"Alte Tante" NZZ wird 225

Feste feiern ist bei den nüchternen und sparsamen Eidgenossen eher verpönt. Eine Ausnahme von der Regel macht jetzt die international renommierte "Neue Zürcher Zeitung".

Sie hat beschlossen, ihren 225. Geburtstag bis zum 18. Jänner mit diversen Veranstaltungen und zahlreichen Sonderbeilagen zu begehen. In einem riesigen Festzelt auf der Sechseläutenwiese nahe dem altehrwürdigen Redaktionsgebäudes können die Besucher „das Phänomen NZZ erleben“ und an verschiedenen Podiumsdiskussionen teilnehmen. Am Freitagabend nahm auch Bundeskanzler Wolfgang Schüssel an einer solchen außenpolitischen Diskussion teil.

An Selbstbewusstsein fehlt es dem Weltblatt aus der kleinen Alpenrepublik jedenfalls nicht, dem gegenüber die österreichische Presselandschaft nichts vergleichbares aufzuweisen hat. Auf der Zeltwand preist sich die Zeitung selber als „Zukunftswerkstatt“, „Gedächtnis„und „Think Tank“ an. Der große Aufwand zum Geburtstag, der eigentlich kein runder ist, ist wohl als Werbung in eigener Sache zu verstehen, auch wenn sich die Zeitung weder im In- noch Ausland vorstellen muss. Die NZZ will damit ihre traditionellen Stärken unterstreichen, aber auch ihre Verjüngungskur der letzten Jahre vorstellen, um vom Image der „Alten Tante“ loszukommen und neue Leserkreise hinzuzugewinnen. Ihren Auftrag formulierte Chefredakteur Hugo Bütler in seiner Festansprache so: Die Zeitung verstehe sich als „Medium im Dienste der öffentlichen Sache – des Staates als Gesamtheit aller freien Bürger, die sich für die freiheitliche Gestaltung des Politischen engagieren.“

Das neue Jahrtausend fing für die NZZ wegen der allgemeinen schlechten Wirtschaftslage alles andere als verheißungsvoll an. In ihrer Jubiläumsausgabe schreibt die Zeitung von einem „brutalen Absturz“. Die Einnahmen aus dem Anzeigenverkauf, die rund zwei Drittel des Umsatzes einer Zeitung ausmachen, fielen zwischen 2000 und 2003 um 45 Prozent oder mehr als 65 Mio. Schweizer Franken (42,0 Mio. Euro), dazu kamen hohe Wertschriftenverluste an der Börse und teure Investitionen für eine neue Druckerei sowie den Aufbau einer Online-Redaktion und einer Sonntagszeitung. Bei einer Auflage von etwa 160.000 Exemplaren und über 300.000 regelmäßigen Lesern war das zweifellos ein Aderlass. Entgegen ihren Gepflogenheiten entließ die Zeitung im vergangenen Jahr einige Dutzend Mitarbeiter, darunter sogar Redakteure. Die Zeitung ist als Aktiengesellschaft organisiert, die Aktionäre sind vorwiegend Mitglieder des Zürcher Establishments. Das Erfolgsrezept der rechtsliberalen und wirtschaftsfreundlichen NZZ lautet „Qualität.“ Und Qualität heißt vor allem ein weltumspannendes Netz kompetenter Korrespondenten, die sachlich und so objektiv wie möglich zu berichten versuchen. Eine gute Voraussetzung dafür ist natürlich auch, dass die Schweiz nach wie vor politisch ein Außenseiterdasein in Europa führt, da sie weder der EU noch der NATO angehört.

Eine Schwäche hat das Blatt nur für republikanische US-Präsidenten, mögen sie Reagan oder Bush heißen. Ihnen wird zumindest in den Kommentaren viel nachgesehen, selbst der Irak-Krieg wurde nur sehr vorsichtig kritisiert. Hebt die Zeitung gegenüber der eigenen Regierung gelegentlich kritisch den Zeigefinger, „müssen wir sofort eine Krisensitzung einberufen“, witzelte der frühere Staatssekretär Franz Blankart einmal während der schwierigen schweizerischen EWR-Verhandlungen mit Brüssel. Spricht die sicher keiner Linkslastigkeit verdächtige NZZ von „demokratiepolitischen Schatten“ der schwarz-blauen Regierung in Wien bezüglich Gängelung der Presse und Postenschacher, wie erst kürzlich, so sollte selbst in Österreich Alarm angesagt sein.

Trotz der bewährten Erfolgsrezepte ist auch die NZZ nicht darum herumgekommen, Neuerungen einzuführen. Zwar hält sie dem Druck zur Boulevardisierung und zum journalistischen Kurzfutter stand. Kleinere Zugeständnisse an eine neue und jüngere Leserschaft hat sie dennoch gemacht. Die Scheu vor dem Farbbild im politischen Berichtsteil ist geschwunden, zwei flottgeschriebene neue Kolumnen „Herausgegriffen“ und „Aufgefallen“ lockern die sonst eher trockene, hintergründige und seriöse Berichterstattung auf.

Dem abgewandelten Spruch „Es gibt nichts Älteres als die Zeitung von heute“ folgend, bietet die NZZ seit einigen Jahren auch eine Online-Ausgabe an. Die Internetplattform verzeichnet rund 3,7 Millionen Besuche im Monat. Außerdem betreibt die NZZ einen eigenen TV-Kanal. Ist die 1780 gegründete Zeitung heute auch nicht mehr „neu“, so hat sie sich doch den Neuheiten des elektronischen Zeitalters nicht verschlossen.

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