Zum Kinostart von “Logan”: Interview mit Hugh Jackman

Hugh Jackman im Interview zu "Logan"
Hugh Jackman im Interview zu "Logan" - © Centfox
Ganze 17 Jahre ist es her, seitdem Hugh Jackman erstmals als Comicheld Wolverine auf der großen Leinwand zu sehen war. Nun kehrt er in “Logan – The Wolverine” (vermeintlich) ein letztes Mal in seiner Rolle zurück.

Im Interview erzählt der 48-jährige Australier von den politischen Untertönen des neuen Films und seinem Selbstbewusstsein, welches durch die Erfahrung gestärkt wurde.

Rund um die Weltpremiere bei der Berlinale haben Sie betont, dass für Sie mit “Logan” viel am Spiel steht. Was denn?

Hugh Jackman: Ich verkörpere diese Figur seit 17 Jahren und wusste, dass es das letzte Mal sein wird. Es ist damit zu vergleichen, wenn man 17 Jahre lang Fußball spielt und dann eben gewinnen will, wenn man im WM-Finale steht. Jede Kleinigkeit gewinnt an Bedeutung. Ich hatte das Gefühl, dass wir bisher noch nicht zum Kern dieser Figur vorgestoßen sind. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin stolz auf die Filme und auf meine Darstellungen. Aber ich wusste, dass man noch mehr rausholen kann und sowohl der Film als auch die Figur mehr zu sagen haben – über das Leben, über die Gesellschaft. Und das alles wollte ich in einem Film rüberbringen, wissend, dass ich nur diese eine Chance habe.

Hatten Sie Mitspracherecht beim Drehbuch?

Ja, sehr viel. Ich will es nicht überbewerten, ich habe das Drehbuch nicht geschrieben – es gibt so viele geniale Zeilen, die ich mir nie ausdenken könnte. Aber es gab ein paar Ideen, die ich schon vor zwei Jahren in einer Sprachnotiz aufgenommen und Jim (Regisseur und Drehbuchautor James Mangold, Anm.) geschickt habe. Ich habe “Erbarmungslos” und “The Wrestler” aufgebracht, er sprach von “Mein großer Freund Shane” und “Little Miss Sunshine” – wir haben Filmreferenzen genannt und über Tonalität und mögliche Locations gesprochen. Und ich war eine ziemliche Nervensäge, weil ich einiges hinterfragt habe. Die Figur der Laura etwa hat mich nervös gemacht: Sie ist nicht nur ein Mini-Wolverine – das ist eine Figur, die die ersten 90 Minuten nicht spricht. Welche Elfjährige bekommt das hin? Ihre (Dafne Keen, Anm.) Performance ist nicht von dieser Welt.

Die Welt war vor 17 Jahren, als die Wolverine-Saga im Kino begonnen hat, eine andere. Spiegelt “Logan” wieder, wie sehr sie sich – zum schlechteren – verändert hat?

Die besten Filme spiegeln Verschiebungen in unserer Gesellschaft wieder. In gewisser Weise ist “Logan” ein sehr kleiner Film – es gibt nur sechs Charaktere. Aber darunter liegt ein Gefühl von Isolierung, von Abschottung und Angst vor den Anderen. All das entstammt zwar dem “X-Men”-Universum. Aber wir heben es hier auf eine neue Ebene. Menschen glauben, wir haben die Mauer (an der Grenze von den USA zu Mexiko, Anm.) nach den Vorwahlen ins Drehbuch eingebaut, aber das stand schon lange davor fest.

Ich war schockiert, als wir entlang dieser Mauer gedreht haben und die Kinder “USA! USA!” geschrien haben. Das war ein starkes Zeichen dafür, dass (die Drehbuchautoren) Jim und Scott Frank den Zeitgeist erfasst haben. Ich hoffe, dass der Film Menschen zum Nachdenken anregt – über Gewalt, über Wissenschaft, die der ethischen Diskussion über Genetik weit voraus ist. Wir sind Maschinen, die ihre eigene Konstruktion verstehen und sie verändern können – aber niemand spricht darüber. Das korreliert mit Fragen, denen sich Wolverine stellen muss: Wer bin ich? Was ist mein Leben? Was macht mich menschlich, was zum Superhelden?

Im Film sieht sich Wolverine einer aus seiner DNA herangezüchteten, jüngeren, “bösen” Version seiner selbst – “X-24” – im Kampf gegenüber. Welche Verjüngungstricks wurden da angewandt? Und: Haben Sie Angst, dass man bei der aktuellen Technologie eines Tages Wolverine-Filme ohne Ihr Zutun drehen könnte?

Der Gedanke ist mir tatsächlich schon gekommen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Scans ich schon für diverse Dinge machen musste. (lacht) Zum jüngeren Wolverine: Wir haben lange gebraucht, um eine andere Sprache für ihn zu entwickeln. Das war eine weitere von Jims Ideen, die mich anfangs nervös gemacht haben – die Idee, den Kampf gegen die eigenen Dämonen zu verbildlichen. X-24 verkörpert Wut, Zerstörung und Gewalt, frei von Gewissen und Überlegung. Das ist jene Seite an Wolverine, die ihm Angst macht, die er die letzten Jahre unterdrückt hat und die er reaktivieren muss.

Ich habe beide Rollen gespielt, bin jeweils tageweise in die eine Figur geschlüpft und ein Double hat die andere ersetzt, damit wir kämpfen konnten. Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Ich wollte, dass die beiden sich körperlich unterscheiden, daher habe ich vor meinen Szenen als X-24 Liegestütze gemacht, damit sein Bizeps größer wirkt. Wegen meiner Hautkrebs-Fälle habe ich einige Narben auf der Nase, die eigentlich ganz gut zu Wolverine passen; X-24 aber sollte ein wenig animalischer aussehen, deshalb habe ich eine Nasenprothese getragen, ein bisschen Neandertaler-mäßig.

Sie mussten für jedem Film als Wolverine stets ein striktes Trainingsprogramm absolvieren. Wie fühlt es sich an, das nun hinter sich zu lassen?

Es waren tolle neun Monate (lacht). Die Dreharbeiten sind die eine Sache, das lange Vorbereiten das andere. Es ist menschlich schwierig, sechs Monate lang kein Bier trinken zu dürfen. Nicht dauernd darüber nachdenken zu müssen, was geht und was nicht, ist toll. Vergangenen Abend war ich in einem tollen Restaurant, in dem es Bier und Schnitzel en masse gab. Und ich dachte mir: Ja, ich darf das!

Die Rolle des Wolverine brachte Ihnen im Jahr 2000 den internationalen Durchbruch – und sie war eine Basis, zu der Sie zwischen vielen verschiedenen Projekten zurückgekehrt sind. Ist es bittersüß, sich von einem so prägenden Abschnitt Ihrer Karriere zu verabschieden?

Es ist nichts bitter daran, aber eine Süße, vielleicht ein wenig Melancholie und Traurigkeit schwingen mit. Auch, weil ich das Gefühl habe, dass ich diese Figur stärker als jede andere in mir gespürt habe, mein Kopf und mein Herz stecken in diesem Film. Wenn ich “Logan” sehe, liebe ich diese Figur mehr als je zuvor. Das macht traurig – auch wegen der Menschen, mit denen ich über so lange Zeit gearbeitet habe. Aber ich finde es auch aufregend, nicht zu wissen, was als nächstes passiert. Das lässt wahrscheinlich nach, wenn ich in einem Jahr arbeitslos bin. (lacht) Derzeit drehe ich ein Filmmusical unter dem Titel “The Greatest Showman” – das absolute Gegenteil, ein Familienfilm. Ich weiß nicht, was danach kommt. Aber ich bin offen für alles.

Obwohl Sie vom Musical kommen, hat man Sie – mit Ausnahme von “Les Miserables” 2012 – zuletzt seltener in einem Filmmusical gesehen. Woher kommt das?

Sie sind so schwierig zu realisieren. Aber ich bin auf Bühnen gestanden, hatte eine One-Man-Show vor zwei Jahren am Broadway und habe eine Tournee durch Arenen in Australien hinter mir. Es hat sieben Jahre gedauert, bis wir für “The Greatest Showman” grünes Licht bekommen haben.

Kann der Erfolgslauf von “La La Land” da helfen?

Es hilft immens! Es führt mehr Leute an die Idee heran. Zu lange waren zu viele in Hollywood davon überzeugt, dass ein Großteil des Publikums niemals Musicals sehen will. Und dann kommt etwas, das erst nicht nach Erfolg riecht, und voll einschlägt.

Logan” ist – für Superheldenfilme unüblich – aufgrund seiner expliziten Gewaltdarstellungen in den USA erst ab 17 Jahren freigegeben. Hat hier auch der Erfolg von “Deadpool” den Weg geebnet?

Ich habe mir bei “Logan” nie Gedanken über die Altersfreigabe gemacht. Wir sind nur mit dem Ziel hineingegangen, den Wolverine-Film zu machen, den wir uns vorstellen. Fans haben mir seit 17 Jahren erzählt, was ihnen fehlt – und mein Instinkt sagt mir, dass sie diese Version wirklich mögen werden. Auch bei “Erbarmungslos” geht es nicht um überbordende, sondern um erschütternde Gewalt. “Logan” ist ein Film für Erwachsene, nicht für Elfjährige. Damit meine ich nicht nur die Gore-Elemente, sondern auch die Art und Weise, wie über Gewalt gesprochen wird. Wenn Logan Laura sagt, dass sie mit den Tötungen leben muss – und dass es einerlei ist, ob sie gute oder böse Menschen umgebracht hat – ist das etwas, das Kinder nicht erfassen können.

“Deadpool” ist gut für Filme im Allgemeinen. Weil es ein verdammt großartiger Film ist, der clever, lustig, subversiv und gewagt ist. Ich habe selten zuvor so viel gelacht wie bei diesem Film. Ob nun im Superhelden-Genre oder woanders: Wenn man das Publikum nicht überrascht, es nicht auf eine Fahrt mitnimmt, die es nicht erwartet, dann sind unsere Tage gezählt. Es gibt einfach zu viel Konkurrenz für die Augen, gerade aktuell im Fernsehen. Man muss das den Produzenten von Fox zugutehalten: Als sie “Deadpool” grünes Licht gegeben haben, konnten sie nicht ahnen, wie erfolgreich es werden würde. Aber sie wussten: Wir müssen etwas verändern, müssen gewagtere Filme machen und dürfen nicht nur Genre-Klischees bedienen.

Die brutalsten Superheldenfilme waren bisher schwarze Komödien, wie “Deadpool” oder “Kick-Ass”. Dieser Film nun ist todernst – wodurch man auch eher das Gefühl hat, dass etwas am Spiel steht.

Wir wollten einen emotionalen Film machen. Logan wirkt emotional abgerüstet, weil er ganz offensichtlich panische Angst vor Intimität hat. Das ist ein Mann, der jeden, den er kannte oder liebte, verloren hat. Und er war an vielen dieser Tode beteiligt. Wie muss es sein, eine Waffe, eine zerstörerische Kraft zu sein, und dennoch ein normales Leben zu führen? Wie dient man im Irak und kommt dann hierher zurück und lebt sein Leben? Man zahlt immer einen Preis. Wir wollten nicht, dass er dieser schlecht gelaunte Kerl ist, der Zigarren raucht, ein paar Biere kippt und Leuten sagt, sie sollen abhauen. Wir wollten das wirklich ergründen. Auch die Beziehung zu dieser Vaterfigur (Charles Xavier, Anm.) und die Frustration, einen Menschen Tag für Tag zu pflegen.

Hat sich Ihre Art, an Rollen und Filme heranzugehen, seit dem ersten “X-Men”-Film 2000 geändert?

Absolut. Ich bin in dieses Meeting mit Fox gegangen und habe gesagt: Hier ist die Grenze, die ich ziehe. Ihr stimmt mir vielleicht nicht zu, aber das ist der einzige Film, den ich machen will. Sonst bin ich draußen. Ich habe nicht geblufft, es ging mir nicht darum, sie zu manipulieren – das sind Freunde von mir. Ich habe ausgesprochen, wovon ich tief in mir drin überzeugt bin. Vor fünf Jahren hätte ich vielleicht noch nicht den Mut oder die Kraft gehabt, das zu sagen. Aber jetzt schon. Das ist ein tolles Gefühl. 95 Prozent jener Sprachnotiz, die ich vor zwei Jahren um vier Uhr morgens aufgenommen habe, sehe ich jetzt auf der Leinwand. Darauf bin ich stolz – dass Jim und ich das, was wir uns ausgemalt haben, wirklich kreiert haben.

(Die Fragen stellte u.a. Angelika Prawda/APA / Red.)

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