Zwischen Underground und Ballermann: Das Wiener Chelsea feiert 30. Geburtstag

Chelsea: Eine Institution wird 30
Chelsea: Eine Institution wird 30 - © APA/HELMUT FOHRINGER
Ein Urgestein der Live-Clubszene wird endgültig erwachsen: Das Wiener Chelsea begeht demnächst seinen 30. Geburtstag. Konzerte und DJ-Partys ziehen immer noch, allerdings beäugt man die Drogenszene entlang der U6 kritisch, wie Gründer und Immer-noch-Chef Othmar Bajlicz im APA-Interview einräumte.

Jammern will der Chelsea-Chef im Vorfeld des 30ers nicht. Im Gegenteil: Zwischen 25. und 27. Mai gibt es “drei Tage Ramba Zamba” mit kostenlosen Gigs u.a. von Freud, den Sex Jams, Dawa oder den langjährigen Wegbegleitern Christoph & Lollo. Zwei der drei Festtage sollen als Open Air stattfinden, das Genehmigungsverfahren läuft noch.

Das Chelsea wird 30: Vom Keller zur Bühne

Begonnen hat die Geschichte der Weggeh-Institution nicht im Mai, sondern im April 1986. Damals sperrte der heute 63-jährige Bajlicz das Ur-Chelsea in der Piaristengasse 1 auf. Ebenerdig gab es eine Bar, den Keller baute man zur Bühnenlocation aus. “Ich war schon immer – seit meiner frühesten Jugend – ein Musikbegeisterter, Plattensammler, Konzertbesucher und habe quasi ein Fan-Dasein umgemünzt in etwas Produktives”, erinnert sich der Chef.

Eine Pioniertat gewissermaßen: “So etwas, wo täglich Bands auftreten oder DJs auflegen, hat es vorher in Wien nicht gegeben.”

Der erste Live-Auftritt im Chelsea

Man spielte Punk-Rock, Rock, New Wave und Gothic. “Es war das Gegenteil von einer Mainstream-Unterhaltung – eine reine Underground-Szene”. An den ersten Live-Auftritt kann sich Bajlicz noch gut erinnern: “Das war The Key, ein in Wien lebender Schotte, der noch immer Musik macht.” Konzert Nummer zwei bestritten Die Lolitas, eine Berliner Rockcombo rund um die spätere Stereo Total-Hälfte Francoise Cactus.

Lang ging die Paarung Wohnhausanlage und hoher Dezibel-Output nicht gut. “Wir waren viel zu laut, es gab jahrelang Anrainerbeschwerden”, wobei es im alten Chelsea trotz mancher Exzesse niemals Rowdytum gegeben habe, betont Bajlicz. Trotzdem: 1994 war Schluss in der Piaristengasse.

Die Anfänge in der Rotlichtgegend

Ziemlich zeitgleich hatte die Stadt die Revitalisierung der damals leer stehenden Gürtelbögen unter der früheren Stadtbahn- und jetzigen U6-Trasse in Angriff genommen. Die damit beauftragte Architektin habe ihn kontaktiert und über die Möglichkeiten, Räumlichkeiten anzumieten, informiert.

Damit war das Chelsea das erste von heute zahlreichen Gürtellokalen – damals offenbar nicht zum Jubel aller: “Die Wiener Linien waren nicht begeistert. Die haben uns nicht zugetraut, dass das funktioniert. Das war ja eine Rotlichtgegend, da sind die Nutten auf dem Gehsteig gestanden. Aber für uns war wichtig, dass wir keine unmittelbaren Nachbarn haben, dass wir Lärm machen können”, erinnert sich Bajlicz.

Vom Underground-Nimbus zur Massentauglichkeit

Tatsächlich habe auch der neue Standort von Anfang an funktioniert – nicht zuletzt deshalb, weil Bajlicz, in jungen Jahren selbst Profifußballer u.a. bei Wacker Innsbruck und SC Eisenstadt, angefangen hatte, Fußballspiele zu übertragen. Im Lauf der Jahre hat sich der Underground-Nimbus etwas in Richtung Massentauglichkeit verflüchtigt, dank der großen DJ-Partys an den Wochenenden musste sich der Wirt zuweilen kommerzielle Programmierung vorwerfen lassen.

Szenemäßig immer noch vorn dabei

“Wir sind ein Mittelding geworden”, meint der Chef: “Wir sind musikalisch immer noch total verbunden mit der Indie-Rock-Szene, wir haben nie viele Experimente in Richtung Elektronik oder House gemacht.” Im eigenen Bereich sei man szenemäßig immer noch vorn dabei.

Gegen die Zuschreibung “Indie-Ballermann” hat Bajlicz per se nichts einzuwenden, “wenn gute Musik dahinter steht. Wenn man z.B. einen Hit von Placebo spielt, kann das natürlich auch Ballermann-Stimmung erzeugen, wenn man betrunken ist, aber das Lied bleibt ja gut.”

Bandraub von der Nachbarschaft

Überhaupt habe die Lokalnachbarschaft – von B72 bis Rhiz – inzwischen das Chelsea-Konzept kopiert. “Ich will ja die Kollegen nicht dissen, aber manchmal denk ich mir schon: Hoppla, die Band hätte eigentlich zu uns gehört. Die schnappen uns die weg.” Aber verfeindet sei man deswegen nicht, versichert er.

Die Manic Street Preachers im Chelsea?

Unterm Strich hat Bajlicz in den vergangenen Jahren rund 4.000 Konzerte veranstaltet, sagt er: “Wir sind gerade dabei, eine genaue Liste zu machen.” Die Palette reicht von Soundgarden bis zu den Toten Hosen, von The Gossip bis zu Bilderbuch. Unabhängig von Gage und Verfügbarkeit: Welche Bands würde der Lokalbetreiber am liebsten auf seiner Bühne sehen? “Die Manic Street Preachers, Jake Bugg und The Stranglers.”

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