir wollen keine unnötige Unruhe stiften, aber wir wollen vom Objekt zum Subjekt werden und sagen daher: Es muss Verantwortung übernommen werden, für uns und für dieses Haus.” Er sieht in den aktuellen Diskussionen rund um das Burgtheater auch etwas Positives: “Jede Krise hat etwas Reinigendes und birgt die Chance, trotz aller Verwerfungen aus ihr gestärkt hervorgehen zu können.”

22. Februar 2014: Auf der Bühne des Akademietheaters klingt eine Strophe eines “Talisman”-Couplets besonders aktuell: “Bei uns im Theater hängt jetzt der Haussegen schief, wegen dolosen Geschäften und sonstigen Miefs. Der Holding-Chef taub, der Aufsichtsrat blind, der Direktor ein Künstler: ,Ich inszenier noch mal g’schwind . . .’ Sie ham’ alle was g’wusst! Und des lasst ma ka Ruah! Na, da hab ich schon g’nua, na, da hab ich schon g’nua!”. Burgschauspieler Johannes Krisch bringt es mit seiner Nestroy-Weiterdichtung auf Zeitungstitelseiten.

24. Februar 2014: Die Finanzmisere am Wiener Burgtheater beschäftigt dank einer 72 Fragen umfassenden “Dringlichen Anfrage” der NEOS auch den Nationalrat. Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) hält sich bedeckt, sieht die Geschäftsführung des Burgtheaters mit dem Aufsichtsrat und der Holding am Zug und kündigt die Einschaltung des Rechnungshofes an.

26. Februar 2014: Einen Tag vor Veröffentlichung des Endberichts gibt der Senior Partner der betrauten Prüfungsgesellschaft KPMG der “Presse” ein Interview, in dem er u.a. klarstellt: “Jedem hätte auffallen können, dass etwas nicht zusammenpasst.”

Burgtheater – Die Finanzen

46,431 Mio. Euro hat das Burgtheater mit seinen vier Spielstätten (Burg- und Akademietheater, Kasino und Vestibül) in der Saison 2011/12 an Bundessubventionen erhalten – 32,146 Prozent der 144,436 Mio. Euro betragenden Basisabgeltung der Bundestheater und erheblich mehr als alle anderen Sprechtheaterbühnen im deutschsprachigen Raum.Wien. So erhielten in der Saison 2011/12 das Deutsche Schauspielhaus Hamburg 23,5 Mio. Euro von der öffentlichen Hand, das Deutsche Theater Berlin 19,8 Mio. und die Münchner Kammerspiele 19,0 Mio. Euro. Das Schauspielhaus Zürich erhielt 37,7 Mio. Franken an kommunaler Förderung (heute: 30,92 Euro).

Die Basisabgeltung der 1999 ausgegliederten Bundestheater betrug bis 2007 (jeweils bezogen auf die Finanzjahre des Bundes) 133,645 Mio. Euro. 2008 wurde sie auf 138,645 Mio. Euro, ein Jahr später auf 142,145 Mio. Euro erhöht. Seit 2011 erhalten die Bundestheater 144,436 Mio. Basisabgeltung, bedingt durch ein Plus von 2,291 Mio. aufgrund der Umschichtung des “Republikvertrages” mit den Wiener Philharmonikern in das Bundestheater-Budget, das dort zweckgebunden für das Staatsopernorchester eingesetzt werden muss. Dazu kam im Geschäftsjahr 2012/13 eine Einmalzahlung von 4,5 Mio. Euro, mit der auch für die laufende Saison 2013/14 gerechnet wird. Sie ist jedenfalls in den bereits beschlossenen Budgets von Staats- und Volksoper eingerechnet.

An Basisabgeltung bezog das Burgtheater in den letzten Saisonen von Klaus Bachler (bis 2008/09) und den bisherigen Spielzeiten von Matthias Hartmann (ab 2009/10):

2006/07: 43,730 Mio. Euro
2007/08: 45,898 Mio. Euro
2008/09: 45,929 Mio. Euro
2009/10: 48,247 Mio. Euro
2010/11: 46,710 Mio. Euro
2011/12: 46,431 Mio. Euro
2012/13: 46,431 Mio. Euro

Die Kartenerlöse stiegen in den vergangenen Saisonen kontinuierlich an, von 5,74 Mio. Euro 2008/09 auf 7,35 Mio. Euro in der Saison 2011/12 und weiter auf 7,49 Mio. Euro in der Saison 2012/13. Die Bankschulden betrugen 2008/09, in der letzten Saison von Klaus Bachler, 5,2 Mio Euro, im Jahr darauf 4,8 Mio. 2010/11 erreichten sie den Spitzenwert von 7,5 Mio. Euro und sanken 2011/12 leicht auf 6,7 Mio. Euro.

Bis auf die Saison 2010/11, als sich ein Jahresgewinn von 11.000 Euro ausging, verzeichnete das Burgtheater in den vergangenen Saisonen dennoch durchwegs ein Minus im Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit (EGT): 2008/09 2,6 Mio. Euro, 2009/10 0,1 Mio. und 2011/12 3,7 Mio. Euro. Der damalige Jahresverlust, der vor allem mit der von den neuen Betriebsprüfern geforderten veränderten Abschreibungsdauer von Produktionen erklärt wurde, konnte nur durch eine Kapitalherabsetzung um 3,65 Mio. Euro ausgeglichen werden. Das Stammkapital des Burgtheaters beträgt seither nur noch 9,3 Mio. Euro. Die im Vergleich zu den Vorjahren erheblich verspätete Bilanz 2012/13 soll im April verabschiedet werden.

 

(apa/red)

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