„Die Kernseife unter den deutschen Soaps“

2000 Mal „Marienhof“: Auch nach zehn Jahren weist die Serie immer noch einen durchschnittlicher Marktanteil von 17,5 Prozent in Deutschland auf.

Eines der bekanntesten Kölner Viertel steht in München. Seit zehn Jahren wird im Fernsehstadtteil „Marienhof“ gelitten und geheult, geliebt, geboren und gestorben. Im alltäglichen Wahnsinn der ARD-Soap, der Tag für Tag auf dem Bavaria Filmgelände neue Wendungen erhält, mischen auch Prominente immer wieder gerne mit. In der 2000. Folge, die am kommenden Donnerstag (26. September) um 18.25 Uhr zu sehen ist, spielt ARD-Allroundmoderator Jörg Pilawa die Glücksfee.

Zum Countdown des Jubiläums-Glücksspiels taucht er als Lieferant getarnt in der Werkstatt des kölschen Originals Frank Töppers auf. Der kantige Installateur mit dem unverkennbaren Zungenschlag gehört wie die Familie Busch, die Schwestern Billi und Lucy oder Frauenschwarm Carlos zum harten Kern der langlebigen Seifenoper.

Familien, Singles, Geschäftsleute: Wer im „Marienhof“ wohnt, der hat schwere Schicksalsschläge hinter sich – und ebenso sicher vor sich. Ob Aids oder Alkohol, Eifersucht, Krankheit oder Missbrauch, es gibt kaum ein Thema, das die zwanzig Drehbuchautoren noch nicht aufgegriffen haben. Dies bei einem durchschnittlichen Marktanteil von 17,5 Prozent auch nach zehn Jahren noch mit Erfolg.

Scheidung, finanzielle Tiefschläge und eine Feuersbrunst waren im Skript nötig, um Darstellerin Berrit Arnold in den Schoß der „Marienhöfler“ zurückzuführen. Seit 1994, als die Serie von zweimal wöchentlich auf täglich umgestellt wurde, war sie als „Lenchen“ an Töppers Seite. Mit einer Frau brannte sie durch nach Düsseldorf. Nach gut zwei Jahren Auszeit mit Episodenrollen und einem Ausflug in die Moderation bei RTL II ist die Darstellerin aus Erfurt wieder im Team und wird als Annalena derzeit von einem eigenbrötlerischen Supermarktbesitzer umschwärmt.

„Meine Rolle hatte sich ein bisschen tot gelaufen“, erklärt Arnold die Pause. „Jetzt sind wieder ganz neue Entwicklungen möglich.“ Der frische Wind, den der Produzentenwechsel im vergangenen Jahr ins Konzept gebracht habe, und die Sicherheit eines festen Jobs haben sie zur Rückkehr bewogen. „Inzwischen ist so viel passiert – es war fast eine neue Serie für mich.“ Als Schauspielerin schätzt sie die forcierten Drehbedingungen. Jeden Tag wird in den 40 verschiedenen Räumen der insgesamt 18 Wohn- und Geschäftshäuser auf dem Münchner Filmgelände eine komplette Folge abgedreht. „Ein gutes Training, denn man kommt wahnsinnig schnell auf den Punkt.“

In einer Programmwoche werden die Soap-Figuren von mehr Schicksalsschlägen gebeutelt als eine ganze Kleinstadt, wie die „Frankfurter Rundschau“ vor zwei Jahren urteilte. Genau das sei die Stärke dieses Formats, sagt BR-Redakteurin Stephanie Heckner, Leiterin der Redaktion Serien im Vorabendprogramm. „Die Soap erneuert sich ständig, durch neue Geschichten und neue Charaktere.“

Doch auch tägliche Fernsehserien sind nicht krisensicher. Konkurrenten wie „Jede Menge Leben“ (ZDF), „Mallorca“ (ProSieben) oder „Geliebte Schwestern“ (SAT.1) waren Flops. Gegenwärtig laufen im deutschen TV vier „Dailys“: „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, „Unter uns“ (beide RTL), sowie „Verbotene Liebe“ und „Marienhof“ bei der ARD. Marienhof ist die Kernseife unter den deutschen Soaps“, meint Heckner. Eine „Welt um die Ecke“, die bei den Zuschauern als „echt und ehrlich“ wahrgenommen werde. Bei der für die Werbung wichtigen Gruppe der 14- bis 49-Jährigen übertrumpft das Programm sogar den Erfolg der hauseigenen Produktion „Verbotene Liebe“, die eher auf Glamour setzt.

Die Fangemeinde ist überwiegend jung und weiblich. Jede dritte Frau unter den Zuschauern verfolgt nach Angaben des BR allabendlich die Schicksale der „Marienhöfler“. Kims Liebeskummer oder Frederiks Glasknochenkrankheit wecken nicht nur Mitgefühl oder sorgen für Entspannung nach dem Abendessen: Eine „sozial-kommunikative Funktion“ schreibt das Monheimer-Institut, das die Soap im Auftrag des „Ersten“ untersucht hat, der Familienserie zu. Die neuesten Entwicklungen und Trends im „Marienhof“ schaffen laut Studie leichter Kontakt; nicht nur unter Freunden und Bekannten, sondern auch zu Dritten.

Für interaktiven Gesprächsstoff werden die Verwicklungen und Alltagsdramen aus dem Kölner Viertel auch künftig sorgen. Erst im April 2002 ist die nagelneue, auf 4500 Quadratmeter ausgeweitete Außenkulisse bezogen worden, mit der die ARD kräftig in die Zukunft des „Marienhofs“ investiert.

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