Wiener Traditionsunternehmen Miller: Ältestes Geschäft der Mariahilfer Straße

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Das Traditionsgeschäft Miller auf der Wiener MaHü.
Das Traditionsgeschäft Miller auf der Wiener MaHü. - © Isabella Abel
Das älteste Geschäft der Mariahilfer Straße schreibt Geschichte(n) – im wahrsten Sinne des Wortes. Seit bereits 150 Jahren bietet das Papierfachgeschäft Miller eine Wunderwelt der schönen Dinge, fernab von Mainstream-Massenwaren. Geschichtlicher Rückblick eines Wiener Traditionsunternehmens.

Die ganze Papierbranche wird von Standardware dominiert. Die ganze Papierbranche? Nein, denn das Kultgeschäft Miller auf der Mariahilfer Straße 93 schreibt seit 150 Jahren bereits Erfolgsgeschichte

„Nur was man gerne tut, tut man wirklich gut“, weiß Georg Mosler, Inhaber von Miller Schreibkultur, der das traditionsreiche Familienunternehmen bereits in fünfter Generation führt. Das Credo: Was hier über den Ladentisch wandern soll, muss zunächst einmal seinen eigenen Herzschlag beflügeln: „Ich bin ein Liebhaber der besonderen Dinge – nur was mich fasziniert, findet man auch im Geschäft“.

Ausgesuchte Produkte statt 08/15-Ware

Dem engagierten Geschäftsführer wurden die hohen Ansprüche wohl bereits in die Wiege gelegt: Bereits sein Ururgroßvater Friedrich Miller war von einer ähnlichen Leidenschaft fürs Schöne getrieben, als er 1866 in Wien das erste Geschäftslokal eröffnete. Geboren im schwäbischen Ulm, wanderte dieser in jungen Jahren in die stark wachsende, aufstrebende K. &. K. Donaumetropole aus. Damals schon legten die Millers Wert auf Qualität und Produkte mit dem gewissen Etwas. Zu Beginn importierte Friedrich Miller nämlich Schreibfedern aus hochwertigem englischen Stahl, welche damals als die besten der Welt galten.

Das gilt auch heute noch: Statt 08/15-Ware bietet Miller seinen Kunden ein liebevolles Sortiment zum Schmökern, Gustieren und Probieren.

Miller: Geschichte eines Traditionsbetriebs

Die erste Niederlassung war auf der Mariahilfer Straße 93 in einem niedrigen 2-geschoßigen Vorstadthaus untergebracht. Nachdem die Straße vom Kaiserpaar regelmäßig für Ausfahrten nach Schönbrunn genutzt wurde, ersetzte man das Gebäude jedoch bald durch einen „modernen“ und repräsentativen Gründerzeitbau, der in seiner originalen Form bis heute erhalten ist.

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Bild: Isabella Abel

Dort kam bald der Großhandel mit Buntpapieren hinzu. Der Clou: Buntpapiere waren in einer Unzahl an Farben und Mustern lagernd und konnten aus so genannten Musterbüchern direkt im Geschäft ausgesucht werden. Zusätzlich wurden die begehrten Papierwaren in alle Länder der K. & K. Monarchie exportiert. Um die steigende Nachfrage zu bewältigen mietete man im Nachbarhaus Mariahilfer Straße 95 zusätzliche Lagerräumlichkeiten an. Sogar Schienen wurden dort verlegt, um die schweren Papiere leichter verladen zu können. Diese sind in einem Teil des Hauses noch heute zu bewundern.

Die Ziege im Miller

Eine Zäsur stellte naturgemäß der erste Weltkrieg dar: Da die Regale in dieser Zeit der Lebensmittel-Knappheit bescheiden gefüllt waren, wurde in einem der leeren Lager ein kleiner Stall eingerichtet und eine Ziege angeschafft. Noch heute erzählt man sich schmunzelnd die Anekdote, wie das Tier regelmäßig durch den Innenhof geführt wurde. Dieser Spaziergang, waren die Millers überzeugt, sollte die Milch noch schmackhafter und gesünder machen – besonders für die drei Buben der Familie, darunter Ernst Miller, den 2008 verstorbenen Großvater vom heutigen Geschäftsführer Georg Mosler.

Der Ausbruch des zweiten Weltkriegs brachte einen starken Rückschlag für das Unternehmen. Zumindest ein Notbetrieb konnte aber selbst während dieser dunkelsten Zeit  aufrechterhalten werden, auch blieb das Haus von größeren Kriegsbeschädigungen verschont. In den „Roaring Fifties“ begann das Traditionsunternehmen in den Produktbereichen Bürobedarf und Büroorganisation einen wachsenden Kundenstock in ganz Österreich aufzubauen. Der Großhandel florierte, und auch im Detailgeschäft wurde das Angebot an schönen Füllfedern, edlen Kugelschreibern, sowie außergewöhnlichen Geschenk- und Schreibpapieren stetig erweitert.

U3-Bau auf der Mariahilfer Straße

Die Mariahilfer Straße avancierte zur beliebtesten Einkaufsstraße Wiens, und so gab es in den 60er- und 70er-Jahren vor Weihnachten Zeiten, an denen man die Kunden nur mehr „gruppenweise“ in das Geschäft lassen konnte.

Eine neue Belastungsprobe für die gesamte Straße stellte der sieben Jahre dauernde Bau der Linie U3 dar. Etwa die Hälfte der bestehenden Geschäfte hielten dieser nicht stand. Und so sprach man Ende der 80er – in Anspielung auf die vielen kleinen „Ungarngeschäfte“, die damals kurzfristig in leerstehenden Verkaufslokalen aufsperrten – übrigens auch von der „Magyarhilfer Straße“. Miller trotzte den Widrigkeiten des U-Bahn-Baus dank der Mitarbeit der ganzen Familie – damals die 4. und schon die 5. Generation. Schon bald nach Eröffnung der U3 investierte man Mitte der 90er Jahre in einen zeitgemäßen Umbau des alten Ladengeschäftes.

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Bild: Isabella Abel

Mehr filialisierte Anbieter folgten in Wien

Neue Herausforderungen brachte der Erolg der Mariahilfer Straße, mit steigenden Mieten, die die „alteingesessenen Firmen“ verdrängten. So wurde die Einkaufs-Individualität der vielen kleinen inhabergeführten Geschäfte durch filialisierte Anbieter vereinheitlicht. Ein Trend, dem sich auch das Unternehmen Miller stellen musste.

Die Lösung: Den Produktfokus verstärkt auf jene Artikel zu verlegen, die man sonst nirgends mehr findet. Kenner wissen: Miller bietet die seltene Gelegenheit, dieses exklusive Sortiment mit allen Sinnen buchstäblich zu „be—greifen“. Denn oft sind Papiere und Muster so schön, dass man einfach darüberstreichen muss. Oder Füller so edel, dass man sie unweigerlich in die Hand nehmen möchte. “Dagegen können digitale Anonymität und standardisierte Massenware nicht mithalten,” so das Unternehmen.

Hochwertige Schreibgeräte, feine Papiere

Die langfristige Sicherung des Standortes – inzwischen für die 5. und heranwachsende 6. Generation – hat man 2013 durch die Übersiedlung in das neu adaptierte Nachbarlokal erreicht, seit 1866 immer noch an derselben Geschäftsadresse. Hochwertige Schreibgeräte, feine Papiere, Billets, Kalender, Notizbücher und Fotoalben und mehr werden hier präsentiert. Allesamt hochwertige und individuelle Produkte, von Inhaber Georg Mosler und seinem Team mit Liebe ausgesucht – eben ganz der 150-jährigen Familientradition folgend.

Das  Büro- und Schulsortiment findet sich seit 2013 im neu errichteten Lokal im Innenhof des Gründerzeithauses – übrigens an jener Stelle, wo vor genau 100 Jahren die berühmte Ziege ihren Stall hatte.

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