Wiener Telefonseelsorge: Zu Weihnachten "ein Ohr" schenken

Wiener Telefonseelsorge: Zu Weihnachten "ein Ohr" schenken
“Danke, dass Sie mir zugehört haben.” Diesen Satz werden Mitarbeiter der Wiener Telefonseelsorge an den Feiertagen wohl wieder oft zu hören bekommen. Wie jedes Jahr erwarten die Mitarbeiter der Einrichtung besonders viele Anrufe rund um den Heiligen Abend.

“Zu Weihnachten erscheinen die Brüche, die man im Leben hat, wie unter einem Vergrößerungsglas”, sagte Leiterin Marlies Matejka im APA-Gespräch und appellierte, zum Fest vielleicht einmal als unkonventionelles Präsent jemanden “ein Ohr” zu schenken.

Mehr als hundert Anrufe jeden Tag

Rund um Weihnachten rechnen die Helfer mit mehr als hundert Anrufe pro Tag – unterm Jahr sind es zwischen 70 bis 90. Zum Fest seien der Druck im Allgemeinen und das Bedürfnis nach Harmonie besonders hoch: “Am 24. 3. allein in der Wohnung zu sitzen, tut nicht so weh wie zu Weihnachten oder wenn man arbeitslos ist und keine Geschenke für seine Kinder kaufen kann”, nannte Matejka Beispiele.

Bei vielen Anrufern erkenne man eine Art “Angst vor Weihnachten”: Weil sie sich z. B. alleine fühlten, Schmerzen hätten oder ihnen scheinbar alles zu viel werde. Auch Probleme in der Partnerschaft oder der Verlust eines nahe stehenden Menschen wiegen zum Fest oft sehr schwer. “Oder jemand ruft an und erzählt, dass sie ihm Gas und Strom abgedreht haben und er nicht mehr weiter weiß”, so Matejka. “Das Bedürfnis für ein Gespräch ist zu Weihnachten jedenfalls größer.”

“Ich habe gehört, es ist nicht ‘in’ oder schick, zuzuhören. Wir erleben das aber als etwas Heilsames und etwas, das wir heute viel zu wenig bekommen”, sagte die Leiterin. “Viele Anrufer sagen: ‘Danke, dass Sie mir zugehört haben.'” Die Telefonseelsorge sei eine Art Auffangnetz, wenn man niemanden mehr zum Reden habe: “Aber eigentlich ist es etwas, das jeder probieren könnte. Man sagt doch: ‘Ich schenke dir mein Ohr.'” Jeder könnte sich zu Weihnachten oder Neujahr vornehmen, sich für den anderen einmal ernsthaft zu interessieren und wirklich einmal zuzuhören, schlug die Leiterin vor.

Aber nicht nur in Wien werden zu Weihnachten vermehrt Anrufer erwartet, sondern auch in den restlichen Bundesländern. Getragen werden die Hilfsangebote gemeinsam von der katholischen und der evangelischen Kirche; in Vorarlberg ist ein privater Verein tätig. Insgesamt 800 ehren- und 25 hauptamtliche Mitarbeiter aus allen Berufsgruppen sind bei den Einrichtungen tätig. Die Anrufer sind übrigens bunt gemischt: Die Palette reicht von Kindern bis zu Pensionisten. Durchschnittlich am häufigsten rufen 40- bis 60-Jährige an.

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