“Ziemlicher Müll”: Kritik am neuen Formel-1-Qualifikationsmodus

Quali-Frust in der Formel 1.
Quali-Frust in der Formel 1. - © APA
Die ohnehin schon waidwunde Formel 1 hat sich wie befürchtet gleich zum Saisonauftakt ins Knie geschossen. Die neue K.o.-Qualifikation brachte zwar mit Lewis Hamilton vor Nico Rosberg das erwartete Mercedes-Double in Reihe eins, geriet im Finish aber zur Farce ohne Auto auf der Strecke. “Sofort wieder ändern”, forderte Niki Lauda, Christian Horner von Red Bull entschuldigte sich bei den Fans.

Der Flop von Melbourne war ein Fauxpas mit Anlauf. Denn schon im Vorfeld war das neue Knockout-Format, mit dem man eine Durchmischung des Starterfeldes sowie ein finales Duell um die Pole Position erreichen wollte, kritisiert worden. Es kam dann am Samstag in Melbourne, wie es befürchtet worden war.

Kein Auto statt Hochspannung

Verliefen die ersten zwei Qualifikationsabschnitte noch relativ unaufgeregt und wegen anfangs fehlender Countdown-Uhren unübersichtlich, drehten auch im Q3 die meisten Piloten vorzeitig ab. Entweder weil sie keine Chance auf Verbesserung sahen oder wie der am Ende drittplatzierte Ferrari-Pilot Sebastian Vettel Reifen schonen wollten.

Statt Hochspannung war in den letzten vier Minuten deshalb kein Auto mehr auf der Piste. Die Zuschauer auf den Tribünen waren verwirrt, selbst in der Boxengasse herrschte Durcheinander. Vettel ging zu Fuß zur Pressekonferenz, weil er nicht mit einem Mercedes mitfahren wollte.

Lauda: “Einfach Wahnsinn”

“Das einzig Gute heute ist, dass Mercedes in der ersten Reihe steht. Der Rest war einfach nur Wahnsinn”, sah sich Lauda in seiner Vorab-Kritik bestätigt. “So etwas hat noch keiner geschafft”, schüttelte der dreifache Weltmeister den Kopf. “Wir bitten am Sonntag die Teamchefs zu uns, um zu versuchen, dieses Reglement noch vor Bahrain sofort wieder zurück zu ändern. Wenn man einen so blöden Fehler macht, muss man ihn sofort korrigieren.”

In der Tat hatte das neue und nicht sehr durchdachte System es nicht einmal geschafft, eine Überraschung zu produzieren. Dass Daniil Kwjat schon in Q1 scheiterte, nahm Red-Bull-Motorsportdirektor Helmut Marko auf die Kappe des Teams. “Unser Fehler, wir waren um Sekunden zu spät dran”, erklärte der Österreicher.

In den Top-Acht blieben die erhofften Sensationen aus. Weltmeister Hamilton schaffte seine bereits 50. Pole Position problemlos, weil Rosberg einen Fehler einbaute und beim letzten Versuch nicht schnell genug war. So war auch dieses “Duell” lediglich ein Schattenboxen ohne Entscheidungsrunde.

Als nach fast vier aktionslosen Schlussminuten die karierte Flagge über einer leeren Strecke geschwenkt wurde, war Vettel schon umgezogen für den verfrühten Feierabend. “Ich habe erwartet, dass es so kommt. Trotzdem war es komisch, am Ende nicht mehr draußen zu sein, wenn die Strecke eigentlich besser ist”, sagte der Deutsche nach der Qualifikations-Posse.

Vettel ist aber überzeugt, Mercedes am Sonntag fordern zu können. “Wir sind näher dran, und es ergeben sich im Rennen immer Chancen, auf die werden wir lauern”, sagte der 28-Jährige. “Das Rennen ist lang, das Jahr ist lang”, betonte der Ferrari-Pilot.

Hamilton und Rosberg dürften aber noch etwas im Köcher haben, beide “verneigten” sich vor allem vor dem neuen Silberpfeil. “Es ist nicht selbstverständlich, dass man als überlegenes Team nicht satt wird, sondern im dritten Jahr ein noch besseres Auto baut”, erklärte Rosberg, dass auch der aktuelle Bolide ein Kracher ist.

“Haben immer gesagt, dass das nicht der richtige Weg ist”

In dieselbe Kerbe hieb Hamilton. “Hut ab. Was sie getan haben, um das Auto nochmals zu verbessern, das motiviert mich. Da waren richtig sexy Runden dabei”, jubelte der 31-Jährige. Zur Quali meinte er: “Wir haben immer gesagt, dass das nicht der richtige Weg ist.”

Für den Titelverteidiger war es nicht nur die insgesamt 50. Pole (nur er, Ayrton Senna und Michael Schumacher haben 50 und mehr), sondern auch bereits die fünfte in Melbourne, wo er 2008 und 2015 gewonnen hat und in beiden Jahren Weltmeister geworden ist.

Schaffen die Silberpfeile am Sonntag (6.00 Uhr MEZ, im VOL.AT-Liveticker) einen Doppelsieg, steigen Hamiltons Chancen auf den vierten Titel zumindest auf dem Papier weiter. Immer wenn einem Team im Albert Park ein Double gelungen ist, wurde der Sieger in diesem Jahr auch Champion.

Die größte Gefahr sieht Hamilton in einem anderen Teil des Reglements, nämlich dem abgespeckten Funkverkehr. “Ich habe viel Arbeit vor mir, muss mich auf alle Eventualitäten vorbereiten”, erklärte er den Samstagabend deshalb zur Nachtschicht.

Wolff: “Ziemlicher Mist”

Sein Motorsportdirektor Toto Wolff flüchtete zunächst in Ironie. “Ist es schon aus?”, scherzte er vor dem ORF-Interview, sprach dann aber auch Klartext bezüglich Qualifikationsmodus. “Das ist eine Verschlimm-Besserung, die wir uns da ausgedacht haben”, meinte der Wiener. “Jetzt heißt es wieder zur Normalität zurückkehren.” Und er ergänzt: “Ich sage ja selbst immer, wir sollen öffentlich nicht schlecht über die Formel 1 reden”, so der Mercedes-Motorsportchef am Samstag in Melbourne: “Aber ich glaube, das neue Qualifying-Format ist ziemlicher Mist.”

(APA/dpa)

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