Wir töten Stella – Trailer und Kritik zum Film

Akt.:

Mit “Die Wand” hat Regisseur Julian Pölsler vor fünf Jahren den bekanntesten Roman der österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer (1920-1970) verfilmt. Nun hat er sich ihrer 1958 erschienenen Novelle “Wir töten Stella” gewidmet und nicht nur in der Wahl der gleichen Hauptdarstellerin (Martina Gedeck) darauf Bedacht genommen, die beiden Filme aufeinander zu beziehen.

Pölsler ist bekennender Haushofer-Fan und plant mit einer Verfilmung ihres Romans “Die Mansarde” auch noch die Ausweitung zu einer Trilogie. Das mag den einen als ambitioniertes Projekt für eine längst fällige Wiederentdeckung einer frühen feministischen Autorin gelten, den anderen als gefährliche Drohung. Denn Freunde des unterhaltsamen und (ent-)spannenden Mainstream-Kinos werden an dem neuen Film keine Freude haben.

Wir töten Stella – Die Handlung

“Wir töten Stella” ist die grüblerische Selbstzerfleischung der Anwaltsgattin Anna, die schreibend die Ereignisse der vergangenen Wochen Revue passieren lässt. Die studierende 19-jährige Tochter einer Freundin war vorübergehend bei der vierköpfigen, gutbürgerlichen Familie eingezogen, sehr zum – allerdings nicht offen geäußerten – Unmut der Frau, die zu Recht den Familienfrieden dadurch gefährdet sah. Als die Frau ahnt, dass ihr Mann eine Affäre mit Stella begonnen hat, bleibt sie passive Beobachterin und lässt den Dingen ohne einzuschreiten ihren Lauf – eine Handlungsweise, die sie sich im Rückblick vorwirft und auf Angst und Bequemlichkeit zurückführt.

Pölsler, der auch für das Drehbuch verantwortlich ist, geht quasi mit Samthandschuhen an den Originaltext heran. Martina Gedeck spricht ihn aus dem Off, und meist ist sie dazu in sinnenden, ins Leere blickenden Großaufnahmen zu sehen. Wie in der Novelle steht Stellas Tod am Anfang – und die kurzen Einstellungen davon lassen offen, ob es sich tatsächlich um Selbstmord handelt, oder ob die verwirrte, panische junge Frau aus Unachtsamkeit auf die Straße und unter einen vorbeifahrenden Lastwagen geraten ist. “Es war ein Unfall, ganz eindeutig ein Unfall”, wird am Ende der selbstzufriedene Anwalt beschwörend proklamieren – und alle sind zufrieden. Der Störfaktor hat sich selbst aus dem Weg geräumt.

Wir töten Stella – Die Kritik

Während Pölsler mit Gedeck und der jungen Mala Emde, die für ihre Hauptrolle in dem Doku-Drama “Meine Tochter Anne Frank” viel Lob erhalten hatte, als unsicheres Mädchen an der Schwelle zur Frau zwei großartige Hauptdarstellerinnen zur Verfügung hat und Julius Hagg als halbwüchsiger, von seiner Mutter innig geliebter, von der Umgebung sich abschottender Sohn Wolfgang intensiv und glaubwürdig agiert, wird man mit Matthias Brandt (dem jüngsten Sohn von Willy Brandt) als Richard nicht ganz glücklich. Er ist jeder Zoll Familienpascha und arroganter, erfolgreicher Anwalt, Teil des von Männern errichteten Establishments – den immer auf der Suche nach neuen Abenteuern befindlichen Frauenhelden, das jederzeit zum Biss bereite Raubtier, dessen animalische Ausstrahlung Haushofer in ihrem Text immer wieder beschwört, will man ihm jedoch nicht wirklich abnehmen.

Pölsler unternimmt viel, das mit vielen Ausstattungsdetails bis hin zu Handyvideos in die Gegenwart gerückte Kammerspiel mit zusätzlichen Elementen anzureichern, um den Subtext zu verdeutlichen. Neben der schon aus “Die Wand” bekannten, mit Irritationen arbeitenden Tonspur, sind es vor allem albtraumartige Kunst- und Gedankenräume, die er öffnet, und die jenen inneren Horror andeuten, den man mit der verbissen bewahrten äußeren Fassade zu verbergen sucht. In einer kurzen Szene stößt Anna auch auf jene unsichtbare Wand, die in Haushofers späterem Roman die Protagonistin vom Rest der Welt abtrennen wird.

Auch auf der realen Ebene der Filmerzählung gibt es eine Metapher, die Pölsler herausarbeitet: Ein aus dem Nest gefallenes, flugunfähiges Vögelchen wartet vergeblich auf Hilfe. Sein Schicksal rührt die Erzählerin mehr als jenes Stellas. Aber auch hier sieht sie bloß zu, ohne einzugreifen. Und so ist “Wir töten Stella” ein Film, bei dem man sich ganz dringend wünscht, beim Verlassen des Kinos möge die Sonne scheinen und Vogelgezwitscher die Luft erfüllen.

>> Alle Filmstartzeiten zu “Wir töten Stella”

(APA)