WienPop: Die Geschichte der Popmusik als O-Ton-Collage ihrer Protagonisten

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Damals wie heute einer der Protagonisten in "Wienpop": Willi Resetarits - © Falter Verlag/APA

Aus einer 2009 entstandenen Idee entwickelte ein Autoren-Quartett ein ebenso ambitioniertes wie überdimensionales Buch-Projekt: “WienPop”. Nicht weniger als 130 namhafte Musiker, Produzenten und sonstige Auskenner erinnern sich darin an 50 Jahre Musikgeschichte. VIENNA.AT stellt das beeindruckende Ergebnis vor.

Es ist ein wahres Mammut-Projekt, das sich die vier Autoren Walter Gröbchen, Thomas Mießgang, Florian Obkircher und Gerhard Stöger vorgenommen haben: Fünf Jahrzehnte Musikgeschichte erzählt von 130 Protagonisten. Das Ergebnis: Das 400 großformatige Seiten starke Buch “WienPop”.

Pop und seine Spielarten im Wandel der Zeit

Worum es dem Autoren-Quartett geht, erläutert “Falter” Musik-Redakteur Stöger im Vorwort: “… um interessante Musik und ihre Hintergründe; das Buch erzählt individuelle Künstlergeschichten ebenso wie es einen Blick aufs große Ganze – eben die Wiener Popmusik im Laufe der Zeit – ermöglicht und damit auch das Porträt einer Metropole im Wandel liefert.”

Wobei sich das “Pop” in “WienPop” nicht auf Popmusik im strengen Wortsinn bezieht. Die – vielstimmige – Rede ist vielmehr von populärer Musik im weitesten Sinne, ob (Austro-)Pop, Rock, Punk oder elektronische Musik-Spielarten.

130 Musikschaffende erinnern sich

Dementsprechend breit gefächert sind der Inhalt und die Teilnehmenden des Kompendiums “WienPop”. Denn das Buch ist eine echte Fundgrube an Statement-Schmankerln so gut wie aller Musiker, Produzenten, Auskenner sowie in naher und ferner Vergangenheit Dabeigewesener. Ob Willi Resetarits aka Ostbahn Kurti, Wolfgang Ambros, Heli Deinboek, Richard Dorfmeister, DJ Elk, Christian Fuchs, André Heller, Stefan Weber, Marianne Mendt oder Peter Kruger und Richard Dorfmeister – so gut wie alle von Rang und Namen haben zu der bunten Collage, die “WienPop” darstellt, ihr Scherflein beigetragen.

Trockene Eckdaten wird man hier vergeblich suchen – sämtliche Interviewpartner geben im lockeren Plauderton ihre persönlichen Erinnerungen an die Bedeutung der und die Berührungspunkte mit Musik in ihrem Leben preis. Was sie hörten (erste selbst gekaufte LPs), was sie prägte, wie und wo ihre mehr oder weniger große Karriere als Musikschaffende in Wien ihren Anfang nahm.

Those were the days

Grob unterteilt ist “WienPop” in vier Abschnitte, die sich jeweils einer anderen musikalischen Zeitperiode widmen: den Fünfziger- und Sechziger-Jahren als Geburtsjahre der Popkultur generell, den Siebzigerjahren rund um Austropop und seine Alternativen, den Achtzigerjahren, in denen Punk die Stadt aufrüttelte und den Neunzigerjahren, als die Musik endgültig elektronisch wurde. Weiter in die Gegenwart reicht das Buch nicht, da die Musik der Nullerjahre erst mit gebührendem Abstand sinnvoll zu betrachten sei, wie es heißt.

Am Anfang war – wie könnte es anders sein – das Radio. In den Fünfzigerjahren die bedeutsamste – weil vielfach einzige – Quelle, die Musik in die heimischen Wohnzimmer brachte. Kinder sangen vor den Kasernen der US-Soldaten für Kaugummi “Sentimental Jorney”. In der Erinnerung von Resetarits, der in diesem Zusammenhang von seiner “musikalischen Sozialisation” spricht, differenzierte man anfangs noch wenig, was die Qualität des zu Hörenden betraf. Freddy Quinn war einer der Publikumslieblinge, die über den Äther kamen – selbiges galt für Schlagerstar Peter Kraus. Doch das sollte sich im Laufe der Jahre rasch ändern. Rock ‘n Roll war auf dem Vormarsch, die Vienna Beatles kamen auf.

Wienpop: Wo und wie Musik geschah

Marianne Mendt sang zur Aufnahme ihres Studiums des klassischen Gesangs Werke von Beethoven. André Heller beschreibt die Beat Ära in Wien als von unerträglichem Gesamtklima geprägt – “Beatles” war ein Schimpfwort. 1967 ging Ö3 on air, womit der Siegeszug der Popmusik seinen Lauf nahm, die Jazzszene wurde in der Bundeshauptstadt ebenfalls hochgehalten. Bob Dylan gewann an Bedeutsamkeit und beeinflusste Musiker wie Wolfgang Ambros und viele andere.

Den Inhalt von “Wienpop” hier zur Gänze wiederzugeben, würde den Rahmen sprengen – jedenfalls lässt das Buch keine wichtige Station in Sachen Musik in Wien aus und nimmt seine Leser auf so manchen “trip down memory lane” mit. Und an viele Wiener Locations, die heute teils noch vorhanden sind: vom Chelsea über die Bluebox und das Atrium (der heutige Ost Klub) bis hin zur in den Siebzigerjahren besetzten Arena, einem ehemaligen Schlachthof. Auch, wie es dazu kam, dass das Gelände in Erdberg zur Kulturlocation wurde, erfährt man im Buch bis ins Detail.

Lebendige Collage der Popmusik in Wien

Das alles trägt zu einem bunten, lebendigen Bild der Pop-Geschichte und der Stadt als Tummelplatz der Künstler bei, gespickt mit Zeitdokumenten und Versatzstücken wie Plattencovern, Flyern sowie Schnappschüssen von Musikern und Locations.

Fazit: “WienPop” ist ein Buch zum Vertiefen, zum Querlesen, zum Erinnern, zum Staunen und absolute Pflicht-Lektüre für alle, die sich in irgendeiner Form für in Wien gebürtige Musik interessieren.

(DHE)