"Brennerova" von Wolf Haas: Rotlicht, Russinnen und Radikaltätowierte

Autor Wolf Haas hat seinen Brenner für einen achten Roman ins Rennen geschickt
Autor Wolf Haas hat seinen Brenner für einen achten Roman ins Rennen geschickt ©APA / Hoffmann & Campe
Totgesagte leben bekanntlich länger – das gilt auch für Simon Brenner, den grundsympathischen Anti-Helden, der Wolf Haas, seine ungewöhnlichen Krimis und sein unverwechselbares Idiom berühmt gemacht hat. VIENNA.at hat den neuen Roman "Brennerova" für Sie gelesen.
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Dass Wolf Haas “Brennerova” geschrieben hat, ist eine schöne Überraschung – eigentlich hätte das siebte Brenner-Buch „Der Brenner und der liebe Gott“ der letzte Auftritt des kultigen Schnüfflers sein sollen, der für viele Fans nach den drei (bald vier) erfolgreichen Verfilmungen der Romane eindeutig die Züge von Josef Hader trägt. Doch scheint der in Wien lebende Autor Haas von dem schrulligen Ex-Kripo-Kieberer und Ex-Privatdetektiv doch nicht so recht loszukommen. Jetzt ist nämlich doch schon wieder was passiert.

Brenner in Liebes- und Heiratsnöten

Und nicht dass du glaubst, einfache Geschichte. Der Brenner lässt nämlich im aktuellen Haas-Krimi „Brennerova“ so gut wie gar nichts aus und ist wenn schon nicht Hahn im Korb, so doch irgendwo, dass du sagst: Frauenheld. Angefangen hat alles damit, dass er sich als „Nikolaus“ im Internet auf die Suche nach schönen heiratswilligen Russinnen macht.

Weitergegangen ist es aber dann damit, dass er die Herta wiedertrifft, die er schon gekannt hat. Und unter was für Umständen, Nahtoderfahrung nix dagegen. Da ist es dann kein Wunder, dass man sich wieder näher kommt, wenn man der vom Dach fallenden Brennschere aus der Landebahn und dem Tod damit quasi gemeinsam noch schnell von der Schaufel gehupft ist.

Folgenreiche Russland-Reise in “Brennerova”

Aber interessant: Dass sich der Brenner, obwohl es mit der Herta so gut läuft, dann doch vornimmt, einer schönen Russin auf ihre Schmähs zwar nicht hereinzufallen, ihr aber trotzdem nach Nischni Nowgorod nachzufahren, ist das Eine. Was ihm dann aber an der Wolga passiert, wo es auf einmal gegen Leib und Leben geht und er sich von einem Kind ausgetrickst, abgestiert und reichlich ramponiert wiederfindet, ist dann schon wieder eine ganz andere Geschichte.

Dass es bzw. er bei der schönen Nadeshda dann aber nicht bleibt, sondern die ihn als alten „Frauentränen-Umfaller“ erst hineintheatert, sich doch auf die Suche nach ihrer  verschwundenen, in Wien vermuteten Schwester Serafima zu machen, das steht dann schon auf einem ganz anderen Blatt. Und wie sich der Brenner dann plötzlich mit einem Ring am Finger wiederfindet, der ihn an eine der drei Frauen bindet, die dadurch zur “Brennerova” wird, aber andererseits fürchten muss, dass er dafür bald ohne Hände dasteht – frage nicht.

Wolf Haas zieht im Roman alle Register

Haas braucht sich in „Brennerova“ wirklich nicht nachsagen lassen, dass er über mangelndes Fabuliertalent verfügen würde. Die Wendungen und Perspektivenwechsel, auf die sein allwissender Erzähler mit dem unverwechselbaren, verschwörerischen Tonfall einen mitnimmt, machen die Brenner-Krimis auch für all jene Lesenden zur Pflichtlektüre, die mit Krimis nichts anfangen können und denen es vollkommen egal ist, wer hinter was steckt.

Spannend und voller Überraschungen: “Brennerova”

Eines sind die Haaschen Brenner-Krimis nämlich mit Sicherheit niemals: vorhersehbar. Ein Cliffhanger jagt den nächsten, und vom russischen Heiratsschwindlerinnen-Milieu in den Wiener Rotlicht-Untergrund bis unter die Tätowierer mit Immobilien-Connections ist es in “Brennerova” nur ein kurzer Schritt. Plötzlich hast du es mit abgehackten Händen zu tun, die im OP nur mit Mühe wieder dem Richtigen angenäht werden können, oder befindest dich auf einem schamanistischen Selbstfindungstrip in der Mongolei, bei dem sich zu deinem Krafttier der Entführer hinzugesellt, wodurch du dem Stockholm-Syndrom dann auch nicht mehr gut auskommst – absurde Verwicklungen Hilfsausdruck.

Kultiger Erzähler bei Wolf Haas

Glaubwürdig mag der neue Brenner nicht durchwegs sein – spannend, witzig und unterhaltsam ist er allemal. Zu verdanken hat er dies nicht zuletzt dem immer wieder genialen, einen bestrickenden Sog entwickelnden Verschwörerton seines namenlosen Erzählers, der dem geneigten Leser schon während der vorhergegangenen sieben Brenner-Romane ans Herz gewachsen ist. Dieser scheint die Welt und die Menschen in ihr so gut zu verstehen, dass es einem am Ende von “Brennerova” vorkommt, als ob man mit einem lange nicht getroffenen guten Bekannten endlich einmal wieder auf einen Kaffee gegangen ist, wobei einem der das Neueste vom Brenner erzählt hat.

Dass Haas dabei also auf Bewährtes setzt, und für seinen sprachverliebten Duktus die Krimihandlung in “Brennerova” hintanstehen lässt, wird man ihm kaum vorwerfen – gibt er seinen treuen Fans doch einfach mehr davon, was sie am Brenner schon seit „Auferstehung der Toten“ lieben und schätzen. Jetzt pass auf, was ich dir sage: “Brennerova” lesen!

Wolf Haas: Brennerova. Roman, 240 Seiten, gebunden. ISBN: 978-3-455-81329-6, Hoffmann Und Campe, 2014. Preis: 20,60 €

(DHE)

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